Normalerweise sind es Kunden, die Autobauer verklagen. Mal geht es um Softwarefehler, mal um Unfälle oder Serienmängel. Doch dieser Fall läuft genau andersherum: Mercedes-Benz zieht vor Gericht – weil ein Mercedes-AMG G 63 4x42 im Wert von mehr als 500.000 Euro auf dem Transportweg einfach verschwand. Nicht beschädigt, nicht verspätet, nicht fehlgeleitet. Sondern weg.
Ein Kauf, ein Kredit – und eine erstaunliche Odyssee
Alles beginnt Ende 2024 in Brooklyn, New York. Dort kauft William Costa einen ab Werk hochgelegten Mercedes-AMG G 63 4x42. Gesamtpreis umgerechnet etwa 537.000 Euro. Einen Großteil davon finanziert er über Mercedes-Benz Financial Services (MBFS). Käufer und Händler haben so weit alles ordnungsgemäß gemacht – und sind deshalb auch nicht Teil der späteren Klage.
Für die Überführung nach Henderson, Nevada, beauftragt Costa den Transportbroker Carpool Logistics. Und hier beginnt eine Lieferkette, die eher an ein "Stille-Post"-Spiel erinnert als an den Transport eines halbe Millionen Euro teuren Luxus-SUV. Carpool Logistics reicht den Auftrag an Deep Xpress weiter. Deep Xpress wiederum an Dreamwork Towing. Dreamwork Towing holt den G 63 im Januar 2025 beim Händler ab – und übergibt ihn noch am selben Tag auf einem Parkplatz an G Quality Transportation. Spätestens hier dürfte sich jeder Versicherer nervös im Stuhl bewegt haben.
Warum steht ein G 63 plötzlich in Los Angeles?
Sechs Tage später meldet G Quality Transportation Vollzug: Der Mercedes-AMG G 63 wird "am Straßenrand" in Los Angeles abgestellt. Der Transport wird bar bezahlt. Warum Los Angeles? Das eigentliche Ziel liegt rund 300 Kilometer nordöstlich in Henderson, Nevada. Eine Erklärung dafür gibt es bislang nicht. Kurz darauf meldet der ursprüngliche Broker das Fahrzeug als gestohlen. Und dann: Funkstille. Kein GPS-Signal, kein Auffindort, keine G-Klasse . Der rund drei Tonnen schwere Luxus-SUV ist bis heute nicht wieder aufgetaucht.
G Quality Transportation wiederum erklärt, man habe lediglich die erhaltenen Anweisungen befolgt. Der Auftrag sei nicht von Carpool Logistics gekommen, sondern über andere Wege – unter anderem über die Plattform Central Dispatch. Wer nun tatsächlich wem was gesagt hat, ist Teil des juristischen Nebels, der sich über diesen Fall gelegt hat.
Mercedes verliert die Geduld – und klagt
Mercedes-Benz Financial Services will das so nicht stehen lassen. Der Finanzdienstleister verklagt mehrere beteiligte Broker und Transportunternehmen und beruft sich unter anderem auf den Carmack Amendment, ein US-Bundesgesetz zur Haftung bei Verlusten im grenzüberschreitenden Güterverkehr.
Die Kernthese von Mercedes: Jede beteiligte Partei hatte den G 63 zeitweise in ihrer Obhut – und damit Verantwortung. Dass ein Fahrzeug im Wert von über einer halben Million Euro am Ende einfach verschwindet, sei das Ergebnis mangelhafter Kontrolle, fehlender Abstimmung und organisatorischer Fahrlässigkeit.
"Die Aufgabe registrierter Broker und Transportunternehmen ist es, hochwertige Güter sicher von A nach B zu bringen", so MBFS-Anwalt Charles Ostrowski. "In diesem Fall wurde diese Aufgabe nicht erfüllt."
Ein Lehrstück über schlechte Luxuslogistik
Der Fall zeigt eindrucksvoll, wie riskant hochgradig fragmentierte Transportketten sein können. Statt eines klar verantwortlichen Logistikpartners waren hier mindestens zwei Broker und vier Transportunternehmen involviert. Solange alles funktioniert, fällt das nicht auf. Wenn etwas schiefläuft, wird aus Zuständigkeit schnell Zuständigkeits-Pingpong.
Wie ein über 500.000 Euro teurer Mercedes-AMG G 63 spurlos verschwinden kann, soll nun das Gericht klären. Erst die Offenlegung von Verträgen, E-Mails und Übergabeprotokollen dürfte zeigen, wo die G-Klasse tatsächlich "vom Weg abgekommen" ist. Ob er jemals offiziell wieder auftaucht, bleibt abzuwarten.












