Audi E-Tron, virtuelle Aussenspiegel Audi
Audi E-Tron, virtuelle Aussenspiegel
Mercedes Actros, Kameraarm
Mercedes Actros, Interieur
Mercedes Actros, Kameraarm 7 Bilder

Virtuelle Außenspiegel

Sind Kameras besser?

Ein größeres Sichtfeld, weniger Luftwiderstand und mehr Sicherheit: Mit diesem Versprechen wollen Kameras die klassischen Außenspiegel verdrängen. Wir sagen, was diese Lösungen taugen.

Das erste Mal waren Kamera-Außenspiegel 2014 im Serieneinsatz – oder zumindest so ähnlich. Denn schon der Dieselhybrid XL1 von VW, der für über 100.000 Euro verkauft und nur 200 Mal gebaut wurde, nutzte wegen der Aerodynamik Kameras statt klassischer Außenspiegel. Heute sind Kameraspiegel noch immer kein Massenphänomen. Zwar gibt es in manchen Märkten mittlerweile einige Fahrzeuge mit Kamera-Innenspiegel, beispielsweise Cadillac CT6, Nissan Note, Toyota RAV4 und Range Rover Evoque. Den Außenspiegel mit einer Kombination aus Kamera und Bildschirm zu ersetzen bleibt dagegen eine Seltenheit. Neben dem Audi E-Tron und dem für 2020 angekündigten Honda e sind die Mercedes-Lkw Actros und Arocs die einzigen Fahrzeuge, die auf die aufwendige Elektronik setzen.

Der tote Winkel ist passé

Dabei liegen die Vorzüge auf der Hand, wenn es nach den Herstellern geht. Durch Kamerasysteme kann das Sichtfeld des Rückspiegels nicht nur deutlich vergrößert und an unterschiedliche Fahrsituationen angepasst werden. Auch der tote Winkel, der gerade bei großen Fahrzeugen wie SUV und vor allem Lkw ein immenses Sicherheitsrisiko darstellt, verringert sich um ein Vielfaches.

Mercedes Benz, Mercedes Actros, Grafik
Katrin Harten
Microcam - bessere Sicht auf den Trailer. Bei Kurvenfahrten schwenkt das Bild des kurveninneren Displays mit und liefert so eine optimale Sicht auf den ganzen Trailer.

Dank einer ausgeklügelten Software lässt sich das Kamerabild beim Lkw beispielsweise auch in Kurvenfahrten so anpassen, dass der Fahrer immer das Ende seines Aufliegers im Blick behalten kann und nicht nur – wie früher – die Planenwand des Anhängers sieht. Zudem sind die Kameras deutlich kleiner als konventionelle Außenspiegel, was die Aerodynamik verbessert und damit die Effizienz erhöht. "Mit unserem System spart man zwischen 1,3 und 1,5 Prozent Kraftstoff", erklärt Dirk Stranz, Versuchsingenieur der Gesamtfahrzeugerprobung bei Mercedes-Benz Trucks. "Das mag nach wenig klingen, im Lkw-Bereich müssen sie so ein Potenzial aber erst einmal finden." Ein Umstand, der auch E-Autos wie dem Audi E-Tron in die Karten spielt, um die Reichweite zu erhöhen.

Für Pkw-Fahrer aber viel wichtiger: "Mit den Kameraspiegeln wird man bei Nacht durch rückwärtigen Verkehr nicht wie bei Glasspiegeln geblendet", erklärt Andreas Brüggelmaier. Er ist Systemverantwortlicher bei Audi für den virtuellen Außenspiegel und besonders stolz darauf, dass es den Ingolstädtern gelungen ist, nicht nur den Kameraspiegel unterzubringen, sondern ihn auch mit OLED-Displays einzusetzen. Die Touchscreen-Displays von Samsung haben laut Brüggelmaier den Vorteil, dass sie deutlich kontrastreicher sind und keine Hintergrundbeleuchtung brauchen wie klassische LCD-Displays. "Das verbessert die Sicht nach hinten noch einmal."

Noch nicht ausgereift

Ganz so einfach ist es aber nicht, wie die ersten Fahrversuche im Audi E-Tron zeigen. Denn bei all den genannten Vorteilen, die ein virtueller Spiegel hat, bringt der Glasspiegel durchaus auch Vorzüge mit, was das Zusammenspiel mit dem menschlichen Auge angeht.

Während wir in einen Spiegel schauen, fokussieren wir das reale Objekt mit der realen Entfernung. Beim Display stellt unser Auge dagegen die Bildschirmoberfläche scharf. Vor allem für Brillenträger mit Gleitsichtgläsern kann das zum Problem werden. Das Auge funktioniert dabei ähnlich wie ein Objektiv auf einer Kamera. Bei weit entfernten Objekten, die der Fahrer auf der Straße oder durch den Glasspiegel sieht, genügt meist die Stellung "unendlich", sodass nicht neu fokussiert werden muss. Die Displays sind aber im Nahbereich angebracht, sodass beim Wechsel zwischen Fahrbahn, rechtem und linkem Außenspiegel-Display jedes Mal neu justiert wird, was zum einen ungewohnt sein kann und im schlimmsten Fall etwas dauert.

Display-Position ist wichtig

Hinzu kommt, dass die Bildschirme im Audi vergleichsweise tief angebracht und so in der Tür positioniert sind, dass der Fahrer den Kopf stark neigen muss, um das Display abzulesen. Im Honda e ist das besser gelöst, wie Testfahrten mit dem Prototyp zeigten.

Honda e, Interieur
Manuel Portugal
Im Honda e gibt es gleich vier Displays. Ganz außen im Armaturenbrett sieht man die Aufnahmen der Kameras.

Zudem fiel uns bei den Fahrten im Audi immer wieder auf, dass sich die Helligkeit der Displays nicht gut an die Umgebung anpasst, wenn sich die Lichtbedingungen etwa in Häuserschluchten oder bei tief stehender Sonne schnell ändern. Ähnlich wie bei LED-Scheinwerfern, die vor die Linse des virtuellen Spiegels kommen, tritt ein Stroboskopeffekt auf, den auch die Anti-Flicker-Software nicht vollständig verhindern kann.

Ob das Panasonic-System im Honda hier auch besser ist, muss sich noch zeigen, da die Fahrten nur unter idealen Wetterbedingungen stattfanden. Die Fahrversuche machten aber klar, dass ein guter virtueller Spiegel ein echter Mehrwert sein kann.

Fazit

Kameras anstelle von Außenspiegeln können die Sicherheit im Straßenverkehr erheblich erhöhen – wenn die Technik perfekt funktioniert. Doch das ist derzeit noch nicht der Fall, daher bleibt der Außenspiegel im Rennen.

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