Zunächst werden auf einer Départementstraße bei Potigny in der Normandie gemahlene Jakobsmuschelschalen mit Erde und Zement vermischt. Bevor die Asphaltdecke aufgetragen wird, kommt die Pulver-Mischung als Unterbau zum Einsatz.
Calciumcarbonat steckt auch in Zement
"Das Pulver aus Jakobsmuschelschalen besteht aus reinem Calciumcarbonat. Es handelt sich dabei um einen Bestandteil, der auch in Zement vorkommt. Durch seinen Einsatz können wir einen Teil des Zements ersetzen", sagte Hervé Dumont, zuständig für Sonderentwicklungen bei Eiffage Route, dem französischen Fernsehsender TF1.
Wie groß der Anteil des Muschelpulvers an der gesamten Mischung ist, wurde nicht genannt. Vollständig ersetzt werden kann der Zement bei dem Projekt nicht.
Pulver ist feiner als Talkum
Vor dem Einsatz müssen die Schalen gereinigt und zerkleinert werden. Sie stammen aus dem rund 80 Kilometer entfernten Hafen von Port-en-Bessin-Huppain im Département Calvados. Die Verarbeitung übernimmt ein Werk des Unternehmens Kélifos in Colembert im Norden Frankreichs. Dort werden die Muschelschalen zu einem Pulver mit einer Korngröße von etwa 30 Mikrometern gemahlen. Das entspricht 0,03 Millimetern.
"Das Pulver ist feiner als Talkum", erklärte Kélifos-Präsident Étienne Denis gegenüber TF1. Durch die einheitliche Korngröße lässt sich das Material gezielt mit den übrigen Bestandteilen vermischen.
In dem Werk werden nach Angaben des Berichts jährlich rund 2.000 Tonnen Jakobsmuschelschalen verarbeitet. Zuvor wurden diese Rückstände überwiegend abgelagert. Die Anlage liegt in der Nähe von Boulogne-sur-Mer, einem wichtigen Standort der französischen Fisch- und Meeresfrüchteindustrie. Dort fallen die Schalen in größeren Mengen an.
Versuchsstrecke wird drei Jahre geprüft
Die Départementstraße bei Potigny dient zunächst als Versuchsstrecke. In den kommenden drei Jahren sollen die Haltbarkeit der Tragschicht und mögliche Veränderungen durch Verkehr, Frost und Niederschläge untersucht werden.
Auch die Kosten entscheiden darüber, ob das Verfahren auf weiteren Straßen eingesetzt werden kann. Angaben zum Preis der Mischung liegen bisher nicht vor. Neben der Aufbereitung müssen dabei auch die Transporte vom Hafen zum Verarbeitungsbetrieb und anschließend zur Baustelle berücksichtigt werden. Mehrere französische Départements sollen sich bereits für das Verfahren interessieren. Weitere konkrete Straßenbauprojekte wurden jedoch noch nicht angekündigt.
Muschelschalen bereits in Pflastersteinen verwendet
Neu ist die Verarbeitung von Jakobsmuschelschalen als Baustoff in Frankreich nicht. In Wimereux an der Kanalküste wurde das Material bereits für die Herstellung von Pflastersteinen auf einem Platz genutzt. In Frankreich werden jährlich rund 150.000 Tonnen Jakobsmuscheln konsumiert. Für eine größere Nutzung im Bauwesen ist allerdings nicht allein die Gesamtmenge entscheidend. Die Schalen müssen an geeigneten Standorten gesammelt, gereinigt und mit vertretbaren Transportwegen verarbeitet werden können.
Die Jacobsmuschel als DelikatesseDie Jakobsmuschel gilt in der französischen und mediterranen Küche als hochwertige Delikatesse. Verwendet wird vor allem der weiße Schließmuskel, der kurz gebraten, gratiniert oder roh als Carpaccio serviert wird. Ihr Fleisch schmeckt mild, leicht süßlich und bleibt bei kurzer Garzeit zart. In Frankreich gehört die "Coquille Saint-Jacques" besonders in der Normandie und der Bretagne zu den bekannten regionalen Spezialitäten.
Ob der Baustoff tatsächlich weniger CO₂ verursacht als eine herkömmliche Mischung, ist noch nicht belegt. Dafür müssten neben dem geringeren Zementanteil auch der Energiebedarf für Reinigung und Zerkleinerung sowie die Transportwege berücksichtigt werden.





