Es ist natürlich Zufall, dass die Raben vor Beginn der Pressekonferenz laut kreischend über dem Center of Excellence in Sindelfingen kreisen. Aber sie sind ein Symbol für die Situation, in der sich Mercedes aktuell befindet. Der Gewinn bricht um 49 Prozent ein (statt 10,4 Milliarden sind es nur noch 5,3 Milliarden), der Absatz beläuft sich auf 1,8 Millionen Autos. Und trotz sieben Weltpremieren (VLE, S-Klasse Maybach, C-Klasse BEV, GLE/Coupe, GLS, AMG GT) in den nächsten drei Monaten dieses Jahres sollen es auch für 2026 nicht so viel mehr sein. Im Klartext: Das 2-Millionen-Absatzziel dürfte die Marke mit dem Stern nicht vor 2028/29 erreichen. Mercedes definiert es als ein mittelfristiges Ziel. Nicht viel besser sieht es bei der Umsatzrendite aus: 2025 liegt sie bei fünf Prozent, 2026 rechnet man mit drei bis fünf Prozent.
Prognose? Allenfalls vorsichtig optimistisch
Von Schwarzmalerei ist Mercedes-Chef Ola Källenius bei der Präsentation der Zahlen natürlich weit entfernt. Aber man merkt: Der gebürtige Schwede ist angespannt. Fast nervös. Es ist ihm wichtig, den Journalisten zu erklären, was passiert ist – und wie es bei Mercedes weitergeht. Fest steht: Nach dem kostspieligen Ausflug ins Luxus-Fach muss er die Marke mit dem Stern wieder auf Kurs bringen. Und er muss deutlich erklären, wie das geht. Denn sonst verlieren die Aktionäre den Glauben an die Zukunft des Unternehmens. Källenius weiß das.
Dabei liefert die Marke aus technischer Sicht hervorragende Produkte: Der neue CLA ist in den auto motor und sport-Vergleichstests ein überzeugender Siegertyp. Die Limousine auf der neuen MMA-Plattform ist das erste komplett softwaredefinded Vehicle (SDV) des Hauses, das mittlerweile so gefragt ist, dass monatelange Lieferfristen entstehen.
Der Absatz in China wird weiter schrumpfen
Wo also drückt der Schuh? Besonders in China, auch wenn mit Oliver Thöne dort ein neues, engagiertes Vorstandsmitglied seit einem Jahr die Besonderheiten jener Kundschaft zu eruieren versucht, die im Schnitt 37 Jahre alt und sechs Stunden am Tag online ist. Erste Botschaft: Die ersten Verkaufszahlen des CLA in China sind wiederum enttäuschend, auch wenn das Auto attraktiv eingepreist ist. Hat Mercedes hier wie bei EQE und EQS wiederum nicht den Geschmack der Kundschaft getroffen? Das Augenmerk läge auf dem neuen elektrisch betriebenen GLC und der elektrischen E-Klasse, deren Markteinführung noch bevorstehe. "Der CLA spielt in China eher die Rolle eines Nischenautos", erklärt Oliver Thöne. Ob das wirklich so geplant war?
Mit Blick auf China bleibe man vorsichtig, erklärt Ola Källenius, auch wenn sieben neue Modelle speziell für diesen Markt in 2026 gedacht sind. Besonders der GLE in Langversion wird auf den Geschmack der Kunden zugeschnitten und in China gefertigt. Trotzdem bleibt die Absatzerwartung für 2026 unter dem Jahr 2025, längerfristig geht man von einem jährlichen Absatzziel zwischen 500.000 und 600.000 Modellen aus.
Schlingerkurs bei der Antriebswende
Ein weiterer Stolperstein des Jahres 2025: Die US-Zölle, die man nicht vollständig kompensieren konnte. Allein die Kosten dafür bezifferte Finanzvorstand Harald Wilhelm für 2025 auf eine Milliarde Euro, also rund 20 Prozent des Gewinneinbruchs. Und 2026 wird es mehr, weil die Zölle fürs ganze Jahr gelten. Geld, das in der Kasse fehlen wird. Doch damit ist Mercedes nicht allein. Auch nicht mit den Folgen von Donald Trumps Fossil-Fetisch.
Auch wenn Källenius immer wieder betont, dass das Zeil der CO₂-Neutralität unverrückbar ist und die Zukunft des Autos elektrisch, setzt er aktuell wieder auf Verbrenner. Kein Wunder angesichts eines Absatzanteiles von 85 Prozent in den USA. Bei Mercedes sind von den 40 neuen Modellen, die bis 2027 angekündigt sind, allein im Topsegment elf mit Diesel bzw. Benziner ausgestattet, im Einstiegsbereich sind es fünf Elektroautomodelle und fünf Verbrenner. Trotzdem ist das eine Wette auf die Zeit: Das Aus vom Verbrenner-Aus, wie er es als ACEA-Präsident anstrebt, ist lange nicht beschlossen. 2026 dürfte die EU noch intensiv über die Aufweichung des ursprünglichen Ziels von 100 Prozent CO₂-Neutralität in 2035 diskutieren. In vielen Ländern regt sich Widerstand.












