Die Fahrzeuge besitzen zwar formell gültige Zulassungsdokumente, der tatsächliche Halter ist jedoch häufig nicht mehr eindeutig feststellbar. Für Polizei und Behörden wird es dadurch deutlich schwieriger, Fahrzeuge nach Verkehrsverstößen oder Straftaten zuzuordnen.
Der finanzielle Schaden ist erheblich. Allein zwischen 2022 und 2024 entgingen dem Staat laut Bericht mehr als 550.000.000 Euro. In dieser Summe enthalten sind nicht gezahlte Zulassungsgebühren sowie Bußgelder etwa aus Geschwindigkeits- oder Parkverstößen. Der Rechnungshof schreibt, Schwachstellen im System hätten "dem gesamten Spektrum der Kriminalität den Zugang ermöglicht", von kleineren Delikten bis hin zu organisierter Kriminalität.
Reform von 2017 öffnete das System für private Anbieter
Auslöser der Entwicklung ist nach Recherche der Zeitung "Le Monde" eine Reform aus dem Jahr 2017. Damals schloss Frankreich die klassischen Zulassungsschalter in den Präfekturen und verlagerte die Verfahren weitgehend ins Internet. Gleichzeitig erhielten private Anbieter Zugriff auf das staatliche Fahrzeugregister.
Dabei handelt es sich um das System SIV, die zentrale Datenbank für Fahrzeugzulassungen in Frankreich. Dort sind die wichtigsten Informationen zu rund 69 Millionen Fahrzeugen gespeichert. Ziel der Reform war eine schnellere Bearbeitung der Anträge. Fahrzeugpapiere sollten nicht mehr nach langen Wartezeiten ausgestellt werden, sondern häufig innerhalb weniger Tage.
Geisterfirmen registrieren Fahrzeuge
Nach Einschätzung des Rechnungshofs wurden die Zugänge jedoch mit vergleichsweise geringen Hürden vergeben. Tausende Unternehmen erhielten eine Zulassung zum System. Darunter befanden sich auch Firmen ohne tatsächlichen Geschäftsbetrieb.
In vielen Fällen handelte es sich um sogenannte Geisterfirmen. Diese Unternehmen existierten teilweise nur auf dem Papier oder unter einer Briefkastenadresse. Trotzdem erhielten sie eine Genehmigung zum Zugriff auf das Zulassungssystem und konnten Fahrzeuge registrieren oder Einträge verändern.
Ermittler identifizieren hunderte Firmen
Nach Angaben der Ermittler sind 291 solcher Unternehmen identifiziert worden. In einzelnen Fällen registrierten Anbieter innerhalb weniger Jahre hunderttausende Vorgänge. Ein dokumentierter Fall nennt 265.000 Einträge innerhalb von drei Jahren, so hat es die Zeitung "Le Figaro" recherchiert.
Die Folge sind Fahrzeuge, die zwar im System erscheinen, deren tatsächliche Halter jedoch nicht mehr eindeutig nachvollzogen werden können.
Steuertricks und auffällige Verkehrsstatistik
Ein Teil der Manipulationen betrifft steuerliche Regelungen. Ermittler stellten fest, dass leistungsstarke Fahrzeuge teilweise in Kategorien eingetragen wurden, für die geringere Abgaben gelten. Dadurch ließen sich Umweltabgaben oder regionale Steuern umgehen. In anderen Fällen wurden Fahrzeuge im System geführt, ohne dass ein tatsächlicher Halter eindeutig zugeordnet werden konnte.
Auf das Problem wurden Behörden unter anderem durch auffällige Verkehrsstatistiken aufmerksam. Zwischen 2016 und 2022 stieg die Zahl besonders schwerer Geschwindigkeitsüberschreitungen um 160 Prozent. Bei der Auswertung der betroffenen Kennzeichen zeigte sich, dass viele Fahrzeuge auf Firmen registriert waren, die nicht existierten oder keine reale Tätigkeit hatten.
Rechnungshof kritisiert langsame Reaktion des Staates
Der Rechnungshof kritisiert neben den strukturellen Schwächen des Systems auch die langsame Reaktion der Behörden. Eine Strategie zur Bekämpfung von Dokumenten- und Identitätsbetrug wurde erst 2020 eingeführt, also mehrere Jahre nach der Reform.
Kontrollen der zugelassenen Anbieter fanden zudem nur selten statt. Präfekturen überprüften jährlich lediglich rund drei Prozent der Unternehmen. Statistisch hätte damit ein Anbieter im Durchschnitt nur etwa alle 33 Jahre mit einer Kontrolle rechnen müssen.
Maßnahmen sollen das System sichern
Erst 2025 beschloss das französische Innenministerium einen Maßnahmenplan gegen den Missbrauch des Systems. Nach Angaben des Ministeriums stieg die Zahl der entdeckten Betrugsfälle zwischen dem ersten Halbjahr 2023 und dem ersten Halbjahr 2025 um 60 Prozent.
Gleichzeitig wurde die Zahl der Anbieter mit Zugriff auf das System reduziert. Sie sank von rund 39.000 auf etwa 27.000. Weitere Genehmigungen sollen überprüft oder entzogen werden. Ein neues Zulassungssystem mit stärkeren Kontrollmechanismen wird derzeit vorbereitet.











