Egal, ob kratergroße Schlaglöcher, eine Baugrube oder anderes Zeugs auf der Straße: Die autonomen Liefervans machen keine Gefangenen. Grobe Gräben, kein Problem. Frischer Beton, kein Problem. Andere "Verkehrsteilnehmer", schleift man mit.
Und wenn der Auftrag dann auch mal kurz in Vergessenheit gerät, wie zum Beispiel an einer Ampel, helfen freundliche Mitmenschen dem Algorithmus durch einen beherzten Tritt gegen die Karosse auf die Sprünge.
Dass diese Lieferwagen inzwischen fester Bestandteil des Straßenbilds in vielen chinesischen Städten sind, erklärt auch die Gelassenheit der Beteiligten im Video. Niemand schreit, niemand rennt panisch hinterher. Man schaut zu, schüttelt den Kopf, lässt den Wagen fahren.
Das Video ist deshalb weniger eine Anklage als ein Blick auf eine andere Form von Normalität. Eine, in der Effizienz wichtiger ist als Eleganz, und Zielerreichung höher bewertet wird als Rücksichtnahme im klassischen Sinn. Was bleibt, ist der Eindruck einer neuen Art von Beharrlichkeit. Diese Lieferwagen diskutieren nicht. Sie zögern selten. Sie fahren. Und wenn etwas im Weg steht, wird es im Zweifel Teil des Weges.
Autonome Liefervans in China völlig normal
Der Einsatz autonomer Lieferwagen hat sich in China in kurzer Zeit von Pilotprojekten zu einem flächendeckenden Logistikbaustein entwickelt. Ende 2024 waren nach Branchenangaben mehr als 6.000 fahrerlose Lieferfahrzeuge in über 100 Stadtgebieten im Einsatz. Allein im Jahr 2025 wurden rund 15.000 weitere Fahrzeuge verkauft. Große Kurierdienste wie ZTO Express und J&T Express betreiben inzwischen Flotten mit mehreren Tausend Einheiten, die auf festen Routen zwischen Verteilzentren, Paketstationen und Abholpunkten unterwegs sind. Die Fahrzeuge fahren meist mit niedrigen Geschwindigkeiten und sind für den Dauerbetrieb ausgelegt.
Technisch handelt es sich überwiegend um Level-4-Fahrzeuge ohne Fahrerarbeitsplatz. Hersteller wie Neolix statten ihre Lieferwagen mit mehreren hochauflösenden Kameras, mindestens einem LiDAR-Sensor und leistungsfähigen Recheneinheiten aus. Zum Einsatz kommen unter anderem Plattformen mit mehr als 250 TOPS Rechenleistung, die eine 360-Grad-Umfelderfassung bis zu 120 Metern ermöglichen. Viele Systeme arbeiten kartenlos und treffen ihre Fahrentscheidungen auf Basis aktueller Sensordaten, was den schnellen Einsatz in neuen Gebieten erleichtert, aber auch ungewöhnliche Reaktionen auf Baustellen oder provisorische Hindernisse begünstigt.
Treiber ist der wachsende Paketmarkt
Der wirtschaftliche Treiber hinter der Entwicklung ist der stark wachsende chinesische Paketmarkt. Das Sendungsvolumen stieg von rund 1,5 Milliarden Paketen im Jahr 2008 auf mehr als 130 Milliarden im Jahr 2023. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Zusteller deutlich langsamer. Autonome Lieferwagen sollen diese Lücke schließen. Fallstudien zeigen, dass sich auf wiederholten Kurzstrecken die Betriebskosten gegenüber fahrerbesetzten Lieferfahrzeugen um 40 bis 50 Prozent senken lassen. Besonders auf der sogenannten letzten Meile rechnen sich die Fahrzeuge durch niedrige Energie- und Personalkosten sowie den 24-Stunden-Betrieb.
Unterstützt wird der Markt durch politische Rahmenbedingungen. Chinesische Städte fördern autonome Logistik mit speziellen Testzonen, 5G-Infrastruktur und vereinfachten Genehmigungsverfahren im Rahmen sogenannter Vehicle-Road-Cloud-Programme. Investoren und Technologiekonzerne treiben den Ausbau zusätzlich voran. Neben dem heimischen Markt bereiten mehrere Anbieter die internationale Expansion vor, unter anderem in Europa, dem Nahen Osten und Südostasien. Autonome Lieferwagen gelten damit als einer der wirtschaftlich am weitesten entwickelten Anwendungsfälle automatisierten Fahrens.












