Formel-1-Pionier, Le-Mans-Ikone und unglaublicher Glückspilz: In seinen 97 Jahren hat Hans Herrmann sich viele Prädikate verdient. Der am 23. Februar 1928 geborene Stuttgarter war jedoch nie für die große Bühne bestimmt. Stattdessen sollte er als ausgebildeter Konditor das Café seiner Mutter übernehmen.
Die Liebe für den Rennsport war aber stärker. 1952 debütierte Herrmann mit einem Porsche 356 am Nürburgring. Der Konditor trat teilweise gegen ehemalige Jagdflieger an – und triumphierte direkt. Ein Jahr später feierte er den Klassensieg beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans auf einem Porsche 550 Coupé. Ebenfalls 1953 schnappte sich Herrmann den Titel des Deutschen Sportwagenmeisters.
Schwaben-Rivale Mercedes-Benz beruft ihn daraufhin in sein Werksteam, wo er auf die Weltstars Juan Manuel Fangio, Stirling Moss und Karl Kling trifft. Herrmann geht 1954 allerdings weiter für Porsche in den kleineren Hubraumklassen an den Start und wird im 550 Spyder Klassensieger bei der Carrera Panamericana und der Mille Miglia. Die 1.000 Meilen fanden aus weiteren Gründen einen Platz in den Geschichtsbüchern.
Sporadische Formel-1-Starts
Hans Herrmann pilotierte seinen offenen Mittelmotorsportwagen tollkühn unter einer sich absenkenden Bahnschranke hindurch. Später witzelte er: "Glück muss man haben." Dieses sollte von da an sein steter Begleiter bleiben. Und das in einer Zeit, als der Tod oft und heftig zuschlug. "Pro Jahr sind bis zu fünf Freunde von dir bei Rennen tödlich verunglückt. Nach fünf Jahren waren über 20 Freunde weg. Das mussten wir damals hinnehmen", blickte Herrmann 2010 in einem Interview traurig zurück. "In der Regel brannten die Autos nach einem Unfall", unterstrich er die Dramatik damaliger Rennen.
Zwischen 1953 und 1969 versuchte sich Herrmann immer wieder an der heutigen Formel 1. Bei insgesamt 18 Grands Prix schaffte er die Qualifikation, ein dritter Platz im Bremgartenwald bei Bern 1954 sollte der Höhepunkt bleiben. Sehr typisch ist die Vielfalt an Herstellern, die er repräsentierte.
Es begann mit der deutschen Manufaktur Veritas Meteor. Darauf folgten Mercedes-Benz und Maserati. Den Mercedes 300 SL mochte er speziell, weil das Auto als besonders sicher galt. Die wegen fehlender Klimaanlage und nicht herunterkurbelbaren Fenstern oft große Hitze hielt Herrmann dafür gern aus. Nach Cooper und BRM trieb Herrmann die ersten Formel-Bestrebungen Porsches voran. 1966 kam er am Steuer eines privaten Brabham-Ford nicht ins Ziel. Obwohl der F1-Part seiner Vita also überschaubar ausfällt, sollte die Pionierrolle nicht unterschätzt werden.

1954 und 1955 fuhr Hans Herrmann für den Daimler-Stern. Das Foto entstammt Versuchsfahrten auf dem Autodrom in Monza im August 1955 am Formel-1-Rennwagen W 196 R mit Stromlinienkarosserie.
Herz auf der Langstrecke
Um Welten erfolgsträchtiger fiel die Sportwagen-Karriere des Stuttgarters aus. 1960 triumphierten Olivier Gendebien und Herrmann mit einem 718 RS 60 Spyder bei den 12 Stunden von Sebring. Es war der erste Gesamtsieg von Porsche in einem Rennen zur Langstrecken-Markenweltmeisterschaft. Kurz darauf gewann Herrmann gemeinsam mit Joakim Bonnier im Porsche RS 60 Spyder die Targa Florio.
1962 wechselte er in den Werkskader von Carlo Abarth. Das Porsche-Comeback erfolgte 1966. Dort formte er eine legendäre Truppe. Mit an Bord: Jo Siffert, Vic Elford, Rolf Stommelen, Udo Schütz und Gerhard Mitter. Durch den Triumph bei den 24 Stunden von Daytona 1968 rechtfertigte er die Wahl. Sein Meisterstück gelang dem demütigen Deutschen in der Saison 1970. Für sich und seinen Arbeitgeber besiegte er einen Fluch.
"Die Le-Mans-Ausgabe 1969 habe ich knapp an Jacky Ickx verloren, nachdem wir uns die letzten eineinhalb Stunden des Rennens in jeder Runde ein paar Mal überholt hatten. 1970 sorgte Ferdinand Piëch dafür, dass wir mit einem stärkeren Motor echte Siegchancen hatten", blickte Herrmann auf die Grundvoraussetzungen zurück.

Während seiner Motorsportkarriere hat Herrmann mehr als 80 Gesamt- und Klassensiege geholt. Porsche profitierte am meisten, wie hier 1970 in Le Mans.
Herrmann erlöst Porsche
"Dass ich genau ein Jahr nach dem knapp verpassten Sieg in Le Mans gewinnen konnte, war natürlich speziell. Außerdem war es der erste Gesamtsieg für Porsche – und es war mein letztes Rennen". Zu viele Freunde musste er bis zu diesem Junitag verabschieden, die Sorgen seiner Frau nahmen auch ihn mit. "Es kann ja nicht sein, dass ausgerechnet ich so viel Glück habe, und irgendwann ist diese Phase vielleicht zu Ende."
Im Alter von 42 Jahren machte er Schluss. Den Sport verließ Herrmann aber nicht. Parallel zu einem Automobilzubehör-Geschäft engagierte sich der Schwabe in der historischen Szene. Besonders das Porsche Museum konnte von seiner gigantischen Erfahrung profitieren.
Heutzutage ist Hans Herrmann besonders durch seinen ikonischen AVUS-Unfall 1959 im kollektiven Bewusstsein verankert. In der 35. Runde warf ihn der BRM nach einem Kontakt mit der Streckenbegrenzung wie einen Reiter ab. Trotz mehrfacher Überschläge zog sich Herrmann nur leichte Verletzungen zu. "Hans im Glück" wurde zum Sinnbild einer anderen Renn-Epoche.
Hans Herrmann hinterlässt seine Frau Magdalena und zwei Söhne sowie einen Enkel.












