Indy 500: Warum muss der Rookie Mick Schumacher eine Kuh melken?

Die seltsamen Traditionen des Indy 500
Darum melkt Mick Schumacher eine Kuh

ArtikeldatumVeröffentlicht am 21.05.2026
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IndyCar - Indy 500 2026 - Mick Schumacher - Rahal Letterman Lanigan
Foto: KI-generiert; Bilder: IndyCar

Bertha meinte es gut mit Mick Schumacher. Die Sechsjährige ist der ganze Stolz der lokalen Purdue University – genauer gesagt der angeschlossenen Farm. Denn unter den Kolleginnen dort gehört sie durch ihre 900 Kilogramm zu den Großkalibern und liefert jeden Tag rund 35 Liter Milch. Und darüber hinaus ist die gesprächige Kuh noch sehr charmant, wie der deutsche Rookie erfahren durfte.

Schumacher berichtete nach dem Pflichttermin für erstmalige Starter des Indy 500: "Ich habe tatsächlich schon mal als Kind gemolken, aber ohne den Druck von Kameras. Glücklicherweise war Bertha zu uns allen lieb und spendierte uns Rookies Milch." Zuvor zeigte sich Mick durchaus etwas nervös. "Es war schon schräg, aber auch schön mit Bertha. Jetzt kann sie ins Kühle zurück", bedankte sich der RLL-Pilot.

Was bei anderen Sportveranstaltungen höchstens eine witzige Randnotiz wäre, gehört fest zur Folklore des 500-Meilen-Rennens. Die Anfänge des Milchdursts liegen im Jahr 1936, als sich der Sieger Louis Meyer erschöpft sein Lieblingsgetränk Buttermilch reichen ließ. Natürlich war dies nichts völlig Neues, Meyer hatte es selbst vorher bereits gemacht. Doch dank des dritten Triumphs wurde er damals zum Rekordgewinner und damit zum Dauermotiv für Kameras. Eine Szene mit drei gereckten Fingern und der Flasche ging um die Welt.

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Mick wählt Sieger-Sorte

Anschließend stellte ein findiger Lobbyist der Milchindustrie sicher, dass Gewinner anhaltend mit dem kalten Getränk versorgt werden. Nach dem Krieg wurde die noch junge Geste allerdings komplett einkassiert. Stattdessen reichte der Streckenpräsident Wilbur Shaw lieber kaltes Wasser in einem Pokal. 1956 gelang der Milch dann ihr Comeback – erneut dank smarter Lobbyarbeit. Der Zufall meinte es mit dem weißen Drink obendrauf gut: Pat Flaherty, Sieger bei der Rückkehr, liebte wegen seines Calciummangels Milch.

Seitdem ist sie nicht mehr wegzudenken. Über die Jahre hat sich parallel ein riesiges Marketingkonzept entwickelt, zu dem auch die Melkaktion der Rookies durch den Molkereiverband des Staates Indiana gehört. Dieser nimmt außerdem die Bestellungen aller 33 Piloten entgegen: Die potenziellen Sieganwärter können zwischen Vollmilch, teilentrahmter Milch und Magermilch wählen. Was Schumacher bevorzugt? "Vollmilch, wenn dann richtig!"

Während das Molkereiprodukt wohl die bekannteste Tradition ist, gibt es noch einige weitere Besonderheiten oder Legenden, die in Indy ihren Ursprung haben. Viele Europäer rätseln zum Beispiel, wie der Klassiker auf 33 Starter bzw. elf Dreier-Reihen gekommen ist. Die Antwort liest sich überraschend technokratisch für die oft hochemotional diskutierte Nummer.

Indy 500 2023 - Josef Newgarden - Team Penske
Motorsport Images

Zoff um Dreier-Reihen

Seit der ersten Austragung 1911 schwankten die Nennlisten stark. Beim Debüt starteten beispielsweise 40 Renner, ein Jahr später waren es nur 24. Als 1919 mal wieder eine höhere Nachfrage bei den Regelhütern der American Automobile Association (AAA) registriert wurde, rechneten sie nach. Eine Formel, die vereinfacht resümiert den Autos gleichmäßige Abschnitte der vier Kilometer zuteilt, ergab, dass 33 Fahrer die ideale Zahl wären. Wirklich fix war die Nummer vorerst nicht. Bevor sie zum Gesetz wurde, bauten die Offiziellen das Feld 1921 erstmal auf Dreier-Reihen um.

Für die Ausgabe 1934 musste das uralte, wenig beachtete Limit schließlich doch entstaubt werden, weil im Jahr zuvor ganze 42 Autos antraten und dabei drei Männer verstarben. Die Entscheidung wurde seitdem nicht mehr wirklich angezweifelt. Dass es trotzdem zu Ausnahmen kam, hatte jeweils komplizierte Gründe. 1941 verpassten zwei Autos wegen Schäden den Start. 1947 schrumpfte ein Preisgeld-Disput das Grid auf 30 Wagen. Andererseits gab es auch zwei Ausgaben mit 35 Anwärtern.

1979 erzwang ein Streit um eine technische Regellücke, dass zwei Nennungen nachrücken durften. Theoretisch hätte diese sportrechtliche Auseinandersetzung zu 44 Startern führen können. Ähnlich absurd waren die Umstände von 1997, als ebenfalls ein Streit das Feld auf 35 Autos vergrößerte. Hier ging es jedoch nicht um Technik, sondern um sportpolitische Gründe nach dem Zerfall der Szene in zwei Serien: CART und IRL. CART-Teams waren trotz IRL-Zugehörigkeit des Indy 500 zugelassen, hatten aber anfangs ein viel kleineres Start-Kontingent. Das führte dazu, dass trotz ausreichender Geschwindigkeiten zunächst zwei CART-Autos an der Quali scheiterten.

IndyCar - 109. Indianapolis 500 - Indy 500 - Start
IndyCar

Knutscher für Ziegelsteine

Die weiteren Traditionen unserer Liste präsentieren sich harmonischer. So haben Sie vielleicht schon den Ziegelstein-Streifen auf Start-Ziel bemerkt. Er ist das letzte Überbleibsel des alten Streckenbelags. Von 1909 – dem Jahr der Eröffnung, nicht des ersten Indy 500 – bis in die 1950er-Jahre bestanden weite Teile des Ovals aus Ziegeln. Angesichts der steigenden Geschwindigkeiten wurde ab den 1930ern aber immer mehr asphaltiert.

Mit dem Umbau 1961 blieb nur noch besagter Streifen. Der Spitzname "Brickyard" (auf Deutsch: Ziegelei) nimmt bis heute darauf Bezug. Wie beliebt die Ziegel sind, zeigt eine Geste. Sieger küssen regelmäßig die Steine. Urheber dessen ist der frühere NASCAR-Fahrer Dale Jarrett. Er knutschte den Streifen 1996 nach seinem Stockcar-Sieg. Beim Indy 500 selbst nahm man es aber erst 2003 auf.

Weil das Indy 500 traditionell am Memorial-Day-Wochenende stattfindet, gehören die damit geehrten Soldaten fest zum Programm. Der Höhepunkt der Feierlichkeiten vor dem Rennen ist aber nicht die US-Hymne, sondern ein Liebeslied über den Bundesstaat: "Back Home Again in Indiana". Spätestens nach der inbrünstig geschmetterten Hommage wird Mick Schumacher Gänsehaut bekommen. Nahezu alle Rookies berichteten emotional von dem Moment. Danach folgt das weltbekannte und in Indy großgemachte "Drivers, start your engines!".

IndyCar - Indy 500 2026 - Mick Schumacher - Rahal Letterman Lanigan
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Ruhmreiche Spuren des Vaters

Für Mick stehen dann die entscheidenden Stunden der über Wochen gehenden Veranstaltung an. Der Zeitplan ist so riesig, dass allein das Qualifying ein ganzes Wochenende verlangt. Während heuer elf Tage insgesamt auf dem Plan stehen, waren es früher oft weit über 20. Der Slogan "Month of May" hatte dementsprechend deutlich mehr Wert. Wegen dieses hohen Zeitaufwands entstand schon zeitnah ein spezielles Fahrerlager mit zunächst rustikalen Baracken, die sogenannte "Gasoline Alley". Seit den 1980er-Jahren sind es Betonbauten. Der Name blieb trotz des Wechsels auf Methanol bzw. Ethanol.

Den Abschluss liefern ein paar Fun Facts. Das klassische Essen des Indy 500 sind Brötchen mit frittierten Schnitzeln. Erdnüsse waren derweil über Jahrzehnte "verboten", da sie für Pech standen, nachdem Schalen in einem verunfallten Wagen gefunden worden sein sollen. Ähnliche krude Vorstellungen hielten sich zudem ewig bezüglich grüner Autos und Frauen.

Empirisch "belegen" lässt sich aber der "Smith-Fluch": Noch nie startete dieser hyperinflationäre Nachname beim Indy 500. Dafür steht nun erstmals der Name Schumacher in der ikonischen Liste des Rennens. Hinsichtlich der Strecke selbst steht er gar ganz an der Spitze. Dank fünf Siegen gilt Michael Schumacher zusammen mit dem NASCAR-Star Jeff Gordon als erfolgreichster Profifahrer dort. Vielleicht kann Mick am Sonntag (24.5.) einen 500-Meilen-Sieg ergänzen? Kuh Bertha würde es freuen.

Fazit