Mit dem neuen GT 4-Türer Coupé bringt Mercedes-AMG sein erstes vollelektrisches Serienmodell auf Basis der neuen E-Auto-Plattform AMG.EA auf den Markt. Die Schwaben setzen auf eine kompakte Motorentechnologie, extrem kurze Ladezeiten und – um die traditionelle Kundschaft nicht zu verprellen – auf die aufwendige Simulation eines V8.
Während andere Sportwagenhersteller ihre E-Auto-Projekte einstampfen, zieht AMG mit dem neuen GT 4-Türer Coupé durch. Ein echtes Wagnis, insbesondere wenn der eigene Markenmythos stark mit dem Klang großvolumiger V8-Motoren verknüpft ist. Doch das GT 4-Türer Coupé fungiert auch als Technologieträger für die hauseigene Architektur AMG.EA und soll Fahrleistungen bieten, die die bisherigen Verbrenner-Modelle deutlich übertreffen. Zum Marktstart stehen die Varianten GT 55 und GT 63 zur Auswahl, beide mit vollvariablem Allradantrieb ausgestattet.
Axial-Fluss-Motoren: Kompakt und leistungsstark
Kernstück des Antriebs sind drei sogenannte Axial-Fluss-Motoren, die vom englischen Spezialisten und Mercedes-Tochterunternehmen YASA entwickelt wurden. Im Gegensatz zu den in der Autobranche üblichen Radial-Fluss-Motoren sind diese Aggregate deutlich schmaler – die beiden Motoren an der Hinterachse messen in der Breite jeweils nur etwa acht Zentimeter. Das spart Bauraum und Gewicht.
Die Leistungsausbeute fällt entsprechend massiv aus: Das Topmodell, der AMG GT 63 4MATIC+, liefert in der Spitze 860 kW (1.169 PS) und ein maximales Drehmoment von 2.000 Nm. Den Sprint von 0 auf 100 km/h gibt der Hersteller mit 2,1 Sekunden an (gemessen mit einem rollenden Start, dem sogenannten 1-Foot-Rollout), die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 300 km/h. Das Einstiegsmodell GT 55 leistet 600 kW (816 PS). Der vordere Motor fungiert bei beiden Modellen als "Boostermotor", der sich bei konstanter Fahrt mechanisch abkoppelt, um den Stromverbrauch zu senken.
800-Volt-System und 600 kW Ladeleistung
Ein oft kritisiertes Problem bei elektrischen Sportwagen ist das Nachlassen der Leistung unter thermischer Dauerbelastung. AMG greift hier auf Entwicklungen aus der Formel 1 zurück. Die 106 kWh große Hochvoltbatterie setzt auf 2.660 zylindrische Zellen, die einzeln von einer elektrisch nichtleitenden Flüssigkeit umströmt werden. Diese Direktkühlung soll den Akku durchgängig im optimalen Temperaturfenster halten.
Diese thermische Stabilität ermöglicht auch Ladeleistungen, die im derzeitigen Marktumfeld unüblich sind. An entsprechenden Schnellladesäulen (unterstützt werden bis zu 800 Ampere) soll das Coupé eine Spitzenladeleistung von 600 kW erreichen. Laut Mercedes-AMG lässt sich die Batterie so in lediglich elf Minuten von 10 auf 80 Prozent laden. In zehn Minuten soll Strom für bis zu 460 Kilometer Reichweite (WLTP) in den Akku fließen. Im Alltag dürfte dieser Wert jedoch stark von der tatsächlichen Verfügbarkeit derart leistungsstarker Ladeinfrastruktur abhängen.
Der virtuelle V8: Fahrgefühl aus der Retorte?
Diskussionsstoff dürfte das Fahrprogramm "AMGFORCE S+" liefern. Hier versucht AMG, das gewohnte Erlebnis eines Verbrenners in die Elektrowelt zu übertragen. Statt eines künstlichen Elektro-Surrens erzeugt das System einen Sound, der auf Mikrofonaufnahmen eines echten AMG GT R basiert. Doch die Technik geht über den Klang hinaus: Das Auto simuliert Zugkraftunterbrechungen, um die Schaltvorgänge eines Neungang-Getriebes zu imitieren. Fahrer können über Lenkradwippen sogar virtuell die Gänge wechseln. Ob diese künstliche Inszenierung bei der Zielgruppe ankommt oder als technische Spielerei wahrgenommen wird, muss sich in der Praxis zeigen.
Aktive Aerodynamik und Fahrwerkstechnik
Um das Leergewicht von knapp 2,5 Tonnen fahrdynamisch zu kaschieren, verbaut AMG ein aufwendiges Fahrwerk (AMG Active Ride Control). Mechanische Stabilisatoren entfallen, stattdessen steuern hydraulische Elemente die Wankbewegungen der Karosserie. Das System soll einen Spagat zwischen Langstreckenkomfort und Rennstreckentauglichkeit ermöglichen. Eine serienmäßige Hinterachslenkung (bis zu sechs Grad) verkleinert den Wendekreis in der Stadt und stabilisiert das Heck bei hohen Geschwindigkeiten.
Unterstützt wird das Fahrwerk durch aktive Aerodynamik-Bauteile. Dazu gehören ein ausfahrbarer Heckspoiler, ein aktiver Heckdiffusor und sogenannte Venturi-Platten im Unterboden. Diese senken sich ab 120 km/h ab, erzeugen einen Unterdruck und saugen das Fahrzeug an die Straße, was die Kurvengeschwindigkeiten erhöhen soll.
Sitzprobe
Tür auf und abtauchen: Wer sich in den neuen Mercedes-AMG GT 4-Türer fallen lässt, spürt sofort, dass das Attribut "Sportwagen" hier keine leere Marketinghülse ist. Man sitzt tief und formschlüssig in den stark konturierten Sitzen, die Schultern fest umschlossen. Der Innenraum legt sich anders als in den meisten E-Autos um den Fahrer.
Der Blick wandert über eine hochtechnoide Landschaft aus tiefschwarzem Sichtcarbon, feinem Leder und griffiger Mikrofaser. Aufgeladen wird die Atmosphäre – wie unser erstes Probesitzen zeigt – durch die blutroten Akzente: Rote Kontrastnähte durchziehen die Rautensteppung der Türverkleidungen, während die Ambientebeleuchtung die großen, an Turbinen erinnernden Lüftungsdüsen und die Flanken der Mittelkonsole förmlich zum Glühen bringt.

Der Innenraum des elektrischen AMG GT 4-Türers.
Vor dem griffigen, stark konturierten AMG-Performance-Lenkrad (hier in einem Mix aus Carbon und Mikrofaser) erstreckt sich die nahtlose Glaslandschaft des digitalen Cockpits. Auffällig ist, wie stark der 14 Zoll große Zentralmonitor zum Fahrer geneigt ist – eine klare Hierarchie: Hier arbeitet ein Pilot. Dennoch kommt der Copilot nicht zu kurz; das separate Beifahrer-Display integriert den Gast nahtlos ins Renngeschehen.
Das wahre Highlight der Innenraumarchitektur wartet jedoch auf der fließend gestalteten Mittelkonsole. Inmitten der Carbon-Fläche thronen die drei neuen Drehsteller der "AMG Race Engineer Control Unit". Sie sind nicht einfach nur Tasten, sondern massive, kühle Metallregler, die an teure High-End-HiFi-Anlagen erinnern. Ein kurzer Dreh daran vermittelt ein sattes, präzises Klicken. Response, Agility, Traction – hier greift man blind auf das zentrale Nervensystem zu, ohne sich durch Touch-Menüs wischen zu müssen.
Direkt davor schwingt sich das metallische "Winglet" auf, das die ungewöhnlich flachen zentralen Lüftungsdüsen einrahmt. Es sind diese schicken Details wie der filigran verarbeitete Miniatur-Sitz für die elektrische Verstellung in der Tür, die zeigen: Die Affalterbacher haben hier nicht nur einen schnellen Arbeitsplatz geschaffen, sondern eine Kommandozentrale, aus der man eigentlich gar nicht mehr aussteigen möchte.
Und hinten? Trotz der stark abfallenden Dachlinie und der Batterie im Unterboden bietet der Fond genug Platz für Erwachsene. AMG realisiert dies durch Aussparungen im Batteriepaket. Sogenannte "Fußgaragen", die den Passagieren auf der Rückbank eine ergonomischere Sitzposition und mehr Beinfreiheit ermöglichen.
Ausblick
Produziert wird das neue Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé ab Sommer 2026 im Werk Sindelfingen, die Axial-Fluss-Motoren stammen aus Berlin-Marienfelde. Mit dem Fahrzeug positioniert sich Mercedes-AMG klar gegen Konkurrenten wie den Porsche Taycan Turbo GT oder den Audi e-tron GT. Die technischen Daten auf dem Papier sind beachtlich – die größte Herausforderung für AMG wird es jedoch sein, den emotionalen Faktor, für den die Marke bislang stand, glaubhaft in das Elektrozeitalter zu übersetzen.







