Indy 500: So verstehen Sie die Taktik von Schumacher und Co.

Strategie-Geheimnisse des Indy 500
So verstehen Sie die Taktik von Mick und Co.

ArtikeldatumVeröffentlicht am 24.05.2026
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IndyCar - Indy 500 2025 - Boxenstopp-Situation
Foto: IndyCar

Auf dem Papier liest sich alles ganz simpel. Immer wenn der Sprit verbraucht ist, biegt man in die Boxengasse ab. Die Firestone-Reifen, von denen es nur eine Mischung gibt, werden direkt mitgewechselt. Und am Ende muss man einfach genau nach 200 Runden mit dem letzten Tropfen die Start-Ziel-Linie überqueren.

Natürlich ist der Idealfall auch auf dem ikonischen Indianapolis Motor Speedway eine absolute Ausnahme. Frantishek "Tisch" Akulich, strategischer Koordinator von RLL, erzählt: "Ein guter Stint dauert 32 Runden. Allerdings werden wir diesen wohl nicht allzu oft sehen. Typisch für Ovalrennen sind Unterbrechungen relativ häufig – und typisch für Ovalrennen lohnt es sich sehr, diese für einen vorgezogenen Stopp zu nutzen."

Andersrum wird der Service auch regelmäßig herausgezögert, um ein Stoppen unter Grün unwahrscheinlicher zu machen. Spritsparen und Windschatten sind dabei elementar. "Wenn man durch einen normalen Service eine Runde verliert und danach direkt die Rennleitung intervenieren muss, gerät man in eine Sackgasse. Man fällt nicht nur zurück, die vor einem kriegen auch noch mangels Zeitverlusts unter Gelb einen 'Gratisstopp'. Deswegen sind Undercuts bei uns extrem risikant." Warum sie gleichzeitig aber Wunder bewirken können, erklärt später ein freundlicher Rivale von Akulich.

IndyCar - 109. Indianapolis 500 - Indy 500 - Scott McLaughlin - Team Penske
Getty Images (Justin Casterline)

Kein Ort für Dauer-Risiko

Travis Law arbeitet seit 20 Jahren im legendären Team Penske. Er fing dort beim Sportwagen-Programm an und erweiterte sein Wissen um die IndyCar-Sparte. Der Wettbewerbsdirektor kennt so alle Facetten eines Langstreckenformats. "Am Renntag liegt unser Fokus direkt darauf, wie der Verbrauch sowie die Reifenabnutzung unter realen Rennbedingungen ausfallen. Die Temperatur spielt eine entscheidende Rolle hierbei."

Zudem macht die Startposition einen echten Unterschied. "Die Autos vorne und hinten haben völlig andere Bedürfnisse", berichtet Law. Über an der Box verstellbare Aerodynamikteile können die Mechaniker einen spürbaren Unterschied machen. Bevor ein Rennen wegen fehlender Balance komplett entgleist, ist ein vorzeitiger Stopp so kein Tabu. Dank 20 Siegen beim US-Klassiker benötigt das Team Penske solche Überlegungen jedoch selten bis nie.

Für Newcomer Mick Schumacher hat Law einen simplen, aber wichtigen Tipp: "Hintenstartende Fahrer müssen geduldig sein. Während eines Stints ist es schon gut, wenn man ein, zwei Gegner überholen kann. Dasselbe gilt für die anschließenden Stopps." Die Folgen eines Fehlers durch zu hohes Risiko wiegen schwerer als die Chancen einer offensiveren Herangehensweise. Erst recht, weil in Indy sehr schnell die Mauern drohen.

Travis Law - Porsche Penske Motorsport
Porsche

Clean air als Wundermittel

Deutlich hektischer wird es, wenn das abschließende Rennviertel startet. "Wir schauen, wann der letzte reguläre Stopp unter Grün stattfinden müsste, und planen um diesen Zeitpunkt herum. Dabei achtet man natürlich auf die Situationen der Konkurrenz", skizziert Law. "Safety-Cars verändern das Spiel allerdings. Einige Teams werden sicher eine Neutralisierung antizipieren und schon um die Halbzeit herum eine abweichende Taktik suchen, um kurzfristig nach vorne zu springen." Der Penske-Mann rät neuen Fans, eine kleine Liste mit den Boxenstopp-Rundenzahlen zu führen.

Neben Unfällen gibt es einen weiteren strategischen Game-Changer: clean air. "Wenn man nach einem Stopp freie Bahn hat, kann der Fahrer richtig Boden gutmachen und die Reifen kontrolliert auf Temperatur bekommen. Dem folgen Überlegungen hinsichtlich Under- und Overcut, also einem früheren oder späteren Service als bei der Konkurrenz." Wer dieses sehr sensible Fenster verpasst und im Verkehr landet, wird hingegen strategisch abgestraft.

Gegensätzlich zur Formel 1, wo die Reifen ein fast zu extremer Faktor sind, gelten sie in der IndyCar als Nebensächlichkeit. Dieses Jahr gab es jedoch wegen der Einführung erneuerbarer Komponenten durch Firestone zunächst Zweifel. Travis Law sieht sie mittlerweile als größtenteils entkräftet. Unser Experte resümiert: "Obwohl der Renntag die Wahrheit bringt und die Strecke nach Regen grün sein wird, gehen wir von der gewohnten Qualität und einer berechenbaren Abnutzung aus."

IndyCar - Indy 500 2025 - Kyle Larson - McLaren
IndyCar

Risikofaktor Boxengasse

Zurück zu Micks Arbeitskollegen Frantishek Akulich, der Laws Ausführungen interessiert verfolgt. "Bei der Strategie kann man tatsächlich Teamphilosophien sehen. Chip Ganassi Racing, das durch Álex Palou den aktuellen Sieger stellt, ist im Schnitt konservativer. Die Penske-Truppe wagt auch mal größere Risiken. Nehmen wir das Beispiel Undercut: Der Speedway hat keinen starken Reifenverbrauch, wodurch der Anreiz geringer ausfällt. Wir sprechen von Undercut-neutral. Trotzdem hat es Penske immer im Kopf."

Als Stratege arbeitet Akulich nicht mit einem sklavischen Handbuch, sondern eher mit wiederverwendbaren Erfahrungen. Dazu gehört beispielsweise eine Anhäufung von Cautions zur Rennmitte. "Die Klassiker sind hier schiefgelaufene Stopps samt losen Rädern oder schon davor falsch eingeschätzte Bremsen, die zu Unfällen in der Pitlane führen." Weil die 33 Piloten regulär nur auf dem Weg zum Boxenstopp bremsen, sind die Komponenten komplett ausgekühlt. Besonders die Indy-Gaststarter verhauen sich dabei oft.

Fragen wir direkt Mick Schumacher, wie er sich als Rookie gewappnet fühlt! "Wir wissen, was wir als Material haben und dass es manchmal eben nicht funktioniert." Sein Augenmerk liegt auf einer anderen Gefahr. "Während der Gelbphasen, wenn alle reinkommen, kann es manchmal echt chaotisch werden. Dabei helfen die hintere Startposition und der damit verbundene Boxenstoppplatz nicht." Ein leichtes Bremsschleifen vor Boxenstopps, wie es früher üblich war, gehört nicht mehr zur Agenda. Dafür die über die Mauer springenden Mechaniker.

IndyCar - Indy 500 2026 - Mick Schumacher - Rahal Letterman Lanigan
IndyCar

Erster Einblick in die Mick-Taktik

Beim Gespräch über mögliche Strategien wird Frantishek Akulich etwas philosophisch. "Dieses Rennen erscheint mir manchmal wie ein lebender Organismus. Es ist über das ganze Oval so viel in Bewegung. Da entstehen neue Kampfgruppen, da spalten sich wieder welche ab. Aber alle formen eine große Schlange." Das Organische gilt genauso bei der Strategie. "Auf der Rundstrecke gibt es Folgeabhängigkeiten wie die Mischungen, in Indy müssen wir flexibel sein. Trotzdem haben wir durch Simulationen vor dem Rennen eine Basis."

"Das Ziel ist, dass wir zur Rennhalbzeit in der vorderen Hälfte des Feldes sein werden und die Führungsrunde halten. Selbst als Letzter am Start kann man hier gewinnen, man muss nur seine Pace konsequent umsetzen. Und natürlich ja keinen Fehler machen!" Dem Strategen ist hierbei wichtig, dass der Chaos-Faktor keine so dominierende Rolle wie bei der NASCAR auf ihren großen Ovalen spielt. "Es gibt keine Glückssieger, nur sehr glückliche Extrem-Strategien, die man aber auch so umsetzen muss."

Wie viel Risiko geht man dann am Ende? Reicht nicht vielleicht ein gutes Punkteergebnis samt entsprechendem Preisgeld? "Die Fahrer würden bei solchen Überlegungen nicht zuhören. Hier ist man wirklich Erster oder Letzter. Wir Taktiker denken parallel immer ans Optimieren." Deswegen wird Mick bei seinem Debüt keinen übertriebenen Schlachtplan umsetzen müssen. "Er macht bereits einen guten Job beim Spritsparen. Aber diesbezüglich und hinsichtlich Undercuts werden wir keine unnötigen Risiken eingehen."

IndyCar - Indy 500 2026 - Mick Schumacher - Rahal Letterman Lanigan
IndyCar

Was passiert bei Regen?

Stand Samstagabend haben die Strategen noch einen weiteren, unbeliebten Job am Renntag. Sie müssen permanent das Wetter im Auge behalten. Wie auf anderen Ovalen wird das Indy 500 bei Regen unterbrochen. Das Trocknen der Strecke dauert danach zwischen einer und zwei Stunden. Sollte die Rennhälfte erreicht und keine Besserung in Sicht sein, darf das Rennen offiziell beendet werden. Die vollen Punktezahlen wandern an die Piloten.

Heißt für Frantishek Akulich: "Selbst ohne Regen haben wir schon alle Hände voll zu tun. So aufwendig wie die IndyCar ist keine andere mir bekannte Serie. Doch wenn Pausen oder gar das vorzeitige Ende drohen, müssen wir plötzlich mit einem Zeitpunkt arbeiten, den nicht mal Meteorologen bis auf die Sekunde genau wissen können." Angesichts der Wetterlage, wohl mit Regen morgens und am frühen Nachmittag Ortszeit, kann es eine Überlegung sein, die Taktik direkt für den möglichen Abbruch auszulegen. Noch herrscht aber Hoffnung auf eine Stop-and-Go-Party mit Happy-End.

Sowohl die Strategie als auch das Wetter können Sonntag live bei Sky und Motorvision+ verfolgt werden. Sky startet um 16:00 Uhr deutscher Zeit (Achtung: Wechsel zwischen Sky F1, Mix und Top Event). Motorvision+ beginnt um 18:00 Uhr, zeigt aber davor schon Quali-Wiederholungen. Außerdem hat die IndyCar einen eigenen Streamingdienst.

Fazit