So schnell kann es gehen in der Formel 1. Anfang Dezember war die Welt für McLaren noch in Ordnung. Nach dem Konstrukteurspokal machte Lando Norris beim Finale in Abu Dhabi auch noch den Fahrertitel klar. Nichts schien die Mannschaft aus Woking stoppen zu können. Teamchef Andrea Stella hatte in den vergangenen drei Jahren eine schlagkräftige Truppe geformt, die zuletzt nur schwer zu bezwingen war.
Doch nach nur zwei Rennen in der neuen Saison sieht die Welt plötzlich ganz anders aus. Auf dem Konto des erfolgsverwöhnten Rennstalls befinden sich gerade einmal 18 Zähler. Die einzige Zielankunft konnte Lando Norris in Melbourne verbuchen. Der Rest der Ausbeute wurde im Sprint von Shanghai gesammelt. Der Rückstand in der Teamwertung auf Mercedes beträgt bereits satte 80 Punkte. Einen vergleichbar schlechten Start für ein Weltmeisterteam gab es zuletzt 2014 für Red Bull.
Drei Mal mussten McLaren-Fahrer schon vor dem Start die Segel streichen. Oscar Piastri crashte in Melbourne auf dem Weg zum Grid in die Mauer. In China wurden beide Autos von einem Elektrik-Problem auf Seiten der Power Unit vorzeitig niedergestreckt. Wer die Misere aber nur auf diese drei Zwischenfälle reduziert, der verkennt das wahre Problem. Auch in den Qualifying-Sessions konnten die Papaya-Renner nicht mit den Silberpfeilen mithalten.

Nach den großen Erfolgen muss Teamchef Andrea Stella das McLaren-Schiff wieder auf Kurs bringen.
Noch mehr Potenzial bei der Power Unit
Laut Stella liegt ein Faktor im Energie-Management. Obwohl Hard- und Software des Antriebs identisch sind, holen die Mercedes-Werksrennwagen mehr Leistung aus der Power Unit heraus. "Die Antriebseinheiten sind sehr komplex", erklärt Stella. "Man erkennt in den GPS-Vergleichen, dass schon kleine Unterschiede, eine große Wirkung haben können. Wir müssen herausfinden, wo diese Unterschiede herkommen und welche Tools wir hier nutzen können."
Seit dem Saisonstart wurde die Zusammenarbeit mit den Ingenieuren von Mercedes High-Performance-Powertrains (HPP) noch einmal intensiviert. "Wir konnten in Shanghai schon mehr aus der Power Unit rausholen als noch in Melbourne. Beim Vergleich der Daten aus der Qualifikation sehen wir aber auch, dass es hier immer noch Potenzial für Verbesserungen gibt. Ich erwarte also, dass wir uns an den nächsten Rennwochenenden noch weiter steigern werden", gibt sich Stella optimistisch.
Experten vermuten, dass der Mercedes auch deshalb effizienter Energie rekuperieren kann, weil er in Kurven stabiler liegt. Die McLaren-Piloten haben immer wieder mit Balance-Problemen und einem etwas zickigen Fahrverhalten zu kämpfen. Möglicherweise fällt den Ingenieuren hier das mutige Konzept mit dem kürzesten Radstand im Feld auf die Füße.

Fehlender Grip in den Kurven sorgt auch dafür, dass McLaren weniger Energie rekuperieren kann.
Zu wenig Abtrieb, zu viel Gewicht
Weniger Radstand bedeutet nicht nur weniger Stabilität, vor allem in schnellen Kurven, sondern auch weniger Fläche, um Abtrieb zu generieren. Eigentlich sollte die Maßnahme auch dabei helfen, das Gewicht zu reduzieren. Wie man hört, soll der Papaya-Renner aber ein paar Kilo zu viel mit sich herumschleppen. Wer keinen zusätzlichen Ballast als Spielmasse mit an Bord nehmen kann, tut sich bei Balance-Problemen besonders schwer.
"In Australien waren 50 Prozent des Rückstands auf die schlechtere Nutzung der Power Unit zurückzuführen. Die anderen 50 Prozent lagen an der Performance in den Kurven", rechnete Stella vor. "In Shanghai konnten wir die Lücke bei der Power Unit etwas verkleinern. Aber in den Kurven ist sie immer noch genauso groß."
Stella betont, dass es kein Problem in bestimmten Bereichen gibt. Die Basis des Autos sei gesund und gut entwickelt. Jetzt müsse man einfach überall noch etwas an Performance zulegen. Beim nächsten Rennen in Suzuka dürfte sich noch keine große Trendwende erkennen lassen. Das erste große Upgrade-Paket ist für Miami geplant. Die Absagen von Bahrain und Saudi-Arabien spielten hier übrigens keine Rolle.
Stella gibt die Saison 2026 noch nicht verloren: "Wir müssen mal abwarten, wie schnell sich die anderen weiterentwickeln. Ich hoffe natürlich, dass es wieder so läuft wie in der Saison 2023, als wir im Laufe des Jahres mehr Fortschritte machen konnten als unsere Gegner." Als erster Schritt würde es schon mal helfen, beide Autos regelmäßig an den Start und auch ins Ziel zu bringen.












