Formel 1: Das sind die Gründe für die scharfe Kritik von Red Bull und McLaren

McLaren und Red Bull kritisieren weiter
Die Klagen der Verlierer

GP Australien 2026
ArtikeldatumVeröffentlicht am 10.03.2026
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Die neue Formel 1 wurde nicht gerade freudig begrüßt. Schon im Vorfeld hatte sie Spott und Kritik einstecken müssen. Zu kompliziert, zu langsam, zu technisch. Im Mittelpunkt steht die Batterie, nicht der Fahrer, schimpften die Schwarzmaler. Die Angst vor einer Blamage fuhr in Melbourne von der ersten Runde an mit. Die Nervosität wurde noch größer, nachdem Oscar Piastri sein Auto auf der Fahrt zum Startplatz in die Mauer gefeuert hatte und Nico Hülkenbergs Audi zurück in die Garage geschoben wurde. Zwei Ausfälle, und es war noch nicht einmal losgegangen.

Und dann lieferten sich George Russell und Charles Leclerc einen epischen Kampf um die Spitze. Sechs Mal in neun Runden wechselte die Führung. "So eine Show habe ich in den letzten zehn Jahren nicht gesehen", applaudierte Ferrari-Teamchef Frédéric Vasseur. "Alles viel zu künstlich", hallte es aus Fahrerkreisen zurück. Der Boost-Knopf, der dem Angreifer ein halbes Megajoule Energie extra schenkt, ist nicht künstlicher als früher das DRS. Dafür ehrlicher. Das Überholmanöver frisst so viel Energie, dass man danach verwundbar ist. So kam es zu dem Jojo-Effekt zwischen dem Mercedes und den Ferrari.

Die 138.000 Besucher an der Strecke und der Großteil der TV-Zuschauer hatten ihren Spaß. Kaum einer von ihnen wird jedes einzelne Überholmanöver auf die Goldwaage gelegt haben, ob es nun leicht oder schwierig war. Zumal weder Russell noch Leclerc einen bleibenden Vorteil von ihrem kurzfristigen Power-Vorteil hatten. Erst die Rennstrategie riss das Duell um die Führung auseinander. Speed wird immer noch belohnt. Max Verstappen brauchte nur 20 Runden, um vom 20. Startplatz auf Rang sechs zu fahren. Es zeigte sich auch, dass ein Zweikampf massiv Zeit kostet. Lewis Hamilton und Andrea Kimi Antonelli schlossen in Alleinfahrt schnell die Lücke zu Russell und Leclerc. Eine positive Überraschung obendrauf: Acht von elf Teams verließen Melbourne mit WM-Punkten.

Verstappen mit Vettel-Zorn

Mercedes-Teamchef Toto Wolff hatte kein Verständnis für die ewigen Nörgler. "Der Sport muss nicht den Fahrern, sondern den Fans gefallen." Vasseur hatte es geahnt: "Die Unzufriedenen werden das Reglement dafür verantwortlich machen. Wie in Le Mans mit der BOP. Wer verliert, beschwert sich über sie." Die Verlierer kamen aus den Reihen von Red Bull und McLaren. Formel-1-Chef Stefano Domenicali mahnte zur Vernunft: "Lasst uns zwei oder drei Rennen fahren. Dann können wir immer noch reagieren, wenn es nötig sein sollte."

Red Bull hielt sich bedeckt. Der Rückstand sei gar nicht so groß, macht Technikchef Pierre Waché Hoffnung. Wenn Verstappen lästert, dann ist das eine persönliche Sache. Er ist ein Vollgastier und kann dem E-Power-Schachspiel nichts abgewinnen. Mit dieser Abneigung schadet er sich möglicherweise selbst. Das ist Sebastian Vettel 2014 mit seinem Zorn gegen die Hybrid-Formel auch schon passiert. Der damalige Red-Bull-Pilot hatte prompt sein schlechtestes Jahr. Erst 2015, nach seinem Wechsel zu Ferrari, arrangierte sich Vettel mit den Tatsachen.

McLaren muss sich dagegen erst einmal daran gewöhnen, dass man nach zwei Titeln in Folge nur noch vierte Kraft ist. Die Enttäuschung darüber schlägt in versteckter Kritik an Motorenpartner Mercedes um. Die Spezifikation der Hardware und die Motoren-Kennfelder müssen zwar mit dem Werksteam identisch sein, doch bei einer derart komplexen Materie liegen die Unterschiede im Detail.

In der Qualität des Materials, der Kommunikation mit dem Motorenhersteller, den Werkzeugen, um das Energie-Management zu simulieren. Überall hat Mercedes einen Erfahrungsvorsprung. Deshalb schaut McLaren schon neidisch auf Red Bull. McLaren-Chef Zak Brown weiß zu gut, dass es nicht so einfach ist, einen eigenen Motor zu bauen. Dafür braucht man starke Investoren. "So eine Unabhängigkeit hat ihren Preis."

Lando Norris - McLaren - GP Australien 2026
Wilhelm

McLarens Lobbyarbeit bei der FIA

McLaren betreibt bei der FIA eifrig Lobbyarbeit mit dem Ziel, die Regeln nachzubessern. Der Titelverteidiger war der erste Rennstall, der auf das Startproblem hingewiesen hat. Der lauteste, der das Super Clipping als Kompromiss beim Laden einforderte. Und der prominenteste, der die elektrische Leistung am liebsten auf 250 Kilowatt beschränken würde. Da darf dann Lando Norris auch plakativ über ein mögliches Gefahrenpotenzial schimpfen. Der Weltmeister warnt wegen der großen Geschwindigkeitsunterschiede beim Laden vor Auffahrunfällen, die böse enden könnten.

Die Stimmungslage der Fahrer schwankt je nach Resultat zwischen Gut und Böse. Lewis Hamilton monierte nach dem Freitagstraining noch, dass alles furchtbar kompliziert und unnatürlich sei, fand aber am Sonntag nach einem starken Rennen alles schon wieder ganz toll. Er spricht vom größten Kulturwandel in seinen 20 Jahren Formel 1: "Du musst lernen, dass es manchmal schneller ist, in einer Kurve vom Gas zu gehen, anstatt Energie zu opfern, die du anderswo besser brauchen kannst."

Alles hängt mit allem zusammen, kleine Probleme werden schnell zu großen Schwierigkeitn, und damit stehen manche noch auf Kriegsfuß. Oscar Piastri hat die Erfahrung gemacht: "Du näherst dich dem Limit weniger intuitiv, sondern mehr mit dem Verstand." Jeder Quersteher wird genauso bestraft wie der Sturz ins Turboloch. Es kostet Energie, wieder Speed zu gewinnen. Die fehlt dann möglicherweise an wichtigeren Stellen.

Andrea Kimi Antonelli - Mercedes - GP Australien 2026
NurPhoto via Getty Images

Erste Opfer der neuen Regeln

Wer von Beginn seiner Karriere an darauf konditioniert war, immer ans Limit zu gehen, tut sich mit diesem taktischen Fahren schwer. "Du fährst nicht das Auto. Das Auto fährt dich. Ich bin jetzt schon mental so erschöpft wie nach einer ganzen Saison", klagte Max Verstappen nach der Qualifikation. Er war ein erstes Opfer der neuen Technik. Als er zu Beginn seiner ersten Qualifikationsrunde die erste Kurve anbremsen wollte, blockierten die Hinterräder. Das System war wohl auf zu viel Rekuperation eingestellt.

Umgekehrt wurden Antonelli und Piastri beim Beschleunigen von der maximalen Elektro-Power überrascht. 350 Kilowatt schieben anders an als 120. Lando Norris klagte, dass er beim Fahren ständig auf sein Display schauen müsse, das ihm anzeigt, was er gerade tun muss. So übersah der Weltmeister in Q3 ein Gebläse, das Antonelli abgeworfen hatte und das eigentlich gut sichtbar mitten auf der Straße lag. Es war beim Rausfahren aus der Garage im Antonelli-Auto vergessen worden.

Es ist in der Formel 1 keine Neuigkeit, dass alles, was neu ist, erst einmal Misstrauen schafft. Wir erinnern uns daran, wie die Mercedes-Piloten 2022 in Baku wie geprügelte Hunde aus ihren Silberpfeilen gestiegen sind, um darauf hinzuweisen, dass die minimalen Federwege der Groundeffect-Autos auf die Gesundheit gehen. Mercedes wollte damit erreichen, dass die FIA die Unterböden der Autos beschneiden lässt, was allen mehr Bodenfreiheit aufgezwungen hätte. Zum Schaden von Red Bull und Ferrari.

Es muss jetzt auch nicht verwundern, dass dem ersten Saisonsieger die neue Formel 1 gefällt. George Russell motiviert sich damit, dass die neue Herausforderung eben andere Qualitäten verlangt. "Du musst dich damit befassen, wo es sinnvoll ist, die vorhandene Energie einzusetzen und wo nicht."

Fazit