Der ID.Buzz hat sicher nicht das Problem schlechter Fahreigenschaften und im Kia PV5 wiederum sind die Fahreigenschaften nicht das vordergründigste Verkaufsargument. Und trotzdem könnte der koreanische Elektro-Bus dem E-Bulli ganz schön frech vor der Nase herumfahren – denn er hat viele Qualitäten. Und zwar zum Schnäppchen-Preis. Wir wissen bereits, dass es vom PV5 etliche Varianten gibt und weitere geben wird. Lang, kurz, hoch, zwei, fünf, sechs, sieben Sitze, etc. Hier geht es jetzt aber um die Passenger-Variante. Also die Pkw-Auskopplung des nutzwertigen Stomers, mit der wir in Spanien unterwegs waren.
Wer das zweifelhafte Vergnügen bereits hatte, wird es bestätigen: Barcelona ist keine Stadt für Autofahrer, auch wenn es dort jede Menge davon gibt. Dreispurige Verkehrsführung mit ÖPNV-Bussen, Großraum-Taxen, Fahrradspuren und Roller-Fahrern, die ihre testamentarischen Angelegenheiten offenbar allesamt bereits geregelt haben. Dazu eine große Portion mehrspuriger Ampelkreuzungen in Kombination mit solch engen Gassen, dass sich selbst James Bond einen Kratzer in die Außenspiegel ziehen würde. Kurzum: Perfekt für einen 1,90 Meter breiten und 4,70 Meter langen Bus, der auch noch bis zu 750 Kilo zuladen und bis zu 1,5 Tonnen ziehen könnte.
Ergonomie und Infotainment
Tatsächlich tut die städtische Ausfahrt überhaupt nicht weh. Denn wenn es um die Übersichtlichkeit geht, ist die kastige Form mit ihren großen Glasflächen unschlagbar. Besonders gelungen sind die Fahrer- und Beifahrerfenster mit ihrem tiefen Ausschnitt, durch den man praktisch direkt nach unten auf die Straße neben dem Auto schauen kann. Außerdem lenkt im aufgeräumten Innenraum nichts vom Verkehrsgeschehen ab. Allenfalls das leicht überfrachtete Instrumenten-Display hinter dem Lenkrad erfordert gelegentlich einen zweiten Blick. Mittig thront ein großer Touchscreen, dessen Betriebssystem ein anderes ist, als man es von den bereits bekannten Kia-Modellen gewohnt ist. Keine horizontal verschiebbaren Kacheln, sondern ein System, das auf Android Auto basiert und auf den ersten Blick in seiner Bedienlogik an chinesische Produkte erinnert. Warum hat man das gemacht? Weil eine Einbindung nutzspezifischer Apps für Flotten-, Taxi- oder sonstige Gewerbe-Betreiber wichtig ist. Dennoch: Auch als Privatkunde lässt sich damit gut leben – zumal im Zweifel einfach das Smartphone gekoppelt wird.
So fährt der PV5
Doch Augen zurück auf die Straße und ihre Flicken, Wellen und Schlaglöcher. Trotz der einfachen Verbundlenkerachse hinten, bleibt die Fahrt angenehm komfortabel. Und das, obwohl der PV5 auch bei flotterer Fahrt keine gesteigerte Neigung zum Nicken und Wanken aufweist. Die sanfte Federung und die erfreulich präzise Lenkung erzeugen Pkw-Gefühl. Vom Nutzfahrzeug spürt man da wenig. Was deutlich zu spüren ist: Wie gut so ein Elektroantrieb in dieses Segment passt. Mit der großen Synchron-Maschine (120 kW an der Vorderachse) zieht der PV5 souverän an und kommt an der Ampel gut vom Fleck. Selbst auf der Landstraße reicht der Durchzug für den bis zu 2,2 Tonnen schweren Koreaner locker aus. Von null auf Hundert geht es in 10,4 Sekunden (12,8 Sekunden mit der 89-kW-Variante). Die Grenzen stecken erst die Autobahn und dann eine kurvige Bergauf-Kombination. Denn einerseits wird der PV5 nicht schneller als 135 km/h, was nur zum Gelegenheitsbesuch auf die linke Spur einlädt. Und andererseits ist das beherzte Beschleunigen aus himmelwärts gewandten Kurven dann doch etwas zu viel verlangte Dynamik für den PV5. Eine erfreuliche Überraschung ist dagegen die Aero-Akustik. Windgeräusche sind trotz riesiger Außenspiegel und eckiger Stirnfläche kaum störend.
Ausstattung, Reichweite und Preis
Dass dem großen Bus bei sportlichen Übungen die Puste ausgeht, ist mehr als verzeihlich. Wichtiger als der Sprint ist hier ohnehin die Ausdauer. Zwei Batterie-Pakete bietet Kia an. 51,5 oder 71,2 kWh. Beide laden mit maximal 150 kW DC und sind ihrer eigenen Größe entsprechend auch den Motor-Optionen zugeordnet. Kleiner Akku, 122 PS – großer Akku, 163 PS. Für das Aufladen von 10 auf 80 Prozent braucht der EV5 unter guten Bedingungen 30 Minuten. Kein Bestwert in der heutigen Zeit, aber auch kein dramatischer Tiefschlag. Übrigens intelligente Laderouten-Planung ist Google-POI-gestützt mit an Bord, Plug an Charge kann der Kia auch. Mit dem großen Akku sind nach Hersteller-WLTP-Angaben knapp über 400 Kilometer Reichweite drin (295 km mit dem kleinen Akku).
Apropos an Bord: Schon die Serienausstattung ist Kia-typisch umfangreich. Navi, Kunstleder-Stoff-Kombination, Klimaautomatik, Rückfahrkamera und Smart-Key sind serienmäßig an Bord. Sitzheizung und -belüftung, Lenkradheizung, Smartphone-Ladeschale, 360-Grad-Kamera, elektrische Schiebetüren und Heckklappe und Wärmepumpe sind optional erhältlich – alle wichtigen Assistenzsysteme gibt es ebenfalls. Stattet man den PV5 in höchster Linie (Elite) aus, packt die elektrischen Schiebetüren und die Wärmepumpe rein und dekoriert noch mit Lack und Leichtmetallfelgen, landet man bei rund 49.590 Euro inklusive großem Akku und 120-kW-Maschine. Die in der Pressemappe beschriebene "luxuriöse Ausstattung" ist angesichts der Menge an Hartplastik zwar geflunkert, aber funktionale Extras gibt es reichlich. Volle Hütte ist bei Kia also nur rund 2.000 Euro teurer als der Basis-Elektro-Zafira von Opel. Wer mit weniger auskommt, startet bei im Kia PV5 mit nur 38.290 Euro. Und jetzt du, Volkswagen – was kostet so ein ID.Buzz? Schon die Zweifarb-Lackierung ist deutlich teurer als zwei elektrische Schiebetüren für den koreanischen Herausforderer. Allein die Basisversion des VW kostet einen Hauch mehr, und wer es richtig krachen lässt, reißt die 90.000-Euro-Marke.
Wer also soll den Kia PV5 kaufen? Im Prinzip jeder, der sich schonmal überlegt hat, aus Platzgründen einen kleinen Bus anzuschaffen. Natürlich kann der futuristische Kia nicht mit der sonnigen Liebenswürdigkeit eines elektrischen Bulli mithalten – aber was man lieber mag (oder wirklich braucht) muss an dieser Stelle ohnehin jeder Kunde mit sich selbst ausmachen. Der Kia verzichtet auf teure Extras wie 21-Zoll-Felgen, Allradantrieb oder Premium-Audiosysteme. Er ist ein Pragmatiker mit Ambitionen. Gute Ausstattung, Variabilität und enormer Alltagsnutzen für Familien mit vielen Kindern, platzintensiven Hobbys oder einer persönlichen Neigung zum Thema Transport-Logistik im privaten Umfeld. Wofür sonst könnte man 1.330 Liter Laderaumvolumen brauchen? Oder 3.615 Liter bei umgelegten Sitzen?












