Die Analyse zeigt, wie abhängig Europa inzwischen von weltweiten Lieferketten geworden ist und warum selbst Deutschlands Raffinerien den Bedarf nicht vollständig decken können. Deutschland verfügt über 13 Raffinerien und zählt zu den größten Raffineriestandorten Europas. Trotzdem muss regelmäßig Dieselkraftstoff importiert werden. Der Grund liegt nicht in einer zu geringen Zahl an Raffinerien, sondern in der Struktur der Kraftstoffproduktion.
Aus einem Barrel Rohöl (Warum eigentlich 159 Liter?) entstehen immer mehrere Produkte gleichzeitig. Wie viel Diesel, Benzin, Kerosin oder Heizöl produziert wird, hängt von der jeweiligen Raffinerie und der eingesetzten Technik ab. Die Produktion lässt sich deshalb nicht beliebig zugunsten von Diesel erhöhen. Deutschland produziert viel Diesel und importiert dennoch.
Deutschland gehört zu den größten Raffineriestandorten Europas. Dennoch wird jedes Jahr zusätzlich fertiger Dieselkraftstoff eingeführt. Ein großer Teil erreicht das Land zunächst über die sogenannten ARA-Häfen Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen. Von dort gelangt der Kraftstoff über Pipelines, Binnenschiffe, Güterzüge und Tanklastwagen zu Tanklagern und schließlich an die Zapfsäulen. Rotterdam gilt als wichtigstes Drehkreuz des europäischen Dieselhandels.
Europas Diesel kommt heute aus deutlich mehr Regionen
Mit dem EU-Embargo gegen russische Ölprodukte im Februar 2023 haben sich die Handelsströme grundlegend verändert. Während Russland früher einer der wichtigsten Lieferanten war, stammen die zusätzlichen Dieselmengen heute vor allem aus den USA, Indien sowie den Golfstaaten Saudi-Arabien, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch die Türkei hat ihre Exporte nach Europa ausgeweitet.
Die neuen Lieferwege sind deutlich länger als früher. Tanker benötigen je nach Herkunft mehrere Wochen bis Europa und passieren dabei wichtige Schifffahrtsrouten wie die Straße von Hormus oder den Suezkanal. Kommt es dort zu Störungen, können sich diese deutlich schneller auf den europäischen Dieselmarkt auswirken.
Warum Morgan Stanley vor sinkenden Vorräten warnt
Nach Einschätzung der Analysten treffen derzeit mehrere Belastungen gleichzeitig auf den Markt. Dazu zählen geopolitische Risiken im Nahen Osten, mögliche Störungen wichtiger Schifffahrtswege sowie eine hohe Auslastung der weltweiten Raffinerien. Gleichzeitig stehen in Europa regelmäßig Raffinerien wegen Wartungsarbeiten still, wodurch zeitweise weniger Diesel produziert wird.
Morgan Stanley geht deshalb davon aus, dass die europäischen Dieselvorräte bis November auf den niedrigsten Stand seit mindestens 2015 sinken könnten. Zunächst würde sich das vor allem in höheren Großhandelspreisen bemerkbar machen. Sollten mehrere Lieferwege gleichzeitig beeinträchtigt werden, könnten die Lagerbestände jedoch schneller schrumpfen als üblich.
Deutschland verfügt über strategische Kraftstoffreserven
Eine sinkende Dieselversorgung bedeutet nicht, dass Deutschland kurzfristig ohne Kraftstoff dasteht. Für schwere Versorgungskrisen existieren gesetzlich vorgeschriebene Pflichtreserven. Diese werden vom Erdölbevorratungsverband (EBV) verwaltet. Gelagert werden sowohl Rohöl als auch fertige Mineralölprodukte wie Diesel, Benzin, Heizöl und Kerosin. Die Bestände müssen mindestens dem Umfang von 90 Tagen der deutschen Nettoimporte entsprechen.
Die Reserven dienen ausschließlich außergewöhnlichen Versorgungskrisen. Sie sollen beispielsweise nach Naturkatastrophen, Kriegen oder dem Ausfall wichtiger Lieferwege die Versorgung sichern. Normale Preisschwankungen oder saisonale Engpässe sind dagegen kein Anlass für eine Freigabe.
Nach zuletzt veröffentlichten Bestandszahlen lagerten rund 1.714.277 Tonnen Benzin sowie etwa 4.155.138 Tonnen Dieselkraftstoff in der strategischen Reserve. Hinzu kommen erhebliche Mengen Rohöl und leichtes Heizöl. Eine Tonne Kraftstoff entspricht ungefähr 1.200 Litern. Damit bewegt sich allein die Benzinreserve in einer Größenordnung von rund zwei Milliarden Litern. Beim Diesel liegt das Gesamtvolumen deutlich höher. Zum Vergleich verbraucht Deutschland pro Tag rund 473.000 Barrel Benzin sowie etwa 947.000 Barrel Diesel und Heizöl zusammen.





