Langsam, ganz langsam, sinken die Spritpreise in Deutschland wieder. Doch noch immer liegen sie im Schnitt 10 bis 15 Cent über dem Niveau zum Zeitpunkt, als der Krieg im Iran ausbrach. Folgerichtig schauen die Autofahrerinnen und Autofahrer hierzulande immer noch sehr genau hin, wie sich die Kraftstofftarife entwickeln und ob an der Tankstelle fair mit ihnen umgegangen wird.
Damit Letzteres gewährleistet ist, hat die Bundesregierung am 1. April 2026 die Spritpreisbremse (offiziell: Kraftstoffpreisanpassungsgesetz) eingeführt. Nach österreichischem Vorbild dürfen an Deutschlands Tankstellen seither nur einmal am Tag die Preise erhöht werden, und zwar exakt um 12 Uhr mittags. Danach sind nur noch Preissenkungen erlaubt – bis zum selben Zeitpunkt am Folgetag.
Nächste Spritpreis-Enthüllung von mehr-tanken und auto motor und sport
Dass die Tankstellenkundinnen und -kunden seitdem nicht unbedingt fairer behandelt werden als zuvor, haben das Analyseteam von mehr-tanken sowie auto motor und sport zuletzt mehrfach enthüllt. Wir haben aufgedeckt, in welchen Regionen besonders viele Verstöße gegen die 12-Uhr-Regel begangen wurden. Und darüber berichtet, dass es am 30. April besonders viele unzulässige Spritpreiserhöhungen gegeben hatte – just am Tag, bevor die als "Tankrabatt" bekannte Steuersenkung die Spritpreise eigentlich um 17 Cent senken sollte. Zudem haben wir aufgedeckt, welche Tankstellenmarken besonders oft gegen die 12-Uhr-Regel verstoßen und welche sich sehr vorbildlich verhalten haben.
Und uns lagen weitere Hinweise auf Spritpreis-Schummeleien vor. Der Verdacht: Es gibt einzelne Tankstellen, welche die Spritpreise besonders häufig unzulässig erhöhen. Also wühlten wir uns noch tiefer in die mehr-tanken-Daten hinein, und zwar auf die Ebene konkreter Tankstationen – und unsere Analyse hat dies in mehreren Fällen tatsächlich bestätigt. Wir verraten Ihnen die 15 Stationen, an denen unseren Daten zufolge das Kraftstoffpreisanpassungsgesetz sehr häufig missachtet wurde – und benennen die Muster, die uns dabei aufgefallen sind.
Besonders viel Pech hatten demnach Autofahrerinnen und Autofahrer aus Erlangen und Umgebung, wenn sie regelmäßig die SUPOL-Station in der Äußeren Brucker Straße 17 zum Tanken aufgesucht haben. Sage und schreibe 223 Verstöße gegen die Spritpreisbremse gab es im Erfassungszeitraum zwischen dem 1. April und 24. Mai 2026 allein an dieser Tankstelle in Erlangen. Hier wurden den mehr-tanken-Zahlen zufolge die Spritpreise an 19 Tagen unzulässig erhöht, und zwar über alle erfassten Kraftstoffarten hinweg (Super, Super E10, Diesel). Der Verstoß mit dem höchsten Preissprung brachte eine Erhöhung von satten 26 Cent mit sich.
Manche kriegen ihr Problem in den Griff, andere nicht
Was beim tiefen Eintauchen in die Daten besonders auffällt: An der Erlanger SUPOL-Station wurden ausnahmslos alle 12-Uhr-Verstöße in den ersten drei Wochen nach Einführung des Kraftstoffpreisanpassungsgesetzes begangen. Seit Kalenderwoche 17 (20. bis 26. April) werden die Preise an der Tankstelle dagegen vorbildhaft gesetzt. Irgendwas scheinen die Betreiber also in den Griff bekommen zu haben. Die Verantwortlichen der vor allem in Mittelfranken verbreiteten Tankstellenmarke SUPOL haben trotz Nachfrage die Gelegenheit für eine Stellungnahme übrigens verstreichen lassen.
Haben also alle Tankstellenbetreiber nach diversen Anfangsschwierigkeiten ihre Lektion gelernt? Mitnichten! Bestes Beispiel dafür ist die zweitplatzierte Tankstelle in unserem Ranking, die bft-Station Bernd Schmidt in Neuhausen (Baden-Württemberg). Die insgesamt 211 Verstöße teilen sich hier auf 24 Tage und fast alle Wochen während des Erfassungszeitraums auf. Allein in Kalenderwoche 15 lag diese Tankstelle nicht innerhalb der Top 20 aller Tankstellen mit den meisten 12-Uhr-Verstößen.
Herrscht hier also ein grundlegendes Problem vor? Nicht, wenn man beim Tankstellenverband und Markenzeichengeber bft nachfragt. "Die bft-Tankstelle in Neuhausen verstößt nicht gegen die 12-Uhr-Regel", behauptet eine Sprecherin. Tankstellen der Marke bft unterscheiden sich in einem Punkt grundlegend von den Stationen großer Mineralölgesellschaften: Sie werden jeweils von Einzelunternehmen oder Mittelständlern betrieben, die laut Aussage des Verbandes auch die Preise festlegen. Bei Aral, Shell, Esso und Co. haben die jeweiligen Tankstellenpächter dagegen wenig bis gar keinen Einfluss auf die Kraftstoffpreise, die entweder von der Zentrale oder von Pricing-Dienstleistern festgelegt werden.
Übermittlungsfehler? Wenig glaubhaft!
Doch zurück zur bft-Station in Neuhausen. Die Preise werden hier der Sprecherin zufolge automatisiert über das Kassensystem fristgerecht angestoßen und an die Markttransparenzstelle für Kraftstoff (MTS-K; auf die Daten der vom Bundeskartellamt eingerichteten Stelle greift auch die mehr-tanken-App zu; d. Red.) übermittelt. Eine verspätete Anzeige in einer Spritvergleichs-App wie mehr-tanken sei nicht gleichbedeutend mit einer verspäteten Preisänderung. "Verzögerungen bei der Online-Preisanzeige können auch durch Übermittlung von Hunderttausenden Datenpaketen entstehen", so die Sprecherin weiter.
Das ist grundsätzlich zwar richtig. Allerdings verkennen die bft-Verantwortlichen dabei, dass wir bei unserer Datenerfassung großzügig Kulanz gewährt und dies gegenüber bft auch transparent geschildert haben. Denn es sind überhaupt nur Verstöße in die Wertung gekommen, welche die mehr-tanken-App zwischen 12:30 Uhr und 11:30 Uhr am Folgetag erfasst hatte. Damit sollten technische Probleme und Übermittlungsfehler weitgehend abgepuffert worden sein.
Gegen die bft-These spricht obendrein, dass manche Marken offensichtlich fast gar keine Probleme hatten, die 12-Uhr-Regel zu befolgen. Beispiel Aral: Hier wurden in den ersten sechs Wochen nach Einführung der Spritpreisbremse insgesamt nur 24 Verstöße erfasst – und das bei Deutschlands größter Tankstellenmarke mit über 2.000 Stationen. Die zuvor bereits erwähnte SUPOL-Tankstelle hat ihre Schwierigkeiten zudem ebenfalls in den Griff bekommen. Hinzu kommt: Neben der Station aus Neuhausen tauchen weitere bft-Stationen in Deutschlands Top-15-Tankstellen mit den meisten 12-Uhr-Verstößen auf. Zufall?
Melden Sie Verstöße in der mehr-tanken-App!
Weitere 12-Uhr-Sünder unter den Tankstellen entnehmen Sie bitte der folgenden Tabelle. Grundsätzlich bestätigt diese granulare Betrachtung jedoch das größere, vom mehr-tanken-Analyseteam sowie auto motor und sport bereits in den vergangenen Wochen aufgedeckte Bild. Einerseits bei der regionalen Betrachtung, denn die drei Tankstellen mit den meisten Verstößen liegen allesamt in Bayern und Baden-Württemberg (zudem gibt es zwei weitere bayerische Stationen in den Top 15). Und die mit besonders vielen unzulässigen Preiserhöhungen auffälligen Marken Esso, bft und Raiffeisen sind jeweils mit – teils mehreren – Tankstellen unter den ersten 15 vertreten.
Um die Entwicklung der Spritpreise für die Nutzerinnen und Nutzer noch transparenter zu machen, führt die mehr-tanken-App eine neue, einzigartige Funktion ein: Sie können über die App selbst melden, wenn eine Tankstelle gegen die Regeln spielt und die Preise nach 12 Uhr mittags erhöht. Daneben gibt es selbstverständlich wie gehabt die gewohnten Funktionen: Finden Sie hier die aktuellen Kraftstoffpreise, eine Preis-Prognose und die günstigsten Tankstellen in Ihrer Nähe. Fahrerinnen und Fahrer von Elektroautos können sich darüber hinaus Ladepunkte und deren Preise anzeigen lassen. Die mehr-tanken-App gibt es im Google Play-Store oder Apple App-Store.





