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Sicherheit von E-Scootern: Die leise Gefahr

Sicherheit von E-Scootern Die leise Gefahr

Micro Mobility ist vor allem in Großstädten ein Thema. Doch E-Scooter sind keine harmlosen Spielzeuge für kurze Strecken. Die Unfallzahlen sind alarmierend.

Bejubelt, belächelt, beschimpft: Selten haben neue Fortbewegungsmittel so viele Ups and Downs in der öffentlichen Wahrnehmung erlebt wie E-Scooter. Die elektrischen Tretroller, im Juni 2019 bei uns eingeführt, waren zunächst als unkomplizierte Mobilitätslösung für Erste- und Letzte-Meile-Fahrten für Berufspendler gedacht. Die hippen E-Kleinstfahrzeuge werden jedoch zunehmend auch zu anderen Zwecken gebucht. Und sind alles andere als harmlos – was die Unfallzahlen mit Personenschaden belegen.

Im Juli dieses Jahres hat das Statistische Bundesamt die Ergebnisse der Straßenverkehrsunfallstatistik für 2021 vorgestellt. In dem Zahlenwerk wird eine unrühmliche Entwicklung deutlich: E-Scooter-Unfälle haben zwar nur mit zwei Prozent zu den Verunglückten auf Deutschlands Straßen beigetragen. Doch 4.882 Nutzer, die mit einem E-Scooter unterwegs waren, wurden verletzt. Fünf Menschen starben. Insgesamt ereigneten sich 5.535 Unfälle mit Personenschaden, in die E-Scooter involviert waren. Bei gut einem Drittel (37 Prozent) handelte es sich um Alleinunfälle, also Unglücke ohne andere Beteiligte. Bei 61 Prozent gab es einen Unfallgegner – mehrheitlich waren dies Pkw. Aber auch Fußgänger (13 Prozent), Fahrräder oder Pedelecs (18 Prozent) waren bei Kollisionen beteiligt.

Oft Alkohol im Spiel

Was sind die Gründe für die teils schweren Crashs – und wen trifft es am häufigsten? Menschen, die auf einem Elektro-Tretroller verletzt oder getötet wurden, waren 2021 durchschnittlich 31 Jahre alt. Lediglich etwa 3,4 Prozent der Verunglückten gehörten zur Altersgruppe 65 plus. Für ältere Verkehrsteilnehmer sind E-Scooter jedoch ohnehin wenig attraktiv. Sie nutzen eher andere Frischluft-Fortbewegungsmittel wie E-Bikes oder Pedelecs.

Audi E-Tron Scooter
Politik & Wirtschaft

Jung, männlich, alkoholisiert, waghalsig: So lassen sich ganz grob die Hauptbeteiligten an E-Scooter-Unfällen umschreiben. Denn die Auswertung des Statistischen Bundesamtes führt für 2021 als die mit Abstand häufigsten Ursachen das Fahren unter Alkoholeinfluss (1.080 Fehlverhalten) sowie eine unzulässige Nutzung der Fahrbahn oder der Gehwege an (1.079 Fehlverhalten, jeweils 18,1 Prozent). Im selben Zeitraum betrugen bei Pedelec-Nutzern die Anteile an Unfällen demgegenüber 8,6 Prozent (Alkoholeinfluss) bzw. 12,8 Prozent (falsche Straßenbenutzung). Als dritthäufigste Ursache spielte bei 7,4 Prozent der Unfälle mit den E-Scootern nicht angepasste Geschwindigkeit eine Rolle (443 Fehlverhalten).

Wer übrigens glaubt, im Anschluss an einen nächtlichen Club-Besuch nach mehreren Drinks und Shots noch unbehelligt mit dem E-Scooter sein Zuhause ansteuern zu können, irrt. Wer alkoholisiert auf dem Elektro-Tretroller erwischt wird, ist unter Umständen seinen Autoführerschein los. Denn für E-Scooter gelten dieselben Regeln wie für alle Kraftfahrzeuge. Die 0,5-Promille-Grenze muss also eingehalten werden. 1,1 Promille gelten als Straftatbestand. Für Fahranfänger in der Probezeit oder Fahrer unter 21 Jahren ist Alkohol ganz tabu. Andernfalls gibt es ein empfindliches Bußgeld von 250 Euro und einen Punkt in Flensburg.

Verlust der Kontrolle

Dies scheint viele Fans indes nicht abzuschrecken. So ist es wenig verwunderlich, dass E-Scooter-Unfälle am häufigsten dadurch ausgelöst wurden, dass der Fahrer die Kontrolle über sein bis zu 20 km/h schnelles Fahrzeug verlor. Gleich danach rangieren Konflikte beim Einbiegen oder Kreuzen. Dies zeigt, dass die Nutzer ihr Fahrkönnen bzw. die Reaktionen ihres Gadgets auf unbedachte Manöver falsch eingeschätzt haben. Zu rasch eine Kurve nehmen zu wollen, rächt sich.

Obwohl die Verleiher von E-Scootern direkt kein Verschulden daran haben, wenn etwa betrunkene Nutzer ihre Fahrtüchtigkeit überschätzen, sind sie darauf bedacht, derartigen gefährlichen Entwicklungen gegenzusteuern. Lukas Windler, Senior Manager Public Policy des Anbieters Lime: "Sicherheit hat für uns oberste Priorität. Daher setzen wir auf eine Reihe von kommunikativen und technischen Maßnahmen, um das Unfallrisiko zu minimieren." Dazu gehören Tutorials über allgemeine und lokale Verkehrsregeln, die über die Lime-App jederzeit abgerufen werden können. Oder Fahrsicherheitstrainings, die Lime in Kooperation mit Städten veranstaltet. Lime gehört neben Bolt, Voi und Tier zu den großen Playern im Bereich Micro Mobility.

Lukas Windler, Lime, Sicherheit von E-Scootern
Lime
"Seit Juli 2022 gibt es einen neu entwickelten kognitiven Test in Deutschland, mit dem unsere Nutzer zwischen 22 Uhr und 5 Uhr morgens ihre Reaktionszeit unter Beweis stellen müssen" - Lukas Windler, Senior Manager Public Policy des Anbieters Lime.

Die Anbieter reagieren

Auch zum Thema Alkohol gebe es konkrete Maßnahmen, erläutert Lukas Windler: "Wir wollen verhindern, dass unsere Fahrer unsere Fahrzeuge unter dem Einfluss von Alkohol oder anderen Substanzen benutzen und dadurch sich selbst oder andere Verkehrsteilnehmer gefährden. Seit Juli 2022 gibt es einen neu entwickelten kognitiven Test in Deutschland, mit dem unsere Kunden zwischen 22 Uhr und 5 Uhr morgens ihre Reaktionszeit unter Beweis stellen müssen", sagt Windler. "Nach drei erfolglosen Versuchen werden sie für die nächsten zwei Stunden vom Start der Miete an gesperrt. Im Anschluss an die aktuell laufende Testphase führen wir diesen Reaktionstest dauerhaft sukzessive in allen Märkten ein." Ähnliche Konzepte verfolgen auch die anderen Anbieter.

Gefeilt wurde zudem an der Architektur der Lime-Roller: Die neue Generation verfügt über größere Räder mit Luftbereifung, eine verbesserte Federung, einen optimierten, breiten Lenker sowie ein speziell entwickeltes duales Handbremssystem. Dies soll die Sicherheit ebenfalls erhöhen.

Die Verletzungen bei einem E-Scooter-Unfall können schwerwiegend sein. Das hängt auch mit der fehlenden Helmpflicht zusammen. Nicht nur die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) hat darauf hingewiesen, dass Schädel-Hirn-Traumata zu den häufigsten Verletzungsmustern gehören. Prof. Dr. Bernd Kinner, Chefarzt der Abteilung für Orthopädie und Unfallchirurgie am Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK), bestätigt dies: "Schädel-Hirn-Verletzungen stehen im Vordergrund, neben Verletzungen der oberen Extremitäten wie Handgelenk-Radiusfrakturen oder Ellenbogenbrüchen." Das Spektrum an Kopfverletzungen ist ziemlich breit: Gehirnerschütterungen, Nasenbeinbrüche oder Mittelgesichtsbrüche seien relativ häufig. Kinner: "Wenn man schaut, wie viele der Verunglückten einen Helm getragen haben, dann geht das fast gegen null." Die Patienten kämen überwiegend in den Abendstunden in die Notaufnahme des RBK – viele davon alkoholisiert.

Prof. Dr. Bernd Kinner, Sicherheit von E-Scootern
Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart
"Schädel-Hirn-Verletzungen stehen bei E-Scooter-Unfällen im Vordergrund“ - Prof. Dr. Bernd Kinner, Chefarzt Orthopädie und Unfallchirurgie am Robert-Bosch-Kranken-haus Stuttgart.

E-Scooter als Stolperfalle

Doch es gibt auch noch eine andere, passive Gefahr. Ein Stuttgarter Galerist, der im Kunst- und Nachtleben der baden-württembergischen Landeshauptstadt tief verwurzelt ist, hat unlängst seine Follower in den sozialen Medien ausnahmsweise nicht mit Kunst-Infos versorgt. Sein wütender Post war mit 62 Fotos achtlos hingeworfener E-Scooter garniert. "Wohin man sieht: Überall stehen und liegen E-Scooter mitten in den Fußgängerzonen und auf Gehwegen, in Grünanlagen und teils absichtlich auf der Straße. Nicht nur für Sehbehinderte sind das miese Stolperfallen!" In der Tat findet man zurückgelassene Roller auch mitten im Wald, in Tunnels, Unterführungen oder sogar in Gewässern. Stuttgart und Umgebung ist bei diesem Problem kein Einzelfall.

Sicherheit von E-Scootern, ams2322
Getty Images

Kleines E-Scooter-Einmaleins

  • Wer einen E‐Scooter ausleihen möchte, muss mindestens 18 Jahre alt sein. Gebucht werden können die Roller über die Apps der einzelnen Anbieter wie Lime, Bolt, Voi oder Tier. Privat dürfen E‐Scooter schon ab 14 Jahren genutzt werden.
  • Um E‐Scooter zu fahren, ist keine Prüfung erforderlich – und damit auch kein Führerschein.
  • Grundsätzlich darf nur eine Person fahren. Mitfahrer, gleich welchen Alters, sind ebenso wenig erlaubt wie ein Anhänger.
  • E-Scooter gehören auf den Radweg oder Radfahrstreifen. Fehlen diese, muss die Fahrbahn genutzt werden. Bürgersteige und Fußgängerzonen sind tabu.
  • Es gibt eine Versicherungs-, aber keine Helmpflicht. Das Tragen eines Helms wird wegen der Verletzungsgefahren jedoch dringend empfohlen.
  • Sind Elektro-Tretroller so abgestellt, dass sie den Verkehr oder Passanten gefährden (Stolperfalle!), dürfen sie ein paar Meter umgestellt werden.

Umfrage

367 Mal abgestimmt
Nutzen Sie E-Scooter?
Ja! Sie sind perfekt, um in der Stadt schnell von A nach B zu kommen.
Nein! Ist mir nicht sicher genug und stört andere Verkehrsteilnehmer.

Fazit

Bleibt also nur, an die E-Scooter-Nutzer zu appellieren: Helm, Abstinenz von Alkohol und Drogen sowie das Vertrautmachen mit dem Gefährt sind eine Art Lebensversicherung. Und die Tretroller sind auch nicht dafür gedacht, die Wege für andere zum Hindernislauf zu machen. Rück- und Vorsicht sollten selbstverständlich sein. Dann steht dem lautlosen Fahrspaß nichts im Wege.

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