Zulassungstrick in Italien: Warum Neapel ein Vorort von Warschau ist

Zulassungstrick in Italien
Warum Neapel ein Vorort von Warschau ist

ArtikeldatumVeröffentlicht am 15.08.2026
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Italienisches Auto mit polnischem Kennzeichen
Foto: KI-generiertes Bild / Wittich

Nach Angaben der italienischen Nachrichtenagentur ANSA die das Forschungsinstitut CNR-IRISS zitiert, waren alleine 2024 50.000 Fahrzeuge mit polnischem Kennzeichen in Italien unterwegs davon 35.000 alleine in Neapel.

Der Grund ist einfach. Eine Kfz-Haftpflichtversicherung kostete in Neapel im dritten Quartal 2025 durchschnittlich 617 Euro. Der italienische Durchschnitt lag bei 437 Euro, in Potenza dem günstigsten Ort waren es laut Versicherungsaufsicht IVASS nur 317 Euro. Umgekehrt, in Polen sind Kfz-Versicherungen erheblich günstiger. Dort liegt der durchschnittliche Beitrag bei 538 Zloty, umgerechnet rund 125 Euro. Der Preisunterschied hat ein Geschäft entstehen lassen, das in Polen inzwischen einen eigenen Namen trägt. Dort spricht man vom "proceder włoski", der "italienischen Praxis".

So wird aus einem Italiener ein Pole

Wie der Trick funktioniert, zeigt ein Fall der italienischen Finanzpolizei Guardia di Finanza. Die Ermittler fingen im Oktober 2024 in einem Versandzentrum bei Neapel ein Paket aus Polen ab. Darin lagen 21 polnische Kennzeichen, 14 Zulassungsbescheinigungen und sechs Kaufverträge. Empfänger war eine Agentur für Fahrzeugangelegenheiten in Neapel.

Diese Agentur arbeitete nach Angaben der Ermittler mit einer Gesellschaft in Polen zusammen. Das Prinzip dahinter ist überschaubar.

  1. Das Auto wird aus dem italienischen Fahrzeugregister gelöscht.
  2. Eine polnische Gesellschaft übernimmt das Fahrzeug auf dem Papier.
  3. Das Auto wird in Polen zugelassen und bekommt polnische Kennzeichen.
  4. Auch die Haftpflichtversicherung läuft anschließend über Polen.
  5. Der Italiener fährt sein Auto weiter in Italien.

Das Erstaunliche dabei ist, dass die von der Guardia di Finanza untersuchten Fahrzeuge Italien überhaupt nicht verlassen hatten. Auf dem Papier waren sie nach Polen gewechselt, tatsächlich standen und fuhren sie weiterhin in Italien.

Es geht nicht nur um die Versicherung

Das polnische Kennzeichen kann noch weitere Vorteile bringen. Nach Angaben der Guardia di Finanza ging es bei dem untersuchten Modell auch darum, italienische Kfz-Steuern zu umgehen. Zudem kann ein ausländischer Halter die Verfolgung von Verkehrsverstößen erschweren.

Im Fall der abgefangenen Kennzeichen beschlagnahmten die Ermittler sämtliche Unterlagen. Gegen den Verantwortlichen der Agentur wurde wegen Betrugs und Hehlerei ermittelt.

Für Polen wird der Trick teuer

Inzwischen bekommt auch die polnische Versicherungswirtschaft die Folgen zu spüren. Problematisch sind vor allem Fahrzeuge mit polnischen Kennzeichen, die keinen gültigen Haftpflichtschutz mehr haben und in Italien einen Unfall verursachen. Dann muss das polnische Büro der Kfz-Versicherer PBUK einspringen.

Die Zahlen sind deutlich. Zwischen 2021 und 2025 hat sich die Zahl der vom PBUK regulierten Schäden aus Italien fast ver-17-facht. Die dafür ausgezahlte Summe stieg nahezu auf das Zehnfache. 2025 zahlte das PBUK für Schäden nicht versicherter Fahrzeuge mit polnischen Kennzeichen im Ausland insgesamt 41,7 Millionen Zloty, rund 9,7 Millionen Euro. 2024 waren es noch 25,7 Millionen Zloty beziehungsweise etwa 6,0 Millionen Euro.

Warum fahren die Autos ohne Versicherung?Die günstige polnische Haftpflichtversicherung ist zwar ein wichtiger Teil des Zulassungstricks, sie besteht aber nicht zwangsläufig dauerhaft. Nach Angaben von PBUK werden in manchen Fällen Folgebeiträge nicht bezahlt oder Versicherungsverträge nicht weitergeführt, während das Fahrzeug mit seinen polnischen Kennzeichen in Italien weiterfährt. Hinzu kommen Fälle mit falschen oder nicht ordnungsgemäß abgeschlossenen Policen.

Kontrollen werden dadurch erschwert, dass das Fahrzeug dauerhaft in Italien unterwegs ist, Zulassung und Versicherung aber in Polen geführt werden. Das PBUK registrierte 2025 in Italien rund 1.300 Schäden durch nicht versicherte Fahrzeuge mit polnischer Zulassung.

Die Hauptuntersuchung wird zum Problem

Eine Schwachstelle des Systems ist die technische Untersuchung. Ein in Polen zugelassenes Fahrzeug muss regelmäßig geprüft werden. Dafür muss es bei einer polnischen Prüfstelle vorgeführt werden. Das wird schwierig, wenn das vermeintlich polnische Auto tatsächlich dauerhaft in Neapel steht.

Dass Prüfungen trotzdem auf dem Papier bestätigt werden, ist kein theoretisches Problem. Die Bezirksstaatsanwaltschaft Opole ermittelt seit 2026 gegen vier Fahrzeugprüfer wegen fiktiver technischer Untersuchungen. Mehr als 400 Fahrzeugzulassungen werden überprüft. Die Staatsanwaltschaft nennt allerdings keinen direkten Zusammenhang aller Fälle mit italienischen Fahrzeugen.

Polen will die Autos künftig sehen

Genau an diesem Punkt will Polen ansetzen. Geplant ist eine stärkere Dokumentation der technischen Untersuchung. Fotos sollen nachweisen, dass das betreffende Fahrzeug tatsächlich bei der Prüfstelle stand. Für den Neapel-Trick wäre das eine entscheidende Hürde.

Fazit