Drei tödliche Unfälle in 200 Tagen

Ferraris tragisches Jahr 1958

Jean Behra - Porsche 718 RSK - Peter Collins - Ferrari Dino 246 - GP Frankreich 1958 - Reims Foto: Julius Weitmann 12 Bilder
1000. GP

Ferrari wurde 1958 Weltmeister, zahlte aber einen hohen Preis. Alle drei Ferrari-Fahrer fanden den Tod. Luigi Musso und Peter Collins im Rennauto, Champion Mike Hawthorn 95 Tage nach seinem Titelgewinn im Privatauto.

Die Formel 1 ging ohne echten Favoriten in die Saison 1958. Um Titelverteidiger Juan Manuel Fangio kursierten bereits im Winter Gerüchte, dass er möglicherweise zurücktreten würde. Tatsächlich bestritt er nur die Rennen in Argentinien und Frankreich. Sein Team Maserati hatte sich aus finanziellen Gründen zurückgezogen. Die immer noch zahlreichen Maserati 250F im Feld segelten alle unter privater Flagge. Nur Fangio bekam ein speziell für ihn gebautes Werksauto. Sein 250F hatte 50 Kilogramm Gewicht verloren und einen kürzeren Radstand.

Ferrari stellte mit Mike Hawthorn, Luigi Musso und Peter Collins das ausgeglichenste Team. Alle drei waren Siegkandidaten. Vanwall bot Stirling Moss, Tony Brooks und Stuart Lewis-Evans auf. Die tannengrünen englischen Autos waren 1958 nicht mehr nur auf schnellen Rennstrecken konkurrenzfähig. Doch sie waren zu zerbrechlich. Zum ersten Rennen in Buenos Aires trat Vanwall gar nicht an. Weil sie Zeit gewinnen wollten, um ihre Vierzylinder-Motoren von Methanol auf Avgas umzurüsten. B.R.M. und Cooper waren nur Außenseiter. Cooper schoss jedoch gleich zu Saisonbeginn mit Siegen in Argentinien und Monaco zwei Warnschüsse ab. Dem Mittelmotor-Konzept gehörte die Zukunft. 1958 reüssierten die wendigen Cooper nur auf den engen Strecken. Ein Jahr später gewannen sie schon die Weltmeisterschaft.

Drei tote Ferrari-Fahrer in 200 Tagen

Ferrari wollte den Titel unbedingt von Maserati zurückholen. Der Fahrerkader war 1957 um Eugenio Castellotti und Alfonso de Portage dezimiert worden. Castellotti starb bei einer Testfahrt im Autodrom von Modena, de Portago bei der Mille Miglia. Der Unfall des Spaniers nach einem Reifenschaden riss 13 Menschen den Tod. Enzo Ferrari geriet wegen der Todesfälle unter Druck. Sogar der Vatikan mischte sich mit ein.

Das Jahr 1958 sollte wieder positive Nachrichten schreiben. Doch es wurde ein bitterer Lorbeer. Am Ende des Jahres stellte Ferrari zwar den Fahrer-Weltmeister, hatte aber keine Fahrer mehr. Luigi Musso, Peter Collins und Mike Hawthorn kamen innerhalb von 200 Tagen ums Leben.

Luigi Musso - Ferrari - Rennfahrer Foto: Julius Weitmann
Luigi Musso starb nach einem Unfall im französischen Reims.

Die schwarze Serie begann am 6. Juli beim GP Frankreich in Reims. Luigi Musso wollte unbedingt seinem Teamkollegen Hawthorn folgen, der das Rennen anführte. In der 10. Runde hatte Musso nach einem Überholmanöver eine andere Linie für die extrem schnelle Gueux-Kurve nach Start und Ziel gewählt und dabei die äußere Begrenzung leicht touchiert. Der Ferrari überschlug sich in ein Feld, der Fahrer wurde aus dem Auto geschleudert. Musso wurde mit dem Helikopter in ein Krankenhaus geflogen, doch dort kam jede Hilfe zu spät.

Einen knappen Monat später schlug das Schicksal erneut zu. Diesmal traf es den britischen Sonnyboy Peter Collins, der mit einem Heimsieg in Silverstone im Rücken zum Nürburgring kam. Das Rennen war eine Schlacht zwischen den Ferrari-Piloten Hawthorn und Collins sowie Tony Brooks im Vanwall. In der 11. Runde führte Brooks vor Collins und Hawthorn. Die drei hetzten in engen Abständen um die Eifelpiste, als es im Pflanzgarten hinter der Senke passierte.

Hawthorn sah den Todessturz seines Teamkollegen und Freundes aus nächster Nähe. Der Ferrari von Collins kam nach links von der Strecke ab und überschlug sich in den Wald hinein. Collins flog in hohem Bogen aus dem Auto und traf einen Baum. Als vier Runden später die Zielflagge fiel, lag der Engländer schon im Sterben. Auch ein Hubschrauber-Transport aus dem Adenauer Krankenhaus in die Uni-Klinik nach Bonn konnte den Unglückspiloten nicht mehr retten.

Weltmeister mit einem Sieg

So hatte Ferrari nur noch Mike Hawthorn im Spiel. Der blonde Engländer, der immer mit einer Fliege am Hemdkragen fuhr, wurde schließlich Weltmeister, obwohl er nur ein Rennen gewann, dafür aber drei Resultate streichen musste. Er fiel aber auch nur zwei Mal in elf Rennen aus. Für die damalige Zeit ziemlich ungewöhnlich. Der WM-Titel war trotzdem kein Abstauber-Triumph. Hawthorn startete vier Mal von der Pole Position, markierte fünf schnellste Rennrunden und führte immerhin 814 Kilometer lang. Seine WM-Rivalen Stirling Moss und Tony Brooks scheiterten an der Technik ihrer Autos.

Mike Hawthorn - Ferrari - Rennfahrer Foto: Julius Weitmann
Mike Hawthorn gewann 1958 ein Rennen und holte den Titel.

Stirling Moss verpasste trotz vier Siegen erneut den Titel. Diesmal um einen Punkt. Er kam nur fünf Mal ins Ziel und stand dabei immer auf dem Podium. Vanwall-Teamkollege Brooks sah sogar nur drei Mal die Zielflagge. Während Hawthorn 3.305 Rennkilometer zurücklegte, waren es bei Moss nur 2.220. Moss bezahlte auch dafür, dass er zu patriotisch dachte und die italienischen Marken mied, während Landsmann Hawthorn pragmatisch auf Ferrari setzte.

Moss war vielleicht auch ein bisschen zu sehr Sportsmann. Als man seinen Gegner Hawthorn beim GP Portugal disqualifizieren wollte, stand ihm Moss bei und entlastete ihn als Kronzeuge. Auch eine Rolle spielte, dass Stirling Moss bei eben jenem Rennen in Porto ein Boxensignal missverstand. Als Mike Hawthorn gerade die schnellste Rennrunde gefahren war, warnte die Vanwall-Box ihren Fahrer mit der Information „HAW-REC“. Mit anderen Worten: Moss sollte dem Ferrari-Piloten die schnellste Runde wieder abjagen. Für diese gab es 1958 noch einen WM-Punkt. Und der machte am Saisonende den entscheidenden Unterschied aus. Moss interpretierte die Order als „HAW-REG“ und glaubte, seine Crew wollte ihm mitteilen, dass Hawthorn „regulär“ unterwegs sei und er sich deshalb keine Sorgen machen müsse.

Tod auf der Landstraße

Die WM entschied sich im Finale von Casablanca. Nur noch ein Engländer konnte Weltmeister werden. Die britische Presse reiste in Scharen nach Marokko und titelte mit dem Slogan „Showdown in the sun.“ Hawthorn hatte vor dem entscheidenden Rennen 40 Punkte auf dem Konto. Das sechs Wochen lange Warten hatte an seinen Nerven gezehrt. Die Streichpunkte-Regel drohte für ihn zu einem Nachteil zu werden. Würde er sich auf Platz 2 oder besser klassieren, müsste er den dritten Platz vom Saisonauftakt in Buenos Aires streichen. Stirling Moss konnte noch voll punkten, lag aber mit 32 Zählern deutlich zurück. Damit war sein Ziel definiert: Sieg und schnellste Runde. Was er prompt erledigte. Sein vierter Saisonsieg und die schnellste Rennrunde brachten ihn insgesamt auf 41 Zähler.

Damit war für Hawthorn die Ausgangsposition klar. Ein 2. Platz war Pflicht, um zwei Punkte dazu zu gewinnen. So wie Moss seine Aufgabe optimal erledigte, machte auch Hawthorn das, was nötig war. Er wurde beim Finale Zweiter. Sein neuer Teamkollege Phil Hill machte bereitwillig Platz. Damit wurde Mike Hawthorn der erste englische und der bis dahin auch jüngste Weltmeister der Geschichte. Hawthorn war am Tag seines Titelgewinns 29 Jahre und 192 Tage alt.

Er hatte seine letzte Chance genutzt. Immer noch tief betroffen vom Tod seines Kumpels Peter Collins trat Hawthorn nach der Saison zurück, auch um sich mehr um die elterliche Autowerkstatt zu kümmern. Der Ruhm währte nicht lang. Am 22. Januar 1959, drei Monate nach seiner Krönung zum Weltmeister, starb Hawthorn bei einem Privatduell mit seinem väterlichen Freund Rob Walker auf der Landstraße nahe seiner Heimatstadt Guildford. Hawthorns Jaguar kam nach einem riskanten Überholmanöver von der regennassen Straße ab, streifte einen Lieferwagen und wickelte sich um einen Baum.

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