Max Verstappens größte charakterliche Stärke ist häufig auch seine schlimmste Angewohnheit. Weil der vierfache Weltmeister partout nichts schönreden will, gleichen seine Presserunden oft einer Kindergartengruppe kurz vor dem Mittagsschlaf. Da wird mal genölt, mal gestritten und, ja, auch mal geflennt. Für die Journalisten und PR-Kollegen kann es dabei häufig unangenehm werden. Man denke nur an mittlerweile ikonische Sätze wie: "Ich will mich jetzt nicht länger beschweren, sonst knallt mich jemand vor der Tür ab."
Aber bevor wir uns missverstehen, sei noch einmal auf das Lob des Anfangs hingewiesen. Kein anderer Fahrer der Königsklasse ist derart kategorisch ehrlich wie Verstappen. Genau deswegen wurde er jüngst zum Gewissen der Formel 1. Frühzeitig legte der Vollblut-Racer die entmenschlichenden Schwächen des aktuellen Reglements erbarmungslos offen. Dabei ging es ihm nie um irgendeinen Elektro-Kulturkampf. Im Mittelpunkt stand immer die fahrerische Perspektive. Wie sehr kann es noch ein Sport sein, wenn halbwissende Algorithmen dazwischenfunken oder leergezogene Batterien gerade mal Formel-3-Power erlauben?
Treffer, versenkt! Obwohl es allen voran das Management der Formel 1 nicht wahrhaben wollte. Immer wieder versuchte Stefano Domenicalis PR-Abteilung, die Aussagen einzukassieren. Besonders eindrücklich war eine Quasi-Verfolgungsjagd beim Bahrain-Test. Kurz nachdem Verstappen das Reglement angezündet hatte ("Formel E auf Steroiden"), machten sich die Offiziellen schnurstracks auf den Weg zum Red-Bull-Lager. So war das aber nicht vereinbart, Max! Es hätte ihm kaum egaler sein können.
Triumph der Verstappen-Kritiker
Mit seiner dann doch überraschenden Verlängerungsverkündung am Donnerstag (20.8.) rettete Verstappen nun ausgerechnet die, welche ihn diese Saison über am meisten verflucht haben. Klar, die Überschriften waren und bleiben katastrophal. Selbst in die positive Nachricht streute Verstappen diesen Brocken Wahrheit: "2030 gibt es eine neue Richtung in der Formel 1, wenn vielleicht V8-Motoren kommen." Soll heißen, dass die Fahrzeugmisere bis dahin anhalten wird. Aber solange er als F1-Fahrer und nicht als Langstreckenpilot etc. über die Königsklasse motzt, ist doch alles wunderbar.
Genau diese Chance sollten die Verantwortlichen nun ergreifen. Zum einen entgingen sie der größtmöglichen Niederlage eines Verstappen-Abschieds. Wie realistisch dieser schließlich war, sei mal dahingestellt. Der Niederländer weiß nach einem Dutzend F1-Jahren ganz genau, wie man seinen eigenen Preis nach oben treiben kann. Wer allerdings die ehrlichen Aussagen über die verlorene Zeit mit seiner jungen Familie hörte, kann ihm kaum einer Lüge bezichtigen.
Zum anderen fuhren die Verantwortlichen einen gigantischen Sieg ein. Denn selbst die gewaltigste fahrerische Sinnkrise scheint am Ende vom ewigen Reiz der Königsklasse geschluckt zu werden. Auch wenn sich Max Verstappen, na klar, den Spaß noch fürstlicher als ohnehin schon entlohnen lässt. Es bleibt zu hoffen, dass die Königsklasse nicht zu übermütig wird. Das letzte Resultat dessen sehen wir aktuell auf der Rennstrecke.





