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Rücksicht hat Vorfahrt
LMC Vivo 580 D (2021) Andreas Becker

Anhängerführerschein BE

Anhängerführerschein BE Mach den Haken dran!

Endlich nicht mehr rechnen und bangen: Mit dem BE-Führerschein ist das Geschacher um die ungeliebte zulässige Gesamtmasse passé. Vorher muss Redakteur Luca Leicht aber noch einmal die Fahrschulbank drücken.

Sechs Worte hallen immer wieder mahnend durch meinen Hippocampus, wenn ich die abnehmbare Anhängerkupplung meines Autos in den Händen halte: "Den nimmt dir keiner mehr weg!" Die Worte stammen von Fahrlehrer Heinz, der mir vor 15 Jahren riet, ich solle neben dem Auto- und Motorradführerschein auch gleich den Schein für den Anhänger absolvieren. Statt auf ihn zu hören, entgegnete ich nur spöttisch: "Das mache ich vielleicht, wenn das Geld reicht – oder glaubst du ernsthaft, dass ich jemals mit einem Wohnwagen unterwegs sein werde?"

Wofür sollte man sonst 3,5 Tonnen Anhängelast benötigen? Und überhaupt, warum sollte man mit einem Anhänger fahren? Schließlich war mein 18-jähriges Ich zu diesem Zeitpunkt lange genug mit dem 125er-Moped auf der rechten Spur bei maximal Tempo 80 gefangen gewesen. So ein Führerschein sollte Freiheit und keine weiteren Einschränkungen versprechen – dachte ich damals.

Darf ich das überhaupt?

Zurück in der Gegenwart stehe ich am Heck meines Wagens, und die Worte von Fahrlehrer Heinz hämmern im Kopf auf meine Gegenargumente ein. Das Geld? Hätte womöglich gereicht. Priorität? Mit ein bisschen Nachdenken hätte ich diese auch erkannt. Hätte, hätte, Fahrradkette. Ich war 18, jung und unerfahren.

Dafür lebe ich heute mit den Einschränkungen. Denn egal ob es um den Anhänger fürs Schnittgut aus dem Garten, den Planenhänger für den Umzug oder den Caravan für den Familienurlaub geht: Am Anfang steht immer die bange Frage, ob ich das überhaupt fahren darf. Dann wird es bürokratisch. Denn wer so wie ich einen Klasse-B-Führerschein sein Eigen nennt, dem ist nur ein Anhänger unter 750 kg gestattet, wenn das gesamte Gespann die 3,5-Tonnen-Grenze überschreitet.

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Achim Hartmann
Schwere Autos wie der Audi e-tron (3.150 kg zulässige Gesamtmasse) machen Ärger mit Klasse-B-Führerschein.

Dabei geht es allerdings nicht um das tatsächliche Gewicht, sondern lediglich um die Zeile 15 in den Fahrzeugpapieren: die zulässige Gesamtmasse. Das heißt, bei einem großen Zugwagen mit drei Tonnen zulässiger Gesamtmasse fällt selbst ein schlanker Motorrad-Hänger mit 200 kg Leergewicht und 600 kg Zuladung raus – und führt beim Autor dieser Zeilen regelmäßig zu genervten Rechenspielen.

Und das alles nur, weil mir die Gnade der frühen Geburt verwehrt blieb. So begann meine Fahrschulkarriere nicht mit den beinahe obszön wirkenden Freiheiten der Führerscheinklassen 1 oder 3. Hätte ich vor 1999 meine Fahrprüfung gemacht, dann dürfte ich genauso wie einige Freunde und Kollegen älteren Semesters lässig 7,5-Tonner ohne jede Übungsstunde bewegen. So muss ich mir immer wieder vergegenwärtigen, dass Fahren ohne entsprechenden Führerschein als Straftat gewertet und mit drei Punkten sowie einer Geld- oder Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet wird – alles andere als ein Kavaliersdelikt.

Der Plan steht also fest: Um Heinz in meinem Kopf endlich zum Schweigen zu bringen, geht es zurück auf die Fahrschulbank. Aber ganz so einfach ist das nicht, denn während der Corona-Pandemie hatten fast alle Fahrschulen geschlossen oder durften nur Fahrschüler unterrichten, die kurz vor der Fahrprüfung standen. Entsprechend groß ist aktuell der Andrang bei den Anmeldungen.

Außerdem will noch eine grundlegende Entscheidung getroffen werden. Der Gesetzgeber hat sich die ein oder andere Zusatzregel für das Fahren mit Anhänger ausgedacht. Neben der Fahrerlaubnisergänzung BE gibt es auch den kleinen Anhängerschein B96. Letzterer ist eigentlich gar kein Führerschein, sondern lediglich eine Fahrerschulung, an deren Ende die Schlüsselzahl 96 im Führerschein eingetragen wird. So dürfen nach zweieinhalb Stunden Theorie- und dreieinhalb Stunden Praxisschulung sowie einer Stunde im Straßenverkehr auch Hänger über 750 kg gezogen werden – solange das Fahrzeuggespann unter 4,25 Tonnen bleibt.

7-Tonnen-Gespann dank BE

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ams
Wie viel darf man mit welchem Führerschein ziehen? Und welche zulässige Gesamtmasse gilt für welches Gespann? Die Übersicht macht deutlich: Der Klasse-3-Führerschein war ein echter Allrounder.

Für den BE-Schein ist keine Theorie nötig. Allerdings je eine Fahrstunde bei Nacht und auf der Autobahn sowie drei Überlandfahrten. Außerdem ist eine praktische Prüfung fällig. Dafür ist mit BE dann auch Fahren von Anhängern mit bis zu 3,5 Tonnen und Gespannen mit einem Gewicht von sieben Tonnen legalisiert – alles wie immer auf die zulässige Gesamtmasse bezogen.

Nicht nur wegen der Rechenmüdigkeit des Autors ist die Entscheidung schnell getroffen. Denn mit BE steht selbst einem großen Anhänger für den Pkw-Transport oder üppigen Caravans nichts mehr im Wege.

Es dauert nicht lange, und die Praxis zeigt mir ihre Tücken. Das Fahren von Linkskurven im Rückwärtsgang hat es in sich. "Das muss sitzen", erklärt mir mein neuer Fahrlehrer Uli in der ersten Übungsstunde, während ich hektisch ins Lenkrad packe und der Anhänger partout nicht dort hinrollt, wo ich es möchte. "Schließlich musst du mit dem Hänger auch einmal parken oder rückwärts auf einer Kreuzung ausweichen", meint er und fügt beruhigend hinzu, dass das sicher nur das Lampenfieber sei. "Das ist völlig normal, wenn man nach so vielen Jahren das erste Mal wieder neben einem Fahrlehrer Platz nimmt."

Es heißt also üben. Im Zweifel allein auf einem großen Parkplatz am Wochenende mit dem kleinen Hänger. Denn pro Fahrstunde mit Hänger werden schnell 60 bis 70 Euro fällig.

Zum Glück habe ich dazu auch noch etwas Zeit. Denn aufgrund der noch immer herrschenden Corona-Beschränkungen und des hohen Andrangs vergibt die zuständige Führerscheinstelle frühestens in zwei Monaten Termine. Dort dürfe man dann den Führerscheinantrag stellen, erklärte mir der nette Mitarbeiter am Telefon. Für die Bearbeitung des Antrags müsse ich dann noch einmal sechs bis acht Wochen rechnen.

Fahrlehrer Uli meint nur, ich solle es positiv sehen, so bleibe mehr Zeit zum Üben. Zudem verstehe er es nicht, warum die Leute den Anhängerschein nicht gleich mit dem Autolappen machen: "Schließlich nimmt dir den keiner mehr weg!" Diese Worte kommen mir bekannt vor.

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