Grönland und die Mobilität im Ausnahmeformat: 4 Ampeln, 6 Motorräder, aber 800 E-Autos

Grönland und die Mobilität im Ausnahmeformat
1 Tunnel, 4 Ampeln, 6 Motorräder, aber 800 E-Autos

ArtikeldatumVeröffentlicht am 15.01.2026
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Grönland
Foto: Leon Neal via Getty Images

Wer in Grönland Auto fährt, bewegt sich in einem der ungewöhnlichsten Verkehrssysteme der Welt. Die größte Insel der Erde, sechsmal so groß wie Deutschland, verfügt über weniger als 400 Kilometer Straße – und keine einzige Verbindung zwischen ihren Städten. Dennoch gehört das Auto zum Alltag. In Nuuk, Sisimiut und Ilulissat rollen Kleinwagen, Geländewagen und Lieferfahrzeuge über asphaltierte und geschotterte Straßen, während außerhalb dieser Inselpunkte Boote, Quads und Schneemobile das Fortkommen sichern. Mobilität auf Grönland ist eine Frage der Anpassung – an Klima, Terrain und Distanz.

Fahrzeugbestand: Kleiner Markt mit eigenem Rhythmus

Grönland zählt rund 56.000 Einwohner und etwa 15.000 zugelassene Fahrzeuge. Unter ihnen sind 6.799 Pkw, 1.700 Nutzfahrzeuge, 149 Taxis, 106 Busse und 226 Einsatzfahrzeuge registriert. Dazu kommen rund 3.300 Schneemobile und etwa 1.000 Quads (ATVs). Eine statistische Besonderheit: Es existieren im ganzen Land nur sechs Motorräder.

Die Motorisierungsrate ist niedrig: Ein Auto kommt auf neun Einwohner. Damit liegt Grönland weit hinter europäischen Ländern, in denen oft fünfmal mehr Fahrzeuge pro Kopf unterwegs sind. Der Automarkt selbst ist winzig. Im gesamten Land werden pro Jahr weniger als 500 Neuwagen verkauft. Der Import erfolgt ausschließlich per Schiff, meist über den Hafen von Nuuk. Die Fahrzeuge stammen überwiegend aus Dänemark oder Japan. Auf konventionell angetriebene Autos wird eine Einfuhrsteuer von bis zu 100 Prozent erhoben, was die Anschaffung erheblich verteuert.

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Walter Bibikow via Getty Images

E-Autos: Steuerfreiheit als Katalysator

Ganz anders sieht es bei Elektrofahrzeugen aus. Für sie entfällt die Einfuhrabgabe vollständig – ein starker Anreiz in einem Land, in dem Treibstoff teuer und Strom aus Wasserkraft günstig ist. Inzwischen sind rund 2.000 Fahrzeuge mit Stecker registriert, darunter etwa 800 reine Elektroautos. Damit ist der Anteil elektrifizierter Fahrzeuge höher als in vielen europäischen Staaten. Die Steuerfreiheit und die kurzen Strecken begünstigen den Wandel: In Nuuk beträgt die längste durchgehende Fahrtstrecke kaum 15 Kilometer. Reichweitenprobleme spielen daher keine Rolle.

Das Straßenbild in der Hauptstadt prägen Modelle wie Mitsubishi Outlander PHEV, Toyota RAV4 Hybrid, Subaru Solterra, Toyota bZ4X, Škoda Enyaq oder VW ID.4. In den nördlichen Regionen bevorzugen Autofahrer robuste Fahrzeuge mit Allradantrieb und erhöhter Bodenfreiheit. Der Elektroboom wird nicht durch Idealismus, sondern durch praktische Vorteile getragen: geringere Betriebskosten, einfache Wartung und steuerliche Entlastung.

Ladeinfrastruktur: Strom statt Sprit

Strom ist in Grönland besser verfügbar als Benzin oder Diesel. Während klassische Tankstellen nur in größeren Orten existieren, verfügen in Nuuk inzwischen rund die Hälfte aller Häuser über eine eigene Wallbox. Der Strom stammt überwiegend aus Wasserkraftwerken.

Öffentliche Ladesäulen sind flächendeckend in den Städten verteilt, Schnelllader gibt es in zentralen Bereichen. Der Ausbau erfolgt lokal – pragmatisch und bedarfsgerecht. In vielen Dörfern ersetzt die Steckdose an der Hauswand die Zapfsäule. Die Aussage, Grönland habe mehr Ladesäulen als Tankstellen, beschreibt daher mehr als eine statistische Kuriosität – sie verdeutlicht den strukturellen Wandel der Energieversorgung.

ÖPNV: Nur ein Stadt-Phänomen

Bahnstrecken existieren nicht. In Nuuk betreibt das Unternehmen Nuup Bussii vier Linien mit 18 Stadtbussen, die täglich rund 7.000 Passagiere befördern. Weitere Busangebote gibt es in Sisimiut und Ilulissat. Insgesamt fahren etwa 75 Busse auf Grönlands Straßen. Öffentlicher Verkehr ist damit ein städtisches Phänomen – außerhalb der größeren Orte spielt er keine Rolle.

Führerschein und Kennzeichen: Gleiche Regeln, eigenes Kürzel

Die Führerscheinausbildung in Grönland folgt dem dänischen System, unterscheidet sich aber in der Praxis deutlich. Fahrstunden finden ausschließlich innerorts statt. Autobahnen oder Landstraßen sind nicht Teil der Ausbildung. Nachtfahrten werden häufig im Sommer durch theoretische Schulung ersetzt, da es wegen der Mitternachtssonne oft zu hell ist. Wer den Führerschein erwerben möchte, kann dies ab 18 Jahren tun. In Nuuk gibt es aktuell vier Fahrschulen – landesweit sind es kaum ein Dutzend. Die Prüfungsgebühr liegt bei rund 1.000 Euro.

Ein dänischer Führerschein gilt in Grönland ohne Einschränkung, und grönländische Führerscheine werden in Dänemark anerkannt. Für Touristen mit EU-Führerschein bestehen keine besonderen Auflagen. Ein Kuriosum: Wer in Grönland seinen Führerschein verliert, bekommt ihn nicht automatisch neu ausgestellt, sondern muss teils wochenlang warten, bis die Unterlagen aus Dänemark eintreffen.

Seit 2008 tragen alle Fahrzeuge Kennzeichen mit dem Kürzel "GL", gefolgt von fünf Ziffern. Fahrzeuge, die von der Einfuhrsteuer befreit sind, erhalten gelbe Schilder mit roter Schrift und dem Kürzel "UA". Historisch trugen grönländische Autos die Buchstaben "GR", davor schlicht ein "G" – Relikte einer Zeit, als es im ganzen Land kaum mehr als ein paar Hundert Fahrzeuge gab.

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Straßen: Kurze Wege, klare Grenzen, ein Tunnel

Das gesamte Straßennetz umfasst wie oben beschrieben etwa 400 Kilometer, davon rund die Hälfte asphaltiert. Straßen gibt es nur innerhalb der Siedlungen, meist entlang der Küsten. Die größten Netze liegen in Nuuk, Sisimiut und Ilulissat. In allen anderen Orten enden Straßen abrupt am Stadtrand. Überlandfahrten sind unmöglich. Im ganzen Land stehen drei Ampeln, alle in Nuuk. Das Tempolimit beträgt 60 km/h, Verkehrsstörungen sind selten. Schotterstraßen dominieren in kleineren Gemeinden, Asphalt ist teuer und anfällig für Frostaufbrüche.

Historisch entwickelte sich das Netz erst nach dem Zweiten Weltkrieg. In den 1960er-Jahren wurden die ersten asphaltierten Straßen gebaut, meist als Zufahrten zu Häfen oder Flughäfen. Heute orientiert sich die Verkehrsplanung an der Bebauung: Straßen erschließen Neubaugebiete, nicht Regionen. Sie enden, wo die Siedlung endet.

Ein besonderes Bauwerk im Straßennetz Grönlands ist der Nuussuaq-Tunnel in Nuuk – der einzige Straßentunnel des Landes. Er wurde in den 1970er-Jahren gebaut, um den Stadtteil Nuussuaq mit dem Zentrum der Hauptstadt zu verbinden, und führt unter dem Hügel Quassussuaq hindurch. Der Tunnel ist einspurig, beleuchtet und dient ausschließlich dem innerstädtischen Verkehr. Seine Länge beträgt nur wenige hundert Meter – er unterquert lediglich eine Anhöhe –, doch seine Bedeutung ist groß: Er gilt als einziges Straßenbauwerk dieser Art in ganz Grönland und soll langfristig Teil eines erweiterten Verkehrsprojekts werden, das neue Stadtgebiete im Norden Nuuks erschließen soll.

Arctic Circle Track: Erste Straße zwischen zwei Orten

Im Jahr 2025 wurde erstmals eine Verbindung zwischen zwei Städten eröffnet – der Arctic Circle Track. Die 170 Kilometer lange Schotterpiste führt vom Flughafen Kangerlussuaq nach Sisimiut. Sie ist die erste Straßenverbindung in der Geschichte Grönlands. Der Weg darf nur mit geländegängigen Fahrzeugen befahren werden.

Entlang der Route liegen Bergplateaus, Flüsse und Tundren. Rastplätze und Notunterstände sind eingerichtet, Tankstellen gibt es keine. Die Strecke gilt als Pilotprojekt und Symbol für den Versuch, einzelne Regionen über Land zu verbinden.

Verkehr per Luft und See: Das Rückgrat des Landes

Da Straßen zwischen Städten fehlen, übernehmen Flugzeuge, Helikopter und Schiffe den gesamten Fernverkehr. Air Greenland betreibt das Inlandsnetz, das 13 Flughäfen und zahlreiche Helikopterlandeplätze umfasst. Neue internationale Flughäfen in Nuuk und Ilulissat sollen ab 2026 Direktflüge aus Europa und Nordamerika ermöglichen.

Der Seeweg bleibt ebenso wichtig: Die staatliche Arctic Umiaq Line verbindet im Sommer die Küstenorte per Fähre, während die Royal Arctic Line ganzjährig Frachtschiffe einsetzt. Für viele Orte sind Schiffe die einzige Möglichkeit, Fahrzeuge, Lebensmittel oder Baumaterial zu erhalten.

Alternative Fortbewegung: Boot, Quad und Hundeschlitten

Abseits der Städte gestaltet sich Mobilität traditionell und pragmatisch. Im Sommer dienen Boote als Hauptverkehrsmittel, im Winter übernehmen Schneemobile und Hundeschlitten den Transport. In Nord- und Ostgrönland leben teils mehr Schlittenhunde als Menschen. In den Dörfern sind ATVs (Quads) die universelle Lösung für Transport und Arbeit. Sie bewegen Baumaterialien, Fische, Jagdausrüstung oder Personen. In manchen Siedlungen teilen sich Familien ein Auto, das unverschlossen mit steckendem Schlüssel auf der Straße steht. Diebstahl ist kein Thema – Vertrauen ersetzt Sicherheitsmechanismen.

Fazit