Herbert Diess, VW-Markenvorstand, Interview Arturo Rivas

VW-Boss Diess mit Brandrede: "Uns fehlen Mut und Schnelligkeit"

VW-Boss Diess mit Brandrede „Die Zeit klassischer Autohersteller ist vorbei“

VW-CEO Herbert Diess hielt beim Global Board Meeting am 16.1.2020 eine Brandrede zur Zukunft von VW. Damit wollte er die Führungskräfte wachrütteln.

„Was uns fehlt, das sind vor allem Schnelligkeit und der Mut zu kraftvollem, wenn es sein muss radikalem Umsteuern“, die Zeit „gibt uns genau einen einzigen Versuch, Volkswagen für die Zukunft zu sichern. Nutzen wir ihn.“ „Die Zeit klassischer Automobilhersteller ist vorbei“ und „Wir werden wie ein Automobilunternehmen bewertet. Tesla wie ein Tech-Unternehmen.“ Diese drei Zitate aus der Rede zeigen, dass sich VW an einem Scheideweg befindet und die schwierige Transformation zu einem Digital-Konzern stemmen muss. Wir haben hier die Rede im Wortlaut:

Meine Damen und Herren,

Die Welt ist in Bewegung. Politisch wie technologisch leben wir in einer unglaublich dynamischen Zeit. Eine Zeitenwende steht vor uns – von der Dimension der industriellen Revolution. Und Volkswagen steht mitten im Sturm der beiden größten Transformationsprozesse:

  • Der Klimawandel und der damit verbundene Innovationsdruck zum emissionsfreien Fahren.
  • Und die Digitalisierung, die das Produkt Automobil grundlegend verändert.

Unser Konzern hat nicht immer die besten Voraussetzungen, um schnell und konsequent genug auf diese Entwicklungen zu reagieren. Gemessen daran haben wir uns bisher nicht schlecht geschlagen. Das wird auch von Marktbeobachtern anerkannt. Gerade 2019 haben Analysten neues Vertrauen in unsere Strategie gewonnen. Kepler Cheuvreux attestieren uns zu Beginn dieses Jahres: „We think VW is the best positioned player in the industry to master the CO2 challenge.”

Und Goldman Sachs meint: “We expect VW Group to continue to prosper this year as a result of ongoing positive sales developments at VW brand, a pick-up in sales at Audi, and broadly flat margins.”

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VW Polo Front Seite Standbild
Volkswagen Press Brasil
VW Polo Front Seite Standbild Kompakt gegen SUV, Seat Ibiza, Seat Arona, Vergleich, ams2218 Alfa Romeo Mito 2016 Facelift Dacia Sandero SCe 70 24 Bilder

Im Bereich Litigation machen wir die Risiken aus der Diesel-Krise Stück für Stück beherrschbarer. Bei der Unternehmenskultur erleben wir spürbare und messbare Fortschritte. Ich freue mich, dass wir beim Stimmungsbarometer in der Integrität um drei Punkte gestiegen sind. Unsere moderne Modellpalette auf MQB-Basis im Volumen und die neuen Porsches, Audis, Lamborghinis und Bentleys überzeugen die Kunden.

Wir verbessern die Qualität unseres Geschäfts. Umsatz und Ertrag wachsen schneller als der Absatz.In China haben wir in einem stark rückläufigen Markt unseren Marktanteil um 1,4 Prozent gesteigert. Eine großartige Leistung, die uns kaum einer zugetraut hätte.

Gratulation zur herausragenden Leistung an Stephan Wöllenstein und sein Team!

In Südamerika kommen wir erstmals wieder in die Gewinnzone, auch in Russland haben wir unser Geschäft gedreht. In Nordamerika haben wir unser Ergebnis signifikant verbessert und streben für dieses Jahr den Breakeven an. Volkswagen Financial Services hat 2019 ein Rekordjahr hingelegt, und die Komponente hat in Batterieentwicklung und –fertigung entscheidende Schritte gemacht.

Bei Audi ist der e-tron erfolgreich gestartet, die Entwicklungskosten wurden gesenkt und ein umfassendes Kostensenkungsprogramm auf den Weg gebracht. Porsche hat wieder glänzende Zahlen und Autos geliefert und mit dem Taycan ein Zeichen gesetzt. Seat erobert mit Cupra neue und junge Kunden. Skoda läuft auf Hochtouren und wird Anfang Februar die neuen Modelle im für uns im wichtigen Zukunftsmarkt Indien vorstellen. VW Nutzfahrzeuge hat die extrem wichtige Ford-Kooperation aufs Gleis gesetzt und Traton hat den Börsengang vollzogen.

Absatzzahlen 2019: Audi E-Tron, Mercedes EQC, Tesla Model X

Audi E-Tron 55 Quattro Advanced, Jaguar I-Pace HSE, Mercedes EQC, Tesla Model X Maximale Reichweite, Exterieur
Hans-Dieter Seufert
Audi E-Tron 55 Quattro Advanced, Jaguar I-Pace HSE, Mercedes EQC, Tesla Model X Maximale Reichweite, Exterieur Audi E-Tron 55 Quattro Advanced, Jaguar I-Pace HSE, Mercedes EQC, Tesla Model X Maximale Reichweite, Exterieur Audi E-Tron 55 Quattro Advanced, Exterieur Audi E-Tron 55 Quattro Advanced, Exterieur 19 Bilder

Bei Bentley, Ducati, Bugatti und Lamborghini sehen wir positive Trends, insbesondere Bentley ist zurück in der Gewinnzone. Die Kernmarke Volkswagen hat hart an der weiteren Renditesteigerung gearbeitet.

Alles in allem: Gute Entwicklungen.

Aber zur Ehrlichkeit gehört auch: Der Sturm geht jetzt erst los. Und heute ist die Gelegenheit, um uns selbst und gegenseitig zu überprüfen: Sind wir schon gut genug vorbereitet auf das, was da kommt? 2020 wird zeigen, wie wetterfest, agil, reaktionsfähig wir geworden sind.

Letzte Woche war ich bei Investoren und Analysten in New York und habe dort für unsere Strategie geworben. Ich habe die Schritte erläutert, die für 2020 und 2021 anstehen. Wir bekommen im Vergleich zunehmend Kaufempfehlungen für unsere Aktie. 88 Prozent empfehlen, die VW Aktie zu kaufen. Wir gewinnen Glaubwürdigkeit. Das ist von enormer Bedeutung für uns.

Aber: Die Entwicklung des Aktienkurses von Tesla war zuletzt weitaus dynamischer als die Kurssteigerung von VW. In der Marktkapitalisierung ist Tesla mittlerweile fast gleichauf.

Meine Damen und Herren, wir werden wie ein Automobilunternehmen bewertet. Tesla wie ein Tech-Unternehmen.

Das Automobil wird in Zukunft das komplexeste, wertvollste, massentaugliche Internet-Device. Wir verbringen im Automobil der Zukunft mehr Zeit als heute, vielleicht zwei Stunden statt einer. Deshalb wird es nicht zur grauen Büchse, sondern noch viel komfortabler, wohnlicher und vor allem vernetzter, multifunktionaler als heute.

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Tesla Motorrad
Budget Direct
Tesla Motorrad Tesla Hot Hatch Tesla Retro-Sportler Tesla Traktor 11 Bilder

Im Auto werden wir kontinuierlich online sein, weit mehr Daten abliefern als Smartphones, aber auch mehr Informationen, Dienste, Sicherheit und Komfort aus dem Internet bekommen. Das vernetzte Auto wird die Internetzeit nahezu verdoppeln. Das Auto wird das wichtigste „Mobile Device“.

Wenn wir das sehen, dann verstehen wir auch, warum Tesla aus Sicht der Analysten so wertvoll ist. Wir als Volkswagen wollen auch genau dorthin. Die große Frage lautet: Sind wir schnell genug? Die ehrliche Antwort lautet: Vielleicht, aber es wird immer kritischer. Wenn wir in unserem jetzigen Tempo weitermachen, wird es sogar sehr eng.

Ich erinnere mich noch gut an eine Situation, in der ich mir von Nokia Mitarbeitern – ich hatte einige Hundert übernommen – erklären ließ, wie sie im Kampf gegen Apple untergegangen sind. Die Logik war: „Wir haben 43 verschiedene Mobiltelefone, für jeden das richtige, kein Mensch will Touch, man muss das iPhone mindestens einmal täglich laden, während unser Akku eine Woche hält.“ Und: Nokia hatte Rekordjahre, war aber praktisch schon tot.

Steve Jobs hingegen hatte verstanden, dass sich die Funktion des Device grundlegend änderte. Der Zugang zum Internet wurde wichtiger als das Telefon selbst. Und auch die Ladezeit war für die Kunden nicht mehr so entscheidend. Wenige Jahre später war Nokia Geschichte.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist exakt die Situation, die sich in der Automobilindustrie wiederholt. Das Auto ist nicht länger nur Transportmittel. Und das bedeutet auch: Die Zeit klassischer Automobilhersteller ist vorbei. Die Zukunft von Volkswagen liegt im digitalen Tech-Konzern – und nur da. Und wir werden ein zusätzliches Aufholprogramm brauchen, um alles Potenzial im Konzern dafür zu mobilisieren.

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Wir haben, was wir brauchen. In unserem Konzernverbund gibt es ein großes technisches Know How. Wir haben eine top Führungsmannschaft, wie uns das Future Executive Development Programm gezeigt hat. Und wir können die Transformation mit den Erlösen der heutigen Technik aus dem Cash Flow stemmen. Was uns fehlt, das sind vor allem Schnelligkeit und der Mut zu kraftvollem, wenn es sein muss radikalem Umsteuern.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das ist es, worum es grundsätzlich geht: Kraftvolles Umsteuern. Sonst könnte es schnell zu spät sein. Unmittelbar steht jetzt 2020 vor uns. Drei Punkte sind entscheidend:

Erstens: Die neuen CO2-Grenzwerte einhalten, indem wir unsere E-Strategie zum Erfolg führen und den ID.3 auf die Straße bringen. 2020 ist das Jahr der Wahrheit für die CO2-Compliance. Mit einer Differenz von 30 Gramm zum Grenzwert, die wir in zwei Jahren schließen müssen und die ausschließlich mit E-Fahrzeugen und Plug-Ins geschlossen werden können. Die Analysten von UBS haben es Anfang Januar schonungslos auf den Punkt gebracht: „We reiterate our view that the ID3 is VW’s “must-get-right” vehicle in 2020, as it spearheads VW’s second-to-none EV offensive. Also, the ID3 is key to CO2 compliance for VW in the EU.”

Der ID.3 muss auf die Straße. Dazu müssen wir die Herausforderungen im Anlauf bewältigen. Die Challenge ist die Software- und Elektronik-Komplexität. Dazu kommt, dass wir für die Einhaltung der Grenzwerte auch Seat Mii, VW Up!, e-Golf, e-tron und Taycan mit Batterien versorgen, bauen und in Kundenhände bringen müssen. In der Summe ist das vielleicht die schwierigste Aufgabe, die Volkswagen je vor der Brust hatte.