Als VW kurz vor Weihnachten 2024 die Öffentlichkeit über die Vereinbarung "Zukunft Volkswagen" informiert hatte, dürfte vielen Beschäftigten in Wolfsburg ein Stein vom Herzen gefallen sein. Zwar stand damit fest, dass der Dauerbrenner Golf aus dem Stammwerk auszieht (die Verbrennerversion kommt künftig aus Mexiko), doch es wurden gleich zwei Nachfolger angekündigt. Die elektrischen Pendants zum Golf und T-Roc auf Basis der neuen SSP-Architektur ("Scalable Systems Platform") rollen künftig von den Wolfsburger Bändern. Geplantes Volumen: zusammen rund 500.000 Einheiten pro Jahr.
Die genauen Projektausmaße sind noch unklar
Doch nicht nur in Bezug auf die Antriebe der Wolfsburg-Neulinge werden sich die dortigen VW-Werker umgewöhnen müssen. Denn VW plant, den Wechsel vom Verbrenner-Golf zu den neuen Elektromodellen zu nutzen, um neue sowie innovative Produktionsverfahren einzuführen. Entsprechende Pläne und Visionen gibt es längst. Im Hintergrund arbeiten bereits Teams daran, das Versprechen von Thomas Schäfer umzusetzen: "In Halle 54 werden neue Produktionsverfahren Einzug halten", sagte der Chef der Kernmarke und des Core-Konzernverbunds im Frühjahr 2025. Inzwischen hat das Kind auch einen Namen: Wie die "Automobilwoche" berichtet, wird das Großprojekt intern "Gamechanger" genannt.
Was da genau auf die VW-Werker zukommt, hält Europas größter Autokonzern derzeit noch unter Verschluss. Wie ein Volkswagen-Sprecher auf Nachfrage von auto motor und sport bestätigte, sind die genauen Ausmaße des Projekts jedoch ohnehin noch unklar. Diese hängen insbesondere davon ab, auf welches Investitionsvolumen sich Produktionsvorstand Christian Vollmer und Arno Antlitz, als COO und Finanzvorstand der oberste Konzernaufseher über die Kosten, letztlich einigen können. So oder so: "Die Investition ist gigantisch", zitiert die Automobilwoche einen Insider.
Günstiges Timing
Klar ist: Besser könnte ein Zeitpunkt für die Einführung von neuen, möglichst innovativen Produktionsverfahren kaum sein. Einerseits aufgrund der wirtschaftlichen Lage des Konzerns, die das Top-Management rund um CEO Oliver Blume zu weiteren Spaßmaßnahmen drängt. Blume selbst sagte erst kürzlich wieder, dass das aktuelle Geschäftsmodell nicht mehr lange funktioniere. Das zwingt die Wolfsburger fast schon dazu, in mancher Hinsicht neue Wege zu beschreiten – speziell beim großen Kostenfaktor Produktion.
Das Timing ist aber auch aus einem anderen Grund günstig: Der (Verbrenner)Golf zieht schon 2027 aus Wolfsburg ab und macht zwei Produktionslinien frei; den gewonnenen Platz will VW dann für seine "Gamechanger"-Produktion nutzen. Genug Zeit dafür scheint vorhanden: Der VW ID. Golf und der elektrische T-Roc auf SSP-Basis starten erst "zum Ende der Dekade", also 2029 oder 2030.
VW setzt verstärkt aufs Großguss-Verfahren
Dass VW dabei auf ein Großguss-Fertigungsverfahren setzen wird, dürfte eines der wenigen offenen Geheimnisse sein. Hier wird heißes Aluminium mit riesigem Druck geformt, sodass letztlich größere Karosserieteile entstehen. Auf diese auch als Mega- oder Gigacasting bekannte Methode setzen immer mehr Autohersteller, selbst VW ist schon umgeschwenkt. In der neuen "Urban Car Family" des VW-Konzerns, welche die kompakten Elektroautos ID. Polo und ID. Cross von Volkswagen, den Cupra Raval sowie den Skoda Epiq umfasst, kommt erstmalig ein entsprechendes Teil in der Serienfertigung zum Einsatz. "Dieses Großgussteil – 170 cm lang und 115 cm breit – ersetzt 123 Einzelteile", sagt der VW-Sprecher.
Das spart Komplexität und Kosten, und zwar aus mehreren Gründen. Neben der Produktion vereinfacht und verschnellert das Großguss-Verfahren die Logistik und Entwicklung. Perspektivisch kann VW so seine Anzahl an Zulieferern reduzieren und insgesamt viel Geld sparen. Volvo, das die Methode beim neuen Elektro-SUV ebenfalls anwendet, spricht von 30 bis 40 Prozent geringeren Produktionskosten. Sollte sich die Ersparnis bei VW in einem ähnlichen Rahmen bewegen, könnte das trotz bezahlbarer Autopreise eine enorme Hilfe sein, eines der größten Dauerprobleme zu lösen: die fast schon traditionell niedrige Rendite. Zudem spart der Konzern dadurch Zeit und CO₂ ein und die Autos werden potenziell leichter.





