Erste Fahrt im Mercedes VLE: Luxus trifft Elektro-Van

Mercedes VLE Erster Fahrtest
Er will kein Van sein - hat er recht?

ArtikeldatumVeröffentlicht am 19.06.2026
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China setzt die Autotrends. Große Vans mit allem, was das Herz des Mitreisenden begehrt, erleben dort seit einiger Zeit einen Zulassungs-Höhenflug. Und Mercedes möchte sich von diesem lukrativen Geschäftsfeld natürlich eine dicke Scheibe abschneiden. Vor diesem Hintergrund muss man sich den neuen Mercedes VLE einmal ganz genau ansehen, und das haben wir im spanischen Umland von Bilbao getan.

Warum in Spanien? Dort, genauer im Werk in Vitoria, eine Autostunde von Bilbao entfernt, laufen seit Jahrzehnten die Mercedes-Transporter und -Vans, die V-Klassen und Vitos, vom Band. Jetzt startet dort die Produktion des VLE. Auf den ersten Blick ein weiterer Van mit Stern, rein elektrisch, wie der Name vermuten lässt. Mit 115-kWh-Akku im Unterboden, einer Reichweite nach WLTP von bis zu 713 Kilometern, entweder als Fronttriebler (VLE 300) oder als Allradler (VLE 400). Die Leistung des 300 liegt bei 203 kW/276 PS, der 400 packt noch eine Schippe drauf (305 kW/415 PS).

Das Selbstverständnis einer neuen Klasse

Aber beim VLE, dessen Preise aktuell bei 86.589 Euro startet, soll es keineswegs vorrangig um Leistung gehen. Chef-Ingenieur Benjamin Kähler sieht den Wagen als große Limousine, die den Passagieren auf langen Strecken von allem mehr bietet – mehr Raum, mehr Variabilität, mehr Effizienz und natürlich mehr Komfort. Das haben Vans auch in der Vergangenheit versucht. Weil sie aber immer eng mit ihren Nutzfahrzeug-Geschwistern verwandt sind, blieben meist ein oder zwei der gewünschten Attribute auf der Strecke. Oft waren das der Geräusch- und der Federungskomfort.

Gerade hier soll nun die neue Grand Limousine Maßstäbe in der Klasse setzen. Also fahren wir los, um zu checken, was der VLE kann. Die Erwartungen sind keinesfalls niedrig, denn die Großraumlimousine steht immer auf einer Luftfederung. Die Hinterräder hängen an einer Multilenker-Achse, besitzen also beste Voraussetzungen für geschmeidiges Ein- und Ausfedern auch auf den ruppigen Straßen Nordspaniens.

Zudem ist die Karosserie aerodynamisch optimiert. Zum einen, um die Effizienz und damit die Reichweite des wahlweise fünf-, sechs-, sieben- oder achtsitzigen Sternenkreuzers zu verbessern; aber auch um die Windgeräusche zu zähmen. Doppelverglaste Scheiben wollen ihren Teil zum leisen Gleiten beitragen.

Wenn 180 km/h leise bleiben

Tatsächlich ist der VLE ein bemerkenswert leises Auto. Vom Fahrwerk werden die Narben der Straße nicht an die Ohren der Passagiere durchtelefoniert, der Wind umströmt die Karosserie, ohne sich an Kanten oder Sicken mit nervigem Zischeln oder Rauschen im Innenraum bemerkbar machen zu können. Auch dann nicht, wenn die deutsche Autobahnrichtgeschwindigkeit angestrebt oder kurzzeitig überschritten wird. 180 km/h wären möglich, da ist eine gute Aeroakustik ein Muss, vor allem für einen Mercedes. Und dieser liefert!

Das tut er auch beim Komfort. Wellen, Buckel, Schlaglöcher, das Fahrwerk schluckt sie. Geschmeidig bügelt der VLE die Landstraße platt, softet die Verwerfungen im Asphaltband weg. Die weiche Abstimmung macht sich allerdings bei schneller Kurvenfahrt bemerkbar. Dann gerät der Aufbau in Bewegung, neigt sich zum Kurvenaußenrand, taucht beim Anbremsen vor Kurven vorn ein. Kurz: Der VLE wogt durch enge Wechselkurven, droht dabei aber nicht die Contenance zu verlieren. Daran hat auch die mitlenkende Hinterachse ihren Anteil.

Bei Geschwindigkeiten bis 60 km/h verkleinert diese Funktion den Wendekreis, ab 60 km/h stabilisieren die mitlenkenden Hinterräder Spurwechsel und schnelle Ausweichmanöver. Beim VLE sind diese Vorteile definitiv spürbar. In der Stadt überrascht er mit kleinen Radien, durch die er sich zirkeln lässt, auf der Landstraße mit hoher Fahrsicherheit.

Ein Wohnzimmer auf Rädern

Schauen wir uns innen um. Platz für drei Sitzreihen ist massig vorhanden, selbst ganz hinten können Erwachsene mit knapp 1,90 Meter Länge bequem sitzen. Die Einzelsitze oder Dreierbänke in den Reihen zwei und drei sind auch auf langen Strecken – wir erinnern uns: Reichweite über 700 Kilometer – bequem. Je nach Konfiguration und Kundenwunsch sind sie manuell oder elektrisch (optional) verstellbar. Die Vordersitze bieten nicht nur viel Komfort und dank ihres weiten Verstellbereichs auch Personen jenseits der 1,90 Meter Körperlänge eine ergonomische Position, sie erweisen sich auf den kurvigen Straßen in Spanien als überraschend seitenhaltstark. Das haben wir in Vans bislang eher nicht erlebt, aber der VLE will ja auch keiner sein.

Mercedes VLE, Rückbank
Mercedes

Vor Fahrer und Beifahrer hat Mercedes im VLE einen durchgehenden Monitor arrangiert (plus Head-up-Display). Die Oberfläche reagiert sehr sensibel auf Berührungen, nahezu verzögerungsfrei kommen die gewünschten Funktionen zum Vorschein. Durch die Vielfalt der Möglichkeiten ist selbstverständlich eine Gewöhnung an die Bedienung erforderlich. Der strukturelle Aufbau ist aber logisch, was die Eingewöhnung verkürzen kann.

Rekuperation, die vorausdenkt

Zwei Highlights der zahllosen Funktionen müssen hier erwähnt werden. Dazu gehört einmal die dreistufige Rekuperation, die der Antrieb bietet. Normal und stark, das können andere auch. Der VLE bietet darüber hinaus auch intelligent. Dann passt sich die Rekuperationsheftigkeit an den vorausfahrenden Verkehr an. Sie wirkt wie ein Assistenzsystem, das bestrebt ist, einerseits Energie zurückzugewinnen und andererseits die Fahraufgabe für den Fahrer zu erleichtern – ein feines Feature.

Ein Merkmal, das ganz in der großen Sicherheits-Historie von Mercedes steht, ist die "Child Presence Detection". Per Radar überwacht der VLE seinen Innenraum, wenn er abgestellt ist. Sollte ein Kind im Auto vergessen worden sein, einerlei ob vorn, auf der mittleren oder hinteren Sitzreihe, schlägt das Auto Alarm. So beugt es tragischen Fällen vor, bei denen Kinder in überhitzten Autos ums Leben kommen. Elf Airbags sind außerdem an Bord.

Fazit