Den Begriff "rote Gefahr" instrumentalisierten im 20. Jahrhundert konservative Politiker konsequent, um auf die vermeintliche Bedrohung durch die Sowjetunion und den Kommunismus für die eigene Bevölkerung hinzuweisen. Wenn in China am kommenden Formel-1-Wochenende (15.3.) von einer "roten Gefahr" die Rede ist, muss sich im staatskapitalistischen Milliardenland niemand gemeint fühlen. Statt politischer Spitzen geht es hier um das nächste, mit Spannung erwartete Duell zwischen Mercedes und der Scuderia Ferrari.
Die Silberpfeil-Armada reiste als Tabellenführer nach Shanghai und spürt den Atem der Roten im Nacken: Ferrari will in der Millionenmetropole die Niederlage von Melbourne (8.3.) vergessen machen und ihrerseits den ersten Saisonsieg des Jahres einfahren.
Die Scuderia war in Australien besser als die Ränge drei und vier. Charles Leclerc und Lewis Hamilton überquerten zum Auftakt rund 15 Sekunden hinter Sieger George Russell die Ziellinie, der wiederum seinen Teamkollegen Andrea Kimi Antonelli um knapp drei Sekunden distanzierte.
Es waren mehr als 27 Punkte drin in Melbourne. Die SF-26 der beiden Ferrari-Chauffeure schossen beim Start von den Plätzen vier und sieben nach vorn. Leclerc beendete die erste Runde an der Spitze, Hamilton war Dritter.
Mercedes liegt goldrichtig
Rundenlang kämpfen Leclerc und Russell verbissen um die Führung. Das Duell wurde jäh beendet, weil beide Kommandostände unterschiedlich auf die erste VSC-Phase reagierten. Mercedes holte beide Autos rein, Ferrari blieb draußen. Das war der Schlüssel zum Sieg. Bei der Scuderia glaubte man nicht, dass die harte Reifenmischung 46 Runden überleben würde. Sie tat es aber.
Den Fans "raubten" die Ferrari-Strategien dagegen ein Duell um den Sieg. Trotz des packenden Rennbeginns hatte Mercedes mehr Pace im Albert Park. "Unter dem Strich waren wir langsamer als die Mercedes", rekapitulierte Ferrari-Teamchef Frédéric Vasseur.
Für die Australien-Sieger ist das aber kein Polster, auf dem sie sich ausruhen können und wollen. In Shanghai wartet der erste Sprint des Jahres auf die Teams. Diese bringen ohnehin viel Unruhe in den gewohnten Ablauf an einem Grand-Prix-Wochenende. Die neuen Autos und das komplizierte Energiemanagement verleihen zusätzliche Würze.

In Shanghai kommt erstmals der neue Ferrari-Heckflügel zum Einsatz.
Hilft Ferrari der Wunderflügel?
Die kostbare Elektro-Energie war in Melbourne ein Vorteil der Mercedes-Kutscher. Vor allem im Qualifying hatte kein anderes Team das Laden und Einsetzen der 350 kW so perfektioniert, um die Rundenzeit zu optimieren.
"Sie scheinen einfach ein besseres Einsetzen und Laden am Ende der Geraden haben", analysierte Hamilton in seiner Medienrunde in Shanghai. "Wir müssen verstehen, was in dieser Phase abläuft, und daran arbeiten, wie wir mehr aus unserem Motor herausholen können."
Für China hat Ferrari bereits das erste Upgrade im Gepäck. Der Testflügel aus Bahrain kommt in China zum Einsatz. Das obere Element rotiert beim Aktivieren des Straight-Line-Mode um die eigene Achse. Das erlaubt mehr Volumen, durch das die Luft strömen kann. Das bringt eine bessere Höchstgeschwindigkeit. Von dieser könnte Ferrari auf der mehr als ein Kilometer langen Geraden in Shanghai profitieren.
Zudem waren am Donnerstag (12.3.) am SF-26 kleine Ableiter am Halo zu erkennen. Diese sollen den Luftstrom am Cockpit verbessern. Ferrari geht schon jetzt in die Offensive und will den Rückstand auf Mercedes mit aller Macht verringern. Im ersten Rennen war Ferrari deutlich näher dran. Viele Experten attestieren der Scuderia ein Chassis, das besser ist als das des W17 von Mercedes.

George Russell blieb vor dem Auftakt ins China-Wochenende noch vorsichtig.
Russell spielt defensiv
Mercedes nur auf den starken Antrieb zu reduzieren, greift aber zu kurz. Der W17 ist aerodynamisch gelungen. Außerdem, so die einhellige Meinung, haben Silberpfeile in Melbourne noch nicht alles gezeigt und gegen Rennhälfte Tempo rausgenommen. WM-Leader George Russell weiß um die Stärke des Gesamtpakets und bleibt dennoch auf der Euphoriebremse. "Im Moment bedeutet das gar nichts", sagte der Engländer im Vorfeld des China-GP.
"Das Gesamtbild wird wohl relativ ähnlich bleiben", meinte Charles Leclerc. "Im Qualifying erwarte ich nicht, dass wir auf ihrem Niveau sind. Wir werden näher dran sein, weil wir in Melbourne vieles noch nicht optimiert haben. Aber wir sind definitiv nicht auf ihrem Level", blieb der Monegasse trotz des vielversprechenden Auftakts skeptisch.
Sein Teamkollege Lewis Hamilton reiste mit George Russell nach Shanghai. "Wenn ich ehrlich bin, hätte er (Lewis) auf dem Podest stehen sollen. Er war wirklich schnell", lobte Russell seinen ehemaligen Stallgefährten. Die "rote Gefahr" lauert im Rückspiegel der Silberpfeile. Fehler dürfen sich die Spitzenreiter in China nicht erlauben. Sonst ist Ferrari zur Stelle.












