BMW M6 GT3 - Startnummer 99 - 24h Rennen Nürburgring - Nürburgring-Nordschleife - 27. September 2020 Stefan Baldauf
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Rennanalyse 24h-Rennen Nürburgring 2020

BMW als perfektes Wetter-Chamäleon

Wie wurde BMW beim 24h-Rennen Nürburgring vom Zero zum Hero? Und warum war es bei Mercedes genau andersherum? In unserer Rennanalyse haben wir die Antworten auf diese und weitere Fragen.

Zehn Jahre lang musste sich BMW gedulden, ehe man wieder einen Triumph beim 24h-Rennen Nürburgring feiern durfte. Dabei hat ausgerechnet das Team den Sieg für sich verbucht, das auch regelmäßig in der Nürburgring Langstrecken-Serie zu Gast ist und sich damit in der Eifel bestens auskennt: Rowe Racing. Nick Yelloly, Alex Sims und Nick Catsburg kreuzten die Ziellinie mit 15,452 Sekunden Vorsprung als Erste. Die jahrelange Erfahrung war bei diesem chaotischen Rennen, das auch von fast neun Stunden Rennunterbrechung geprägt war, sicherlich kein Hindernis. Auch wenn es letztlich noch um viele andere Faktoren ging. Um welche? Das erklären wir Ihnen in unseren Antworten zu den brennenden Fragen des Rennens.

Wie wurde BMW vom Zero zum Hero?

Nach dem Start des 24h-Rennens hätte es wohl vom Buchmacher hohe Prämien gegeben, wenn man auf BMW gesetzt hätte. Zwar hatten sich die Münchner mit den Startplätzen fünf, sechs, acht und neun hervorgetan, doch die Anfangsphase lief nicht erfolgversprechend für die BMW-Vertreter. Vom Tempo an der Spitze war man weit entfernt und wurde durchgereicht. Da runzelten einige die Stirn, schließlich war BMW bei den Vorläufen zur Nürburgring Langstrecken-Serie durchaus konkurrenzfähig. Allerdings war es da auch nicht nass.

Hörte man bei Teams wie Schnitzer Motorsport und Rowe Racing nach, die beide auf Michelin-Reifen starteten, bekam man immer dieselbe Antwort darauf, wo der Schuh drückte: Reifenmanagement. Michelin hat einen so genannten "Full-Wet-Regenreifen” im Angebot sowie einen "Drying-Wet”, der für eine abtrocknende Strecke gedacht ist und im Profil dem "Full-Wet” entspricht, aber eine härtere Mischung hat. Weil am Samstag fast nur der klassische Regenreifen zum Einsatz kam und man sich vor allem im ersten Stint unter anderem mit dem Luftdruck vergaloppierte und erst mit mehr Runden bessere Lösungen fand, blieb BMW am Samstag noch blass. "Vor allem bei den kalten Temperaturen war der Luftdruck ein großes Thema”, sagte Rowe-Teamchef Hans-Peter Naundorf. "Bei allen Reifentypen war das ein viel sensibleres Thema.”

Rowe Racing - Startnummer 99 - 24h Rennen Nürburgring - Nürburgring-Nordschleife - 27. September 2020
Stefan Baldauf
Alex Sims, Nick Yelloly und Nicky Catsburg haben den Sieg für Rowe Racing eingefahren.

Mit den zwar immer noch nassen Bedingungen aber weitaus weniger Wasser auf der Strecke beim Restart am Sonntag, kam man hingegen besser zurecht. Die Stunde des "Drying Wet” hatte geschlagen. Die BMW o’clock begann um kurz nach 10 Uhr bei noch fünfeinhalb Stunden zu fahren. Hier brannten Sheldon van der Linde im Schnitzer-BMW (#42) und Alex Sims im Rowe-BMW (#99) ein Feuerwerk ab und arbeiteten sich auf Platz zwei und drei nach vorn. Auch für die restlichen Stunden nutzte man den "Drying Wet”, der der Konkurrenz teilweise gar nicht schmeckte und hatte so einen Vorteil. Möglich machten das aber erst die Wetterbedingungen und die richtige Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt.

Was passierte beim finalen Stopp der Top-Favoriten?

Das Finale des 24h-Rennens war wie so oft ein echter Nervenkrimi. Das Duell lautete: Christopher Haase im Car Collection-Audi (#3) gegen Nicky Catsburg im Rowe-BMW M6 GT3 (#99). Die Vorspeise: Nachdem alle auf Slicks gewechselt hatten, setzte gegen 13.40 Uhr Regen ein. Catsburg kam wie viele andere Konkurrenten direkt an die Box – obwohl man erst zwei Runden vorher beim Service war. Der Führende Haase blieb hingegen noch draußen in der Hoffnung, es würde auch mit Slicks klappen. "Es war ein bisschen unglücklich”, sagte Haase. "Wir dachten, es ist nur im Brünnchen so heftig, aber es war dann auch im Adenauer Forst Regen. Von dem Moment an, habe ich viel Zeit verloren.” Das Team schätzt: Rund 20 Sekunden auf dieser Runde. Erst einen Umlauf später kam Haase zum Wechsel auf die "Full-Wet-Regenreifen” in die Box.

Die Hauptspeise: Nach diesem Chaos ging der BMW mit 50 Sekunden in Führung. Haase kam noch bis auf 13 Sekunden heran, ehe der finale Stopp anstand. Für Haase eine Runde später als für den BMW – damit musste er auch eine weniger lange Mindeststandzeit einhalten, die über eine spezielle Tabelle im Reglement geregelt ist. Den Berechnungen der Teams zufolge wäre Haase nur knapp hinter Catsburg wieder auf die Strecke gekommen, doch mehrere Faktoren spielten nicht in seine Karten. Zum einen war die Outlap von Catsburg extrem schnell, zum anderen geriet Haase in eine Code 60-Phase, in der er wohl zehn Sekunden einbüßte. Plus: Das Team machte einen Fehler bei der Berechnung der Spritmenge und tankte für drei statt die zwei verbleibenden Runden, was 15 Sekunden gekostet haben soll. Das Ergebnis: Catsburg hatte 16 Sekunden Vorsprung als Haase wieder auf die Strecke kam.

Audi R8 LMS GT3 - Audi Sport Team Car Collection - Startnummer 3 - 24h Rennen Nürburgring - Nürburgring-Nordschleife - 27. September 2020
Stefan Baldauf
Beim Boxenstopp von Car Collection lief nicht alles nach Plan.

Warum war Porsche nicht stärker?

Für viele war Porsche nach den starken Auftritten in den vergangenen Jahren einer der Top-Favoriten auf den Sieg. Doch man startete mit einigen Handicaps in dieses Rennen. Zum einen wirbelte vor dem Wochenende die Meldung von drei positiven COVID-19-Tests, die vorsorglich in Le Mans gemacht wurden, das gesamte Fahrer-Lineup und teils den Einsatz von Ingenieuren durcheinander. Alle Kundenautos wurden neu aufgestellt, weil Porsche kein Risiko eingehen wollte und deshalb das Personal aus Le Mans nicht zum Nürburgring schickte. Den "Grello” von Manthey Racing zog man sogar ganz zurück. Diese Aufregung war zweifelsohne kein Vorteil in der Vorbereitung auf den Langstreckenmarathon. Daneben stellte sich später heraus, dass die drei Betroffenen nur kurz darauf negative Testergebnisse hatten.

Neben dem Wirbel in der Mannschaft hatte man auch auf der Strecke noch Hausaufgaben zu machen. Keines der Pro-Autos konnte bei den NLS-Läufen für das neue Top2-Quali, bei dem es um die Pole geht, ein Ticket lösen. Und auch im Top1-Quali am Rennwochenende selbst, gelang das nur Dennis Olsen im KCMG-Porsche. Am Ende stand der beste Porsche auf Startplatz 14 – das Pro-Am-Auto von Frikadelli. Der KCMG-Porsche von Olsen musste sich mit Rang 17 begnügen, denn bereits in der Einführungsrunde zum Top2-Quali gab es ein Problem mit der elektronischen Steuerung der Drosselklappe.

Im Rennen selbst hatte man ebenfalls nur kurze Lichtmomente und kämpfte zu keiner Zeit um den Sieg. Auch hier hing es am Reifenmanagement. Den "Drying-Wet-Reifen” konnte man auf dem Elfer zu gar keiner Zeit nutzen, weil man nicht damit zurecht kam. Blieben also nur der "Full-Wet” und der Slick-Reifen. Und auch bei Falken fehlte Erfahrung mit dem eigenen Regenreifen, der 2020 in einer neuen Version zum Einsatz kam. Der am Sonntagmorgen teilweise in den Top 5 platzierte Frikadelli-Porsche (#31) stolperte schließlich über eine Strafe von 1.02 Minuten für eine Berührung mit einem anderen Auto, was am Ende Rang sieben bedeutete.

Porsche 911 GT3 R - Startnummer 18 - 24h Rennen Nürburgring - Nürburgring-Nordschleife - 27. September 2020
Stefan Baldauf
Dennis Olsen machte im KCMG-Porsche mit guten Rundenzeiten auf sich aufmerksam.

Und was war mit Mercedes los?

Mercedes-AMG war in etwa das Gegenteil von BMW. Man durchlebte eine Reise vom Hero to Zero. Während man mit dem HRT-Mercedes AMG GT3 (#4) und dem GetSpeed-Mercedes (#9) zu Rennbeginn gleich zwei heiße Eisen im Feuer hatte, die in ihrer eigenen Welt zu fahren schienen, war die Hochphase jäh beendet. Das Drama begann um 20.22 Uhr mit dem Abflug von Manuel Metzger im HRT-Auto im Schwalbenschwanz. "Das war hart und enttäuschend”, meinte Metzger. "Den ersten Stint sind wir mit dem Full-Wet-Regenreifen gefahren. Weil es dann abgetrocknet hat, haben wir uns für den Drying-Wet entschieden. Das war auch eine perfekte Entscheidung. Aber dann sind die Luftdrücke und Temperaturen zusammengesackt. Ich bin geschlichen und sachte aus dem kleinen Karussell gefahren. Trotzdem habe ich das Auto schlagartig verloren.”

Danach wurde Raffaele Marciello im GetSpeed-Mercedes zum Hoffnungsträger. Der zweite Schock für GetSpeed folgte jedoch um 22 Uhr: Marciello, der sich zu Beginn als Regen-Spezialist in Szene gesetzt hat, kreiselt erst im Adenauer Forst weg. Es scheint, als habe der Mercedes-AMG dabei nichts abbekommen. Doch dann folgt ein weiterer Abflug in Kallenhard mit Blechschaden. Zwar wird das Auto über Nacht wieder repariert, doch man kann nicht mehr um den Sieg mitreden. Der einzig verbliebene Mercedes, dem man echte Podiumschancen ausrechnete, war die Startnummer 6 von HRT (Assenheimer/Müller/Engel/Baumann). Hier wurde derselbe Fehler zwei Mal zum Verhängnis: Schon zu Beginn des Rennens sorgte eine zu fest angezogene Radmutter für einen Extra-Stopp und derselbe Fauxpas zwang das Team später wieder in die Knie.

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