In den späten 1990er-Jahren befand sich der Volkswagen-Konzern auf einem massiven Expansionskurs. Im Sommer 1998 übernahmen die Wolfsburger über ihre Tochter Audi den italienischen Sportwagenhersteller Lamborghini. Im selben Jahr schnappten sich der damalige Konzernchef Ferdinand Piëch und seine Mitstreiter obendrein die französische Luxusmarke Bugatti. Die prestigeträchtigen Neuerwerbungen sollten dem Image des Konzerns einen gehörigen Push in Richtung Premium und Hightech verleihen.
Lamborghini leistet Entwicklungshilfe für Bugatti
Doch zum Zeitpunkt der Akquise hatten weder Lamborghini noch Bugatti moderne Modelle im Angebot. Die damals einzige Lamborghini-Baureihe Diablo kam schon 1990 auf den Markt. Der letzte Bugatti-Sportwagen EB110 war zum Zeitpunkt der VW-Übernahme bereits seit drei Jahren vom Markt verschwunden. Doch allein von ihrer glorreichen Historie konnten weder die Italiener noch die Franzosen leben, und den Niedersachsen hätten die Marken in diesem Zustand wenig genützt. Neu entwickelte, hochmoderne und technisch ausgeklügelte Sportwagen mussten her. Und hier nutzte der VW-Konzern direkt die durch die Übernahmen geschaffenen Synergien.
Für Bugatti hatte Volkswagen – angetrieben von den großen Ambitionen des Patriarchen Piëch – besonders ehrgeizige Pläne. Das erste neue Modell sollte einen Motor mit (mindestens) 16 Zylindern bekommen. Doch in welchem Auto sollte man ein solches XXL-Triebwerk abseits der Prüfstände erproben? Die Wahl fiel auf einen Lamborghini Diablo , der seinen V12-Motor abgeben musste und mit dem die Ingenieure schließlich die Straßenerprobung des neuen Prestige-Triebwerks absolvierten.
Zahlreiche optische Eigenheiten
Wann genau der Muletto-Prototyp aufgebaut wurde, ist nicht ganz klar. Es muss nach 1999 gewesen sein, denn es handelt sich bei diesem Diablo um das Nach-Facelift-Modell, das an seinen – vom Nissan 300 ZX übernommenen – Standard- statt Klappscheinwerfern zu erkennen ist. Am Heck zeigt sich zudem das VT-Logo, das auf die Allradversion des Diablo hinweist.
Darüber hinaus fallen einige optische Eigenheiten am Lambo mit Bugatti-Herz auf. Dazu zählen am Vorderwagen der beim Prototyp doch ordentlich verschrammte Frontspoiler und die Hutze auf der vorderen Haube. An beiden Flanken sind außerdem Klappen zwischen den hinteren Türkanten und den Schwellern zu erkennen, die das Serienauto dort nicht aufweist.
W16 mit erhöhtem Kühlluft- und Platzbedarf
Heckseitig fährt der Muletto mit einem speziellen Heckflügel, aber ohne linke Rückleuchten vor. Das könnte in Kombination mit den zahlreichen neuen sowie vergrößerten Luftauslässen auf einen erhöhten Kühlluftbedarf des W16-Motors im Vergleich zum Standard-V12 hindeuten. Da das Triebwerk zudem mehr Platz benötigte, zeigt sich das Hinterteil im Zentrum nach oben gezogen. Als offensichtlichstes Merkmal weist das mittig platzierte Endrohrquartett der Abgasanlage auf die Besonderheit beim Antrieb hin. Dass die Heckschürze fahrerseitig ein wenig herunterhängt, deutet darauf hin, dass der Prototyp während seiner aktiven Zeit nicht geschont wurde.
Der Rest ist Geschichte. Der W16-Motor kam in einer Spezifikation mit acht Litern Hubraum und vier Turboladern im Bugatti Veyron 16.4 zum Serieneinsatz, dessen Produktion jedoch erst 2005 startete. Dafür waren die Leistungsdaten für damalige Verhältnisse absurd hoch: 1.001 PS, maximal 1.250 Newtonmeter und Fahrleistungen sowie Verbrauchswerte auf Rekordniveau. Später kam der Motor im Veyron Super Sport sogar auf 1.200 PS und höchstens 1.500 Newtonmeter.
W16-Diablo bald mit dem ersten öffentlichen Auftritt
Lamborghini wurde zwar schon 2001 mit dem ersten unter VW/Audi-Regie entwickelten und designten Modell beglückt. Doch der Diablo-Nachfolger Murciélago trat wieder "nur" mit V12-Saugmotor an. Dieser leistete je nach Konfiguration zwischen 580 und 670 PS. Langsam war der Lambo damit freilich nicht, doch an die Spitzenwerte des Bugatti, für den sein Vorgänger Entwicklungshilfe geleistet hatte, kam er nicht heran.
Aktuell befindet sich der Lamborghini Diablo mit W16-Motor in der Sammlung der Autostadt Wolfsburg. Doch schon bald soll der verrückte Prototyp der Öffentlichkeit präsentiert werden. Sein erster Messeauftritt überhaupt ist auf der Bremen Classic Motorshow geplant, die in diesem Jahr vom 30. Januar bis 1. Februar stattfindet.












