Nein, wir wollen hier nicht ins Klagelied über Jaguars Gegenwart und Zukunft einstimmen. Sie wissen schon: Keine Autos mehr in Produktion, Abverkauf der Tageszulassungen und warten, bis der seltsame Zweitürer mit E-Antrieb, der auf den noch seltsameren Namen 00 hört, Ende 2025 auf den Markt kommt. Wir reden lieber über die Vergangenheit und den wundervollen F-Type , der als Gebrauchter mehr als einen Geheimtipp darstellt.
2013 kam der Sportwagen auf den Markt. Zunächst als V6-Modell mit 340 oder 380 PS sowie als V8-Version mit 495 PS. Kompressoraufladung war obligatorisch. Ob Heck- oder Allradantrieb, hing vom Modell ab. Ebenso die Frage, ob ein manuelles Schaltgetriebe oder eine Automatik an Bord war. Der 550-PS-Burner namens R löste 2014 den V8 S ab. 2016 debütierte das Topmodell SVR mit 575 PS, das zum Facelift in F-Type 575 umgelabelt wurde. Der 400 PS starke 400 Sport erschien 2017, war aber nur ein knappes Jahr im Sortiment.
50 Jahre nach dem E-Type
Im gleichen Jahr brachte Jaguar die neue Basis mit einem – na klar – 2,0 Liter kleinen, 300 PS starken Vierzylinder-Turbo. Seit Ende 2019 blinzelt der Jag mit grimmig-schmalen Augen in die Landschaft, dazu gab es die üblichen Retuschen außen und innen. Im Mai 2024 war dann endgültig Schluss mit lustig. Der Nachfolger? Unklar, so wie die gesamte Zukunft der Tochter von Tata Motors.

Wuchtig im Antritt und beim Sound. Das Cabriolet marschiert in 3,9s von 0 auf Tempo 100.
Was haben wir uns damals gefreut, als Jaguar endlich wieder einen echten Sportwagen auf die Räder stellte. Und zwar nach knapp fünf Jahrzehnten. Den legendären E-Type (Premiere 1961) hat wohl jeder Autofan auf dem Schirm. Doch leider neigte der Schönling im Laufe seines Lebens optisch wie technisch zur Verfettung und wurde dann gegen den phlegmatisch-bräsigen XJS getauscht. Spätestens da war klar: Die reine Sportwagen-Lehre spielte keine Rolle mehr. Und das trotz der ruhmreichen Motorsport-Historie mit immerhin sieben Le-Mans-Siegen!
Später dann mit dem XK blieb Jag in beiden Generationen dieser Philosophie treu und bediente die Fans gediegener Luxus-Cruiser. Zwar auf Wunsch PS-stark, aber sehr soft in Positionierung und Performance. Da half auch die Umstellung auf eine Alu-Karosserie nichts. Der Gegner: Eher Mercedes SL als Porsche 911. Erst mit dem F-Type näherten sich die Briten wieder dem Urmodell E-Type an. Sowohl in der Form als auch bei der Positionierung und beim Namen. Denn jedes Kind weiß, auf E folgt F. Auch wenn fast 50 Jahre dazwischenliegen. Too much information? Nun ja. Im Zweifel fragen Sie Ihren freundlichen Jaguar-Dealer.

Ambiente, Material und Verarbeitung des F-Type bewegen sich nahezu auf dem Niveau der deutschen Premium-Konkurrenz.
Fast wichtiger: In all den Jahren haben die Katzen einen deutlichen Sprung gemacht. Das zeigt auch der F-Type – und zwar nicht nur optisch, sondern auch bei Ambiente und Verarbeitung. Alles ist appetitlich angerichtet und mit wertigen Materialien routiniert drapiert. Unsere beiden Gebrauchtwagen haben schon neun Jahre auf dem Katzen-Buckel und geben diesbezüglich keinen Grund zur Klage. Das kritische Auge muss zugeben: Hier gibt’s fast keine Unterschiede zu den deutschen Premium-Sportwagen. Das Gegenteil gilt beim Blick auf die Verkaufspreise: Gebrauchte Jaguar F-Type V6 sind schon für unter 30.000 zu haben. Die potenteren V8-Modelle stehen ab 35.000 Euro im Netz. Value for money? Genau, hier kann der Brite ordentlich punkten.
Unser schwarzes Coupé gibt sich als F-Type S zu erkennen. Also ist unter der wohlgeformten Motorhaube der stärkere der beiden V6-Motoren installiert. Er bringt 380 PS und 460 Newtonmeter mit. Startknopf gedrückt: Der Dreiliter-Kompressor bellt auf, so als würde er sich richtig freuen auf das heutige Treffen mit seinem Artgenossen, einem weißen V8-Cabriolet.

Der Sound klingt ohrenbetäubend.
Thomas Jansen, Verkaufsberater bei Koberstein Automobile in Schorndorf, wünscht viel Spaß und winkt zum Abschied. Nach vergnüglichen 45 Minuten über geschwungene Landstraßen biegen wir auf den Hof von D+S Automobile in Asperg ein. Hier im Stuttgarter Speckgürtel wartet das Cabriolet auf uns. Der weiße Lack des F-Type R AWD strahlt mit Vertriebsassistentin Lisa Pfeiffer um die Wette.
Ausstattung? Voll!
Die freundliche junge Dame reicht den Schlüssel zum offenen F-Type, der auch einen weitgehend unverbrauchten Eindruck macht. Sowohl im Innenraum als auch was den Unterboden angeht. Keine Abschürfungen, keine Undichtigkeiten, alles frisch. Reifen und Bremsen? Auch okay. Die Ausstattung? Natürlich voll, das ist bei Autos dieser Preis- und Leistungsklasse nie ein Problem. Eher schon das Gewicht. Ein Ende 2014 getestetes V6 S Coupé brachte vollgetankt 1.712 Kilo auf die Waage, sogar 1.856 kg ein V8 R AWD Cabriolet. Und das trotz Alukarosse und kompakten Maßen.

Schon die 380 PS und 460 Newtonmeter der V6-S-Variante machen happy. Agil, drehfreudig und mit einer Jubel-Melodie gesegnet, die an bayerische Referenz-Triebwerke der Kategorie „Inline-six“ erinnert.
Das Schöne: Beim Fahren spürt man das hohe Gewicht kaum. Das fängt an beim Platznehmen. Ob offen oder geschlossen, der F-Type passt wie ein Turnschuh. Das Auto wirkt weder zu klein noch zu groß. Gas geben, schnell sein, Spaß haben. Beim Landstraßen-Wedeln fühlen sich Pilot und Jaguar pudelwohl.
Ein F-Type ist niemals hüftsteif, sondern serviert ein locker-lässiges Handling. Du spürst immer ein latent loses Heck, das sich aber mit der verspielten Lenkung gut kontrollieren lässt. ESP ist komplett abschaltbar. Allradantrieb gab es je nach Modell auf Wunsch, beim SVR bzw. 575 ist er Serie. Wenn’s brennt, schickt die Lamellenkupplung maximal 50 Prozent der Kraft nach vorn. Was aber manchmal etwas dauern kann. Also Obacht, vor allem auf rutschigem Belag. Gegenüber Porsche und AMG fehlt es generell ein wenig an Präzision, was aber nur auf der Rennstrecke ins Gewicht fällt. Das Feder-Dämpfer-Set-up? Straff im Normalmodus und sehr straff, wenn der Dynamikmodus aktiviert ist.
Der V8 ist ein Berserker
Schon die 380 PS und 460 Newtonmeter der V6-S-Variante machen happy. Agil, drehfreudig und mit einer Jubel-Melodie gesegnet, die an bayerische Referenz-Triebwerke der Kategorie "Inline-six" erinnert. Tempo 100 ist nach 4,8 Sekunden abgehakt. Flat out rennt das Coupé 275 km/h. Auch die 1.14,6 Minuten auf dem Kleinen Kurs können sich sehen lassen.

Genügend Ablagen und bequeme, halt-starke Sitze. Automatik bei V6-Modellen als Option.
Ein R AWD Roadster ist neun Zehntel schneller, läuft echte 300 und beschleunigt in 3,9 Sekunden auf 100 km/h. Was er noch besser kann als der V6: dich emotional packen. Unter der aufregend gewölbten Haube lauert ein Fünfliter-Berserker mit 551 PS und 680 Nm, der gnadenlos abliefert und den Apparat in Richtung Horizont schiebt. Dass er daran höllisch Spaß hat, hörst du vor allem mit gedrückter Auspuffklappe: dreckig, rotzig, unterhaltsam – und abgesehen davon ideal, um dauerhafte Probleme mit deinen Nachbarn zu bekommen. Oder mit Fußgängern und Radfahrern. Etwa wenn du zwanghaft den Umweg über deinen Lieblingstunnel nehmen musst und es einfach nicht verhindern kannst, voll durchzuladen. Ob V6 oder V8: Beide Kompressormotoren arbeiten akustisch alles andere als zurückhaltend und geben keinen Anlass, über eine Nachrüst-Abgasanlage nachzudenken. Fairerweise muss gesagt werden, dass mit dem Einzug der Partikelfilter (Modelljahr 2019) das ganz große Soundgewitter Geschichte ist.

Und ja, schon der Sechszylinder macht glücklich, nicht nur wegen seines grandiosen Sounds.
Die Achtgangautomatik, mit der unsere beiden gebrauchten Briten ausgestattet sind, macht ihre Arbeit gut. Geschliffene Gangwechsel im Normalmodus, zackig im Dynamikmodus, dazu kein selbstständiges Agieren bei Kickdown und am Drehzahlbegrenzer. Wem der Sinn nach einem F-Type mit Schaltgetriebe steht: Ja, doch, so etwas gab es, aber nur für die V6-Modelle. Der Haken: Aktuell werden exakt zwei gebrauchte Exemplare angeboten.
Problemchen im Alter? Unser Dauertest-Auto R AWD nervte auf 60.000 Kilometern nur durch Schludrigkeiten bei der Verarbeitung und ein zickendes Navi. Ansonsten: great pleasure! Klaus Koberstein, Inhaber des Schorndorfer Autohauses, hat von vereinzelten Motorschäden gehört. "Wobei die F-Type, die bei mir auf dem Hof standen, alle problemlos liefen."

Der Kompressor-V8 bietet eine ordentliche Kraftentfaltung und packt zu wie ein Berserker.
Can Unutan, Serviceleiter bei D+S Automobile, hatte schon viele F-Type in den Fingern und weiß von "Kompressorlagern, die durch Geräusche auffallen. Egal ob V6 oder V8, der Tausch kostet zwischen 1.000 und 1.500 Euro." In Foren wird selten von leckenden Differenzialgehäusen und Ärger mit Kettenspannern sowie Einspritzventilen und -pumpen berichtet.
Keramik kostet leider
Gebrauchtwagenkäufer sollten prüfen, ob die Auspuffklappen öffnen und schließen. Falls eine Keramikbremse an Bord ist, lohnt ein Blick auf die Innenseite der Scheiben. Abplatzer zeugen vom unfreiwilligen Besuch im Kiesbett. Zwei neue Scheiben kosten 11.500 Euro. Klingt nicht gerade nach Black Friday. Gewiss, auch ein Grund zu klagen. Dennoch ist ein Jaguar F-Type als Gebrauchtwagen eine echte Kaufempfehlung – elektrische Zukunft hin oder her.
Sportliche Alternativen
Macht mit V8: Mercedes-AMG GT

Vor elf Jahren debütierte die erste Generation des AMG GT. Der 4,0-Liter-Biturbo-V8 war in acht Leistungsstufen verfügbar, nicht jede steht als Coupé und Roadster parat. Der Einstieg für das 462-PS-Modell gelingt bei rund 65.000 Euro, auch ein 510 PS starker GT S kostet kaum mehr. Der GT R mit 585 PS ist nicht unter 115.000 zu haben. Coupés sind häufiger als Roadster.
Fernost-Rakete: Nissan GT-R

Nissans Dauerbrenner mit dem doppelt aufgeladenen 3,8-Liter-V6 besitzt definitiv Kult-Charakter. Zur Wahl stehen diverse Eskalationsstufen von 485 bis 600 PS, aber nur die bekannte Coupé-Karosserie. Der Allradler kostet aktuell mindestens 55.000 Euro. Das Angebot auf dem deutschen Secondhand-Markt wird immer kleiner, was für kontinuierlich steigende Preise sorgt.
Sportwagen-Urmeter: Porsche 911

Der Neunelfer Typ 991 war von 2011 bis 2019 als Coupé und Cabrio im Programm und leistet zwischen 350 und 700 PS. Das Basismodell gibt’s nicht unter 65.000 Euro. Ein 991 Turbo mit 521 PS startet bei etwa 90.000 Euro. Wem der 911 zu teuer ist, der greift zu Boxster oder Cayman – als Typ 981 mit Sechszylinder eine echte Alternative zum F-Type V6. Aktuell zu haben ab 35.000 Euro.












