Nvidia Orin-Prozessor, 2019 Nvidia

PC-Markt boomt wegen Homeoffice: Autoherstellern fehlen wichtige Prozessoren

Tesla in dreifacher Hinsicht betroffen Autoherstellern fehlen wichtige Prozessoren

Die Produktion von Autos stockt teilweise, weil den Herstellern Halbleiter fehlen. Die kommen jetzt nämlich eher in PCs zum Einsatz, die wegen Homeoffice reißenden Absatz finden.

Die Corona-Pandemie hat den Beginn der Homeoffice-Epoche massiv beschleunigt. Und Homeoffice führt zu einem immensen Bedarf an moderner Kommunikations-Elektronik – PCs, Laptops und Monitore finden aktuell reißenden Absatz. Und weil auch mehr Menschen ihre Freizeit in den eigenen vier Wänden verbringen, boomt zudem der Verkauf von Spielekonsolen. Die für diese Geräte notwendigen Prozessoren und andere Halbleiter-Bauelemente fehlen jetzt der Autoindustrie. Einige Hersteller sind so hart betroffen, dass sie wegen des Prozessormangels massiv Kurzarbeit einführen müssen – andere Produzenten haben allerdings nur geringe oder gar keine Probleme.

Nvidia Drive AGX Pegasus, Computer für autonomes Fahren
Nvidia
Integrierte Schaltkreise kommen in modernen Autos zahlreich zum Einsatz.

Tesla muss Model-3-Produktion stoppen

Tesla muss seine Model-3-Produktion in seinem Stammwerk im kalifornischen Fremont für zwei Wochen (bis zum 7. März) pausieren. Auch hier ist der Grund ein Mangel an Halbleitern. Tesla scheint es besonders hart zu treffen: Zur allgemeinen Knappheit wegen des erhöhten Halbleiter-Bedarfs der Computer-Industrie kommt anscheinend noch Pech mit dem Wetter in Texas. Dort hat ein harter Wintersturm unter anderem eine Chipfabrik von Samsung beschädigt. Gerüchteweise beliefert diese auch Tesla, aktuell kommt es wegen der teilweise zerstörten Produktion auch dort zu Lieferengpässen. Die Winterstürme sollen zudem weitere Tesla-Lieferketten nachhaltig beeinträchtig haben. Außerdem soll es Kapazitäts-Probleme in Häfen geben, was die Teilelieferungen zusätzlich erschwert. Nach Bekanntgabe der Nachricht sank der Tesla-Börsenwert um 6,3 Prozent.

Tesla Model 3 mit schwarzen Applikationen
Tesla
Bis zum 7. März 2021 steht die Produktion des Tesla Model 3 im kalifornischen Fremont still, weil Teslas Lieferketten in mehrfacher Hinsicht angeschlagen sind.

Für Tesla-Chef Elon Musk dürfte der Produktionsstopp kaum zu ertragen sein – beim ersten Corona bedingten Lockdown im März 2020 musste der örtliche Sherriff das Werk Fremont schließen, weil Musk sich uneinsichtig zeigte. Am 12. März eröffnete Musk die Produktion wieder – illegal. Produktionsausfälle kosten stündlich bares Geld, was einen äußerst angespannten Elon Musk zur Folge haben könnte.

Opel mit Kurzarbeit in Eisenach

Der weltweite Halbleitermangel fordert immer mehr Autohersteller heraus – jetzt ist auch Opel betroffen. Deshalb gibt es in dieser Woche im Eisenacher Opel-Werk Kurzarbeit – in Rüsselsheim läuft die Produktion unverändert weiter. Um die Auswirkungen der Knappheit so gering wie möglich zu halten, steht Opel in engem Kontakt mit seinem Zulieferer Continental und bewertet die Situation permanent neu. Laut einer Meldung des MDR Thüringen fehlen konkret Prozessoren für die Steuergeräte der Airbags.

Im Eisenacher Opel-Werk produzieren 1.360 Mitarbeiter das SUV Grandland X – auch in der rechtsgelenkten Vauxhall-Variante für den britischen Markt.

Audi mit Kurzarbeit

Der VW-Konzern leidet schon jetzt unter dem Halbleiter-Mangel: Audi schickt bis Ende Januar 10.200 Mitarbeiter der Werke in Ingolstadt und Neckarsulm in Kurzarbeit, weil die Produktion ohne die kleinen elektronischen Bauteile nicht weitergehen kann. Konkret betroffen sind die Modellreihen A4 und A5. VW selbst hatte bereits im Dezember vergangenen Jahres vor Engpässen bei der Produktion in China gewarnt.

Nvidia Drive AGX Xavier, Prozessor für autonomes Fahren
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Ein fehlendes Halbleiter-Bauelement kann zum Produktionsstopp einer Automodellreihe führen.

Weltweites Problem

Der Halbleiter-Engpass ist ein weltweites Problem: Toyota musste bereits eine Produktionslinie in China stilllegen, Fiat Chrysler hat die Produktion in seinen Werken in Mexiko und in der kanadischen Provinz Ontario vorübergehend gestoppt. Ford musste seine Produktion im Werk Louisville im US-Bundesstaat Kentucky für eine Woche aussetzen und Honda pausiert seine Civic-Produktion im englischen Swindon für mindestes vier Tage – die Japaner schließen ihren englischen Standort allerdings ohnehin in diesem Jahr.

Nvidia Orin-Prozessor, 2019
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Aktuell decken die Halbleiter-Hersteller den massiv gestiegenen Bedarf der Produzenten von Homeoffice-Elektronik.

Daimler mit flexibler Produktion

Daimler reagiert auf den globalen Halbleiter-Lieferengpass, nach eigenen Angaben, mit der hohen Flexibilität seiner Werke. Aktuell passt der schwäbische Autobauer permanent seine Produktion in Rastatt, Kecskemét und Bremen den vorhandenen Liefermöglichkeiten an. In Rastatt gibt es beispielsweise Kurzarbeit, in Bremen fallen, unter Beibehaltung des Dreischicht-Systems, die einzelnen Schichten jeweils 30 Minuten kürzer aus. Daimler betont, dass es für die Beurteilung weiterer Auswirkungen noch zu früh ist. Die Umsetzung der Mercedes-EQ-Elektrooffensive habe auf jeden Fall weiterhin oberste Priorität.

06/2018, Bosch Halbleiterfabrik Dresden
Bosch
Die Hersteller von Halbleitern investieren in den Ausbau ihrer Produktions-Kapazitäten.

BMW dementiert einen Bericht der Bild

BMW ist nach eigenen Angaben nicht von Produktionsausfällen betroffen. Die Bayern betonen, dass sie ihre Halbleiter-Bauteile für 2021 fristgerecht bestellt haben, und dass sie somit von vertragsgerechten Lieferungen ausgehen. In diesem Zusammenhang dementiert BMW eine Meldung der Bild vom 2. Februar, wonach die Bayern jetzt auch Kurzarbeit wegen der Halbleiter-Mangelsituation diskutieren. "Wir wissen nicht, mit wem die Bild gesprochen hat, bei uns gibt es keine neue Situation." versichert uns eine BMW-Sprecherin auf Anfrage. Außerdem enthält der Bild-Artikel die Aussage, dass bisher kein BMW-Werk wegen der Corona-Krise herunterfahren musste. Auch die Information ist falsch: Wie fast sämtliche Autohersteller, so musste auch BMW zu Beginn der Corona-Pandemie seine Produktion stilllegen, weil Lieferketten zusammenbrachen.

Wegen Absatzerwartung zu wenig bestellt

Die Gründe für den Mangel an den wichtigen elektronischen Bauteilen sind nämlich bei einem Teil der Autohersteller auch hausgemacht: Mit dem Beginn der Covid-19-Pandemie haben einige, in Erwartung von stark einbrechenden Absätzen, ihre Bestellungen zurückgefahren. Gleichzeitig haben die Hersteller von für Homeoffice notwendiger Elektronik deutlich mehr Prozessoren geordert, um in ausreichender Menge Laptops, Webcams, Tablets und 5G-Smartphones bauen zu können. Schließlich brauchen nicht nur Unternehmens-Mitarbeiter leistungsstarkes Elektronik-Equipment für ihren Arbeitsplatz zu Hause, auch die Unternehmen selbst mussten auf diesem Gebiet teilweise massiv nachrüsten.

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Audi, Osram, Mercedes
LED-Schweinwerfer sind ohne integrierte Schaltkreise nicht möglich.

Ein fehlender Prozessor kann Produktion stoppen

In neuen Autos können mehr als 100 Halbleiter-Elemente stecken. Fehlt auch nur ein einziges, kann das die Produktion des entsprechenden Modells stoppen.

Wie lange der Halbleitermangel anhält, lässt sich aktuell nur schwer einschätzen. Michael Hogan, Senior Vice President beim großen Halbleiter-Auftragsfertiger Globalfoundries, geht davon aus, dass von einer Bestellung eines Autoherstellers bis zur tatsächlichen Lieferung 20 bis 25 Wochen vergehen könnten. Da Globalfoundries schon bisher ein großer Lieferant für die Autoindustrie war, betont Hogan, dass man alles tue, um die Produktion für die Autoindustrie zu priorisieren.

06/2018, Bosch Halbleiterfabrik Dresden
Bosch
Als Basis für integrierte Schaltkreise dienen sogenannte Wafer.

Halbleiter-Hersteller unter Druck

Bosch betont, dass aktuell die integrierten Schaltkreise für die Steuerung von Motoren und Getrieben fehlen. Trotz der angespannten Marktsituation möchte der deutsche Zulieferer die Auswirkungen für seine Kunden so gering wie möglich halten. Zulieferer Continental ruft die Halbleiterhersteller derweil dazu auf, ihre Produktionskapazitäten zu erhöhen. Der in Neubiberg bei München ansässige größte deutsche Halbleiterhersteller Infineon gab bereits bekannt, seine Investitionen in seine Produktionskapazität in diesem Jahr von 1,1 auf 1,5 Milliarden Euro zu erhöhen. Dazu gehört auch die Steigerung der Produktion in der Chipfabrik im österreichischen Villach, wo unter anderem 12-Zoll-Wafer entstehen.

06/2018, Bosch Halbleiterfabrik Dresden
Bosch
Die Produktion von Wafern erfolgt in Reinsträumen.

Als Auswirkung der Halbleiter-Krise rechnen Experten nicht mit einem Preisanstieg für Autos – allerdings könne es bei einigen Modellen zu deutlich erhöhten Wartezeiten kommen.

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Für welche Industrie sind Halbleiter aktuell wichtiger?
Die Autoindustrie - gerade jetzt braucht jeder ein Auto.
Die Computer-Industrie - ohne geht es im Homeoffice-Zeitalter gar nicht.

Fazit

Zeiten des schnellen Wandels hinterlassen in der Industrie tiefe Spuren: Die flächendeckende Einführung von Homeoffice aufgrund der nach wie vor grassierenden Corona-Pandemie sorgt für einen sprunghaft angestiegenen Bedarf an elektronischen Geräten wie Computern, Monitoren und Tablets. In diesen Geräten arbeiten Halbleiter-Chips. Und Halbleiterchips kommen seit Jahrzehnten auch vermehrt in Autos zum Einsatz – inzwischen können in einem neuen Auto über 100 dieser Bauteile stecken.

Jetzt wandern die Prozessoren vermehrt in Homeoffice-Elektronik – und fehlen für die Autoproduktion. Für ein Ende der Lieferkrise ist eine Produktionserhöhung von Halbleiter-Bauelementen nötig – die entsprechenden Unternehmen arbeiten mit Hochdruck daran. Trotzdem dürfte der Halbleitermangel noch eine Weile anhalten, was zwar nicht zu erhöhten Fahrzeugpreisen, aber immerhin zu deutlich längeren Lieferzeiten führen könnte.

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