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Halbleitermangel in der Autoindustrie schlimmer als gedacht

Halbleitermangel sorgt für Milliardenverluste Chevrolet spart Start-Stopp-System bei V8-Modellen

Wegen des Halbleitermangels spart Chevrolet das Start-Stopp-System von einigen V8-Pickups ein. Viele Fans begrüßen diese Auswirkung der Halbleiter-Krise.

Das US-amerikanische Beratungs-Unternehmen Alix Partners hat anhand von neuesten Daten nachgerechnet, was der aktuelle Halbleitermangel die Autoindustrie kostet. Demnach laufen 2021 zirka 3,9 Millionen Fahrzeuge weniger vom Band, was Kosten in Höhe von 110 Milliarden Dollar (aktuell umgerechnet rund 90,6 Milliarden Euro) bedeutet. Damit sind die Kosten fast doppelt so hoch, wie von der Beratungsfirma noch Anfang Januar 2021 geschätzt. Damals gingen die Spezialisten von 61 Milliarden Dollar (50,2 Millarden Euro) Verlust aus. Die Unternehmensberater vermuten, dass die Autohersteller nur einen kleinen Teil dieser Verluste durch den Abbau von Lagerbeständen abfedern können.

US-Präsident Joe Biden schaltet sich ein

Um die Situation zu retten, hatte US-Präsident Joe Biden bereits zuvor wichtige Tech-Firmen zusammengebracht, um den für die Autoindustrie problematischen Halbleitermangel zu mindern. In der virtuellen Gesprächsrunde waren unter anderem der Google-Mutterkonzern Alphabet, General Motors, PC-Hersteller Dell, Prozessorspezialist Intel, Speicherhersteller Micron sowie Samsung und TSMC (als Chip-Auftragsfertiger) versammelt. Dabei wünschten sich die Auftragsfertiger Klarheit über die tatsächlich benötigten Chip-Mengen, um Mehrfachbestellungen zu minimieren. Die Autohersteller forderten wiederum eine bessere Planbarkeit, wann mit Lieferungen von Halbleitern zu rechnen ist. Joe Biden nutzt die Situation, um die heimische Chip-Industrie zu stärken: Die US-Regierung erhöht die Fördermittel für Halbleiter-Unternehmen von 37 Milliarden auf 50 Milliarden Dollar (umgerechnet von 31 auf 42 Milliarden Euro).

Autovermieter bekommen nicht genügend neue Autos

2020 war für die Autovermietungs-Branche ein hartes Jahr – mit Beginn der Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Kontaktbeschränkungen brach das Geschäft empfindlich ein. In ihrer Notlage waren die Mietwagenfirmen gezwungen, große Teile ihrer Fahrzeugbestände zu verkaufen – nur so konnten sie die Verluste halbwegs abfedern. Jetzt steigt der Bedarf an Mietfahrzeugen wieder – und die Autovermieter haben nicht genügend Autos auf dem Hof. Problem: Die Autohersteller können wegen der Halbleiter-Krise bei weitem nicht so viele Autos liefern, wie die Autovermieter aktuell gern kaufen würden.

05/2020, Hertz Chevrolet Corvette C7 Z06
Hertz
Im Mai 2020 war der Autovermieter Hertz gezwungen, alle 100 Exemplare der zum 100. Geburtstag der Firma aufgelegten Sonderserie der Corvette Z06 zu verkaufen.

Die Autohersteller konzentrieren sich während der Zeit des Chipmangels auf ihre gewinnträchtigen Modelle – Modelle mit geringerer Marge laufen nur noch tröpfchenweise vom Band. Das sind aber genau die Modelle, die die Autovermieter bisher gern in großen Mengen gekauft haben. Aus ihrer erneuten Zwangslage befreien sich die Autovermieter jetzt mithilfe des Gebrauchtwagen-Marktes: Junge Gebrauchte sollen die Flotten wieder auffüllen.

Auf der anderen Seite sorgt der Mietwagen-Engpass für höhere Preise und teilweise längere Wartezeiten. In den USA sind Urlauber bereits auf Nutzfahrzeuge wie beispielsweise Möbeltransporter ausgewichen, um ihre Fly-and-Drive-Urlaube anzutreten. Die Situation dürfte sich nur sehr langsam entspannen – eine schnelle Lösung für das Chipmangel-Problem ist aktuell nicht in Sicht.

Intel-Chef sieht jahrelangen Chipmangel

Intel-Chef Patrick Gelsinger geht davon aus, dass viele Branchen noch jahrelang unter dem grassierenden Halbleitermangel leiden müssen. Sein Unternehmen erneuert ältere Fabriken, um mehr Prozessoren für die Autoindustrie herstellen zu können. Aber selbst für die Autohersteller prognostiziert der Intel-Boss eine Entspannung der Chip-Mangelsituation frühestens in einigen Monaten. Gelsinger betont, dass viele Geschäftsbereiche einen enormen Bedarf an Chips haben und dass die Corona-Pandemie gezeigt hat, dass die Halbleiter-Lieferkette fragil sei. Zudem sei die Prozessoren herstellende Industrie nicht in der Lage, auf schnell ändernde Anforderungen des Marktes zu reagieren. Mit dem Hinweis auf die Lieferkette meint Gelsinger, dass viele Chip-Hersteller auf Vorprodukte aus Asien angewiesen sind. Deshalb nutzt er die Chance, für mehr US-Arbeitsplätze in der Prozessor-Industrie zu plädieren.

Taiwanesischer Chip-Produzent widerspricht Intel-Chef

Dem widerspricht Mark Liu, Vorsitzender der Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC): Der Chipmangel sei nicht von Asien verursacht, sondern liege ausschließlich an der Covid-19-Pandemie. Sein Unternehmen erfuhr Ende vergangenen Jahres von ersten Engpässen und quetscht seitdem so viele Prozessoren wie irgend möglich aus der Produktion. Dazu passen Meldungen, nachdem die Mitarbeiter taiwanesischer Chip-Fabriken aktuell teilweise in 60-Stunden-Wochen schuften, um die Halbleiter-Nachfrage zu befriedigen. Liu geht davon aus, dass er bis Ende Juni nur die Mindestanforderungen seiner Kunden erfüllen kann und dass der Chip-Mangel in der Autoindustrie noch bis Ende 2021/Anfang 2022 andauert.

Kein Start-Stopp-System für V8-Versionen von Chevrolet Silverado und Sierra

Um trotz des anhalten Halbleitermangels weiter Autos ausliefern zu können, suchen die Hersteller fieberhaft nach verzichtbaren Fahrzeugfunktionen. Chevrolet hat bereits die Zylinderabschaltung einiger seiner V8-Modelle eingespart, jetzt kommt der Entfall des Start-Stopp-Systems hinzu. Wie bei der Zylinderabschaltung sind auch jetzt wieder die Pickups der Marke betroffen – also die Modelle, die Chevrolet in den USA am häufigsten verkauft. So laufen die mit 5,3- oder 6,2-Liter-V8-Motoren und einer Zehngang-Automatik ausgerüsteten Versionen des Silverado 1500 und des Sierra 1500 seit dem 7. Juni ohne das spritsparende Start-Stopp-System vom Band. Die Silverado-Modelle mit 2,7-Vierzylinder- und 4,3-Liter-Sechszylinder-Beziner oder 3,0-Liter-Sechszylinder-Duramax-Diesel behalten vorerst die Spritspartechnik.

Wegen des fehlenden Start-Stopp-Systems gewährt Chevrolet auf die entsprechenden Modelle einen Preisnachlass in Höhe von 50 Dollar (aktuell umgerechnet zirka 41 Euro). In Foren feiern viele Fans diesen Schritt und bekräftigen ihre tiefe Abneigung gegen das Start-Stopp-System. Einige spekulieren, dass die jetzt ohne diese Technik ausgelieferten Modelle später auf dem Gebrauchtwagen-Markt höhere Preise erzielen. Wie lange Chevrolet diese Technik-Sparmaßnahme beibehalten muss, können die Konzernverantwortlichen aktuell nicht abschätzen.

VW pausiert Produktion in Mexiko

VW ist wegen der Halbleiter-Krise gezwungen, die Produktion der Modelle Tiguan und Jetta in seinem mexikanischen Werk zu pausieren. Die Produktion des kompakten SUV Tiguan ruht zwischen dem 6. und 16. Mai. Die Bänder des Jetta stehen sogar zwischen dem 3. und 19. Mai still. Außerdem muss VW seine Produktion in seinem slowakischen Werk in Bratislava stoppen. Die Produktionspause gilt für die wichtigen SUV-Modelle – voraussichtlich bis zum 7. Mai. In dem Werk laufen der VW Touareg, die Audi-Modelle Q7 und Q8 sowie der Porsche Cayenne vom Band. Die ebenfalls in dem Werk produzierten Kleinstwagen VW Up und Seat Mii sind aktuell nicht von den Produktionsausfällen betroffen. VW rechnet damit, dass sich der Halbleitermangel weiter verschärft und sieht sich in dieser Hinsicht noch nicht in der Lage, eine Prognose für das gesamte Jahr abzugeben.

Seat-Chef: Verschärfung der Krise im zweiten Quartal

Seat-Chef Wayne Griffiths geht davon aus, dass sich die Halbleiter-Krise im zweiten Quartal 2021 weiter verschärft. Bislang rechnete man bei Volkswagen mit einem möglichen konzernweiten Produktionsausfall in Höhe von 100.000 Fahrzeugen. Schon diese Größenordnung ist nach Einschätzung von Griffiths in diesem Jahr nicht mehr aufholbar. Außerdem leben die Seat-Produktions-Manager aktuell von der Hand in den Mund: Erst wenn sie sehen, welche und wie viele Chips in der Lieferungen enthalten sind, entscheiden sie, welche Modelle in die Produktion gehen.

Ford verdoppelt Rabatt wegen Wartezeiten

Fords Fahrzeugbestände sind in den USA nach monatelangem Chipmangel und damit verbundenen Produktionsausfällen ausgedünnt. Bei einigen Modellen gibt es längst Lieferschwierigkeiten – aber Wartezeiten auf Autos sind für amerikanische Kunden ungewöhnlich. Damit die Kunden nicht aus Frust zur Konkurrenz abwandern (die möglicherweise aber auch Lieferprobleme hat), verdoppelt Ford-USA jetzt den Rabatt für verschiedene Modelle von 500 auf 1.000 Dollar (aktuell umgerechnet zirka 413 bis 825 Euro). Ford nennt die Aktion "Retail Order Bonus Cash Certificate", sinngemäß übersetzt also "Bonus-Bargutschein für Bestellungen im Einzelhandel". Die Geduld der Händler versucht der Konzern mit 250 Dollar (206 Euro) pro verkauftem Auto zu stärken. Die Händler wiederum haben aufgrund der Schieflage zwischen Nachfrage und Angebot kräftig die Preise erhöht. So kostet der neue Bronco Sport aktuell durchschnittlich 10.000 Dollar (8.255 Euro) mehr als von Ford in seinen Preislisten vorgeschlagen. Die Rabattaktion gilt mit dem F-150 unter anderem auch für das seit über 40 Jahren meistverkaufte Auto der USA. Neue Modelle wie der Bronco oder der Mustang Mach-E sind von der mindestens bis zum 6. Juli laufenden Aktion ausgenommen.

Ford Bronco: Heiß begehrt, schwer zu kriegen

1974 Ford Bronco
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Ford ist bereits gezwungen, sein wichtigstes Fahrzeug, den Pick-up F-150, ohne Krafstoffmanagement-Modul zu bauen, da die dafür benötigten Prozessoren fehlen. Ford geht davon aus, dass der Halbleitermangel für den Hersteller Verluste in Höhe von einer Milliarde bis 2,5 Milliarden Dollar nach sich zieht (830 Millionen bis 2,1 Milliarden Euro).

Subaru kann mindestens 15.000 Autos nicht produzieren

Subaru muss wegen des anhaltenden Halbleiter-Mangels seine Produktion in seinem US-Werk Lafayette (US-Bundesstaat Indiana) stoppen. Der Produktionsstopp gilt bis mindestens Ende April, kann aber auch länger dauern. Die Betreiberin des Werks, die 100-prozentige Subaru-Tochter Subaru of Indiana Automotive, rechnet allein für April mit einem Produktionsausfall in Höhe von 15.000 Fahrzeugen. Die beiden nördlich von Tokio gelegenen Stammwerke (Präfektur Gunma) sind aktuell noch nicht von Produktionsausfällen betroffen.

In Lafayette rollen die Modelle Outback, Legacy, Ascent (sieben- oder achtsitziges SUV für den nordamerikanischen Markt) und Impreza vom Band. Subaru ist als kleine aber hochprofitable Marke in den USA dank einer treuen Anhängerschaft gut im Geschäft: 2020 belegten die Japaner dort bei der Zahl der verkauften Fahrzeuge den achten Rang, während sich Volkswagen als einer der größten Autohersteller der Welt mit Platz neun zufrieden geben musste.

Nvidia Drive AGX Pegasus, Computer für autonomes Fahren
Nvidia
Integrierte Schaltkreise kommen in modernen Autos zahlreich zum Einsatz.

Tesla muss Model-3-Produktion stoppen

Tesla muss seine Model-3-Produktion in seinem Stammwerk im kalifornischen Fremont für zwei Wochen (bis zum 7. März) pausieren. Auch hier ist der Grund ein Mangel an Halbleitern. Tesla scheint es besonders hart zu treffen: Zur allgemeinen Knappheit wegen des erhöhten Halbleiter-Bedarfs der Computer-Industrie kommt anscheinend noch Pech mit dem Wetter in Texas. Dort hat ein harter Wintersturm unter anderem eine Chipfabrik von Samsung beschädigt. Gerüchteweise beliefert diese auch Tesla, aktuell kommt es wegen der teilweise zerstörten Produktion auch dort zu Lieferengpässen. Die Winterstürme sollen zudem weitere Tesla-Lieferketten nachhaltig beeinträchtig haben. Außerdem soll es Kapazitäts-Probleme in Häfen geben, was die Teilelieferungen zusätzlich erschwert. Nach Bekanntgabe der Nachricht sank der Tesla-Börsenwert um 6,3 Prozent.

Tesla Model 3 mit schwarzen Applikationen
Tesla
Bis zum 7. März 2021 steht die Produktion des Tesla Model 3 im kalifornischen Fremont still, weil Teslas Lieferketten in mehrfacher Hinsicht angeschlagen sind.

Für Tesla-Chef Elon Musk dürfte der Produktionsstopp kaum zu ertragen sein – beim ersten Corona bedingten Lockdown im März 2020 musste der örtliche Sherriff das Werk Fremont schließen, weil Musk sich uneinsichtig zeigte. Am 12. März eröffnete Musk die Produktion wieder – illegal. Produktionsausfälle kosten stündlich bares Geld, was einen äußerst angespannten Elon Musk zur Folge haben könnte.

Opel mit Kurzarbeit in Eisenach

Der weltweite Halbleitermangel fordert immer mehr Autohersteller heraus – jetzt ist auch Opel betroffen. Deshalb gibt es in dieser Woche im Eisenacher Opel-Werk Kurzarbeit – in Rüsselsheim läuft die Produktion unverändert weiter. Um die Auswirkungen der Knappheit so gering wie möglich zu halten, steht Opel in engem Kontakt mit seinem Zulieferer Continental und bewertet die Situation permanent neu. Laut einer Meldung des MDR Thüringen fehlen konkret Prozessoren für die Steuergeräte der Airbags.

Im Eisenacher Opel-Werk produzieren 1.360 Mitarbeiter das SUV Grandland X – auch in der rechtsgelenkten Vauxhall-Variante für den britischen Markt.

Audi mit Kurzarbeit in Neckarsulm

Audi schickte bereits im Januar 10.200 Mitarbeiter der Werke in Ingolstadt und Neckarsulm in Kurzarbeit, weil die Produktion ohne die kleinen elektronischen Bauteile nicht weitergehen kann. Konkret betroffen waren die Modellreihen A4 und A5. Jetzt stehen im Werk Neckarsulm die Bänder zur Fertigung von A6 und A7 vom 26. bis zum 30. April still, die vom Produktions-Ausfall betroffenen Mitarbeiter müssen für diesen Zeitraum in Kurzarbeit. Die Audi-Verantwortlichen können aktuell nicht ausschließen, dass es auch im Ingolstädter Stammwerk zu Produktions-Ausfällen kommt, weshalb sie dort vorsichtshalber für den Monat Mai Kurzarbeit beantragt haben.

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Nvidia
Ein fehlendes Halbleiter-Bauelement kann zum Produktionsstopp einer Automodellreihe führen.

Weltweites Problem

Der Halbleiter-Engpass ist ein weltweites Problem: Toyota musste bereits eine Produktionslinie in China stilllegen, Fiat Chrysler hat die Produktion in seinen Werken in Mexiko und in der kanadischen Provinz Ontario vorübergehend gestoppt. Ford musste seine Produktion im Werk Louisville im US-Bundesstaat Kentucky für eine Woche aussetzen und Honda pausiert seine Civic-Produktion im englischen Swindon für mindestes vier Tage – die Japaner schließen ihren englischen Standort allerdings ohnehin in diesem Jahr.

Nvidia Orin-Prozessor, 2019
Nvidia
Aktuell decken die Halbleiter-Hersteller den massiv gestiegenen Bedarf der Produzenten von Homeoffice-Elektronik.

Daimler mit flexibler Produktion

Daimler reagiert auf den globalen Halbleiter-Lieferengpass, nach eigenen Angaben, mit der hohen Flexibilität seiner Werke. Aktuell passt der schwäbische Autobauer permanent seine Produktion in Rastatt, Kecskemét und Bremen den vorhandenen Liefermöglichkeiten an. In Rastatt gibt es beispielsweise Kurzarbeit, in Bremen fallen, unter Beibehaltung des Dreischicht-Systems, die einzelnen Schichten jeweils 30 Minuten kürzer aus. Daimler betont, dass es für die Beurteilung weiterer Auswirkungen noch zu früh ist. Die Umsetzung der Mercedes-EQ-Elektrooffensive habe auf jeden Fall weiterhin oberste Priorität.

06/2018, Bosch Halbleiterfabrik Dresden
Bosch
Die Hersteller von Halbleitern investieren in den Ausbau ihrer Produktions-Kapazitäten.

BMW: Produktionspausen in Regensburg und Oxford

BMW hat bisher betont, seine Halbleiter-Bauteile für 2021 fristgerecht bestellt haben – somit gingen die Bayern von vertragsgerechten Lieferungen aus. Jetzt ist der Hersteller gezwungen, die Produktion in seinen Werken in Regensburg und Oxford zu pausieren. In Regensburg laufen die Modelle 1er, 2er, X1 und X2 vom Band – dort steht die Produktion für zwei Tage still. Im englischen Oxford entsteht der Mini, dessen Herstellung für drei Tage unterbrochen ist. Damit muss BMW erstmals im Zuge der Halbleiter-Krise mit Produktions-Ausfällen kämpfen.

Indirekt haben sich die Prozessoren-Lieferengpässe aber auch schon bei den Bayern bemerkbar gemacht: Das kleine Navi (Live Cockpit Plus) ist nicht mehr lieferbar. BMW baut das nächstgrößere Navi Live Cockpit Professional ein, was bei den 5ern zu Preiserhöhungen von bis zu 1.200 und bei den 3ern von bis zu 1.500 Euro führt. Bei den Modellen 318i, 318d, 320i, 320d, 330i sowie 330d bleibt der Einstiegspreis zwar konstant, aber während das Live Cockpit Plus 1.300 Euro Aufpreis gekostet hätte, muss der interessierte Kunde jetzt zum 2.800 Euro teuren Live Cockpit Professional greifen. Beim Plugin-Hybriden 320e hält BMW den Einstiegspreis trotz größerem Navi konstant – hier hat anscheinend die Förderung der Elektrifizierung des Antriebsstrangs Vorrang.

Wegen Absatzerwartung zu wenig bestellt

Die Gründe für den Mangel an den wichtigen elektronischen Bauteilen sind nämlich bei einem Teil der Autohersteller auch hausgemacht: Mit dem Beginn der Covid-19-Pandemie haben einige, in Erwartung von stark einbrechenden Absätzen, ihre Bestellungen zurückgefahren. Gleichzeitig haben die Hersteller von für Homeoffice notwendiger Elektronik deutlich mehr Prozessoren geordert, um in ausreichender Menge Laptops, Webcams, Tablets und 5G-Smartphones bauen zu können. Schließlich brauchen nicht nur Unternehmens-Mitarbeiter leistungsstarkes Elektronik-Equipment für ihren Arbeitsplatz zu Hause, auch die Unternehmen selbst mussten auf diesem Gebiet teilweise massiv nachrüsten.

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Audi, Osram, Mercedes
LED-Schweinwerfer sind ohne integrierte Schaltkreise nicht möglich.

Ein fehlender Prozessor kann Produktion stoppen

In neuen Autos können mehr als 100 Halbleiter-Elemente stecken. Fehlt auch nur ein einziges, kann das die Produktion des entsprechenden Modells stoppen.

Wie lange der Halbleitermangel anhält, lässt sich aktuell nur schwer einschätzen. Michael Hogan, Senior Vice President beim großen Halbleiter-Auftragsfertiger Globalfoundries, geht davon aus, dass von einer Bestellung eines Autoherstellers bis zur tatsächlichen Lieferung 20 bis 25 Wochen vergehen könnten. Da Globalfoundries schon bisher ein großer Lieferant für die Autoindustrie war, betont Hogan, dass man alles tue, um die Produktion für die Autoindustrie zu priorisieren.

06/2018, Bosch Halbleiterfabrik Dresden
Bosch
Als Basis für integrierte Schaltkreise dienen sogenannte Wafer.

Halbleiter-Hersteller unter Druck

Bosch betont, dass aktuell die integrierten Schaltkreise für die Steuerung von Motoren und Getrieben fehlen. Trotz der angespannten Marktsituation möchte der deutsche Zulieferer die Auswirkungen für seine Kunden so gering wie möglich halten. Zulieferer Continental ruft die Halbleiterhersteller derweil dazu auf, ihre Produktionskapazitäten zu erhöhen. Der in Neubiberg bei München ansässige größte deutsche Halbleiterhersteller Infineon gab bereits bekannt, seine Investitionen in seine Produktionskapazität in diesem Jahr von 1,1 auf 1,5 Milliarden Euro zu erhöhen. Dazu gehört auch die Steigerung der Produktion in der Chipfabrik im österreichischen Villach, wo unter anderem 12-Zoll-Wafer entstehen.

06/2018, Bosch Halbleiterfabrik Dresden
Bosch
Die Produktion von Wafern erfolgt in Reinsträumen.

Als Auswirkung der Halbleiter-Krise rechnen Experten nicht mit einem Preisanstieg für Autos – allerdings könne es bei einigen Modellen zu deutlich erhöhten Wartezeiten kommen.

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Die Autoindustrie - gerade jetzt braucht jeder ein Auto.
Die Computer-Industrie - ohne geht es im Homeoffice-Zeitalter gar nicht.

Fazit

Zeiten des schnellen Wandels hinterlassen in der Industrie tiefe Spuren: Die flächendeckende Einführung von Homeoffice aufgrund der nach wie vor grassierenden Corona-Pandemie sorgt für einen sprunghaft angestiegenen Bedarf an elektronischen Geräten wie Computern, Monitoren und Tablets. In diesen Geräten arbeiten Halbleiter-Chips. Und Halbleiterchips kommen seit Jahrzehnten auch vermehrt in Autos zum Einsatz – inzwischen können in einem neuen Auto über 100 dieser Bauteile stecken.

Die Prozessoren in der gefragten Homeoffice-Elektronik fehlen für die Autoproduktion. Für ein Ende der Lieferkrise ist eine Produktionserhöhung von Halbleiter-Bauelementen nötig – die entsprechenden Unternehmen arbeiten mit Hochdruck daran. Trotzdem dürfte der Halbleitermangel noch eine Weile anhalten, was zwar nicht zu erhöhten Fahrzeugpreisen, aber immerhin zu deutlich längeren Lieferzeiten führen könnte.

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