10/2018, Mercedes X-Klasse X hoch 2 Mercedes-Benz Niederlassung München
Renault Alaskan Exterieur
Mercedes X 350d V6 Pickup
Mercedes Citan
Mercedes SLC R 172 Final Edition (2019) 17 Bilder

Daimler muss sparen

Mercedes' geheime Modell-Streichliste

Daimler musste fürs zweite Quartal 2019 einen Milliarden-Verlust melden. Der neue Chef Ola Källenius kündigte eine Überprüfung des Modell-Portfolios an. Aber was fliegt aus dem Programm, um für neue E-Autos Platz zu schaffen?

Ola Källenius musste gleich in seiner ersten Quartals-Telefonkonferenz als Daimler-CEO Hiobsbotschaften überbringen: Er vermeldete einen Konzern-Verlust von 1,6 Milliarden Euro. Das bezeichnete der Nachfolger von Dieter Zetsche „alles andere als zufriedenstellend“. Bei den Gegenmaßnahmen orakelte Källenius weniger deutlich: „Wir werden das Portfolio überprüfen, um uns auf die vielversprechendsten Produkte zu konzentrieren!“. Und: Es gebe zudem Potenzial in der „Simplifizierung des Verbrenner-Portfolios“.

Kein Wunder. Eine Analyse von PwC Autofacts auf Basis von Zulassungszahlen in den wichtigsten globalen Automärkten kommt zu dem Schluss: Die exponentiell wachsende Nachfrage nach Elektroautos und Hybriden auf dem globalen Markt hält an. Rein batteriebetriebene Elektroautos sind mit einer Wachstumsrate von insgesamt 68,4 Prozent (694.494 verkaufte Einheiten in der ersten Jahreshälfte 2019) das einzige echte Boom-Segment des globalen Automarkts, während Experten für konventionell angetriebene Fahrzeuge einen Nachfragerückgang um 5 Prozent erwarten.

E-Autos werfen Verbrenner aus dem Programm

Mercedes hat angekündigt bis 2022 zehn reine Elektroautos im Programm haben. Neben dem Smart EQ, dem gerade anlaufenden SUV EQC und der V-Klasse mit E-Antrieb (EQV) sind ein elektrischer Kompaktwagen (EQA) und ein luxuriöses Stufenheckmodell (EQS) konkretisiert, versprochen ist außerdem ein vollelektrischer GLB. Noch als Entwicklungschef sagte Källenius zudem: „Die EQ-Familie wird mehrere Limousinen im Portfolio haben“. Gut denkbar also, dass Mercedes auf Basis des EQA ein Stufenheckmodell auf die Räder stellt. Denn ähnlich wie BMW setzt Mercedes noch nicht auf eine eigene Plattform für seine Elektroautos, sondern integriert die Batterien in bestehende Plattformen. So ist der EQC ein modifizierter GLC, der EQA wird auf dem kommenden GLA basieren, also wie die A-Klasse auf der neuen Frontantriebsplattform MFA II. Um Bauraum für die Akkus im Fahrzeugboden zu gewinnen, greift das kompakte E-Auto aber auf die SUV-Variante zurück, wird sich aber optisch mehr an der A-Klasse orientieren.

Mercedes EQS: Die elektrische S-Klasse

07/2019, Mercedes EQS Erlkönig
07/2019, Mercedes EQS Erlkönig 07/2019, Mercedes EQS Erlkönig 07/2019, Mercedes EQS Erlkönig 07/2019, Mercedes EQS Erlkönig 21 Bilder

Trotz der Integration in bestehende Architekturen erfordern die E-Autos große Investitionen. Auch darum müssen konventionell betriebene Modelle weichen, wenn sie wegen zu geringer Stückzahlen keinen ordentlichen Deckungsbeitrag liefern. Tatsächlich hat Mercedes seine Palette in den letzten Jahren immer weiter ausdifferenziert und verbreitert, mehr als 40 Modellreihen umfasst sie aktuell. Und nicht jede Variante ist ein Erfolg.

So verschwand beispielsweise der CLS Shooting Brake beim Generationswechsel. Dafür gibt es auf Basis des CLS inzwischen den AMG GT Viertürer, der anders als der CLS eine große Heckklappe hat. Gut denkbar, dass das Viertürer-Coupé zum AMG-exklusiven Viertürer wird und der CLS aus dem normalen Mercedes Programm fällt. Welche Modelle Källenius streichen will, soll erst auf einem Investorentag im Herbst bekannt werden. Manches ist aber schon klar, anderes liegt auf der Hand: Wir wagen den Blick in die Glaskugel der Zukunft des Mercedes-Portfolios.

Umfrage

6392 Mal abgestimmt
Wird Mercedes den Wechsel zum E-Auto überleben?
Nein, Mercedes hat zu lange am Verbrenner festgehalten und keine eigene E-Auto-Plattform.
Klar, der älteste Autohersteller der Welt setzt zurecht auf Misch-Plattformen, denn wir werden noch lange Verbrenner fahren.

Mercedes SL – schwächelnde Legende

Apropos AMG: Die sportliche Tochter hat mit dem SLS erstmals bewiesen, dass man ganze Autos entwickeln kann. Und der AMG GT kam speziell als Roadster der Mercedes-Legende SL in dessen schrumpfendem Segment der zweisitzigen Luxus-Cabrios nahe. Den berühmten SL aufgeben will Daimler aber nicht. Konsequenterweise kommt aber sein Nachfolger (wohl 2021) von AMG, wo es im Gegenzug vermutlich keine offene Variante des GT mehr geben wird. Das für das leicht hecklastige Design verantwortliche Klappdach dürfte dann ebenfalls Geschichte sein. Wie knapp die Entscheidung für den SL war, mag man daran ablesen, dass nach dem Ende der aktuellen Generation eine zeitliche Lücke bis zur Neuerscheinung klaffen wird.

Mercedes SLC bzw. SLK entfällt

Offene Zweisitzer sind aber auch nicht mehr gefragt, wenn sie kleiner und günstiger sind, das Segment der offenen Zweisitzer schrumpft seit Jahren: BMW konnte den Z4 nur in dritter Generation bringen, weil Toyota auf der gleichen Basis die neue Supra als geschlossenen Sportwagen verkauft. Für den SLC (vorher SLK) ist die Nachfrage hingegen zu gering, obwohl er mit seinem Klappdach offener und geschlossener Zweisitzer zugleich sein wollte: Er bekommt keinen Nachfolger. Vom SLC (vormals SLK) verkauft Mercedes gerade die Final Edition. Eine weitere Generation des Klappdach-Roadsters wird es nicht geben.

Mercedes X-Klasse – zu teuer, zu wenig Stückzahlen

Im zweiten Quartal 2019 hat Mercedes laut Automobilwoche nur 3.100 Stück der Pick-ups verkauft – zu wenig, auch wenn die X-Klasse eigentlich ein Nissan Navarra ist. Die X-Klasse konkurriert nicht nur mit ihrem Plattformspender Navarra, sondern auch mit einem weiteren Ableger des japanischen Pick-up-Modells, dem Renault Alaskan sowie mit dem VW Amarok. Dessen Nachfolger wird VW in Kooperation mit Ford auf Basis des Ranger (ein weiterer Konkurrent) bauen. Den Amarok gibt es mit V6-Motor zum Preis der X-Klasse mit Vierzylinder. Eigene Getriebe und Motoren (auch V6 Diesel) sowie bessere Bremsen und Anpassungen im Interieur machen die X-Klasse trotz der Nissan-Basis zu teuer für Daimler – und für das eher preissensible Segment. Die Frage ist eigentlich nur: Wann beerdigt Källenius den Pick-up-Versuch?

Mercedes Citan – lohnt ein Kangoo-Klon?

Kooperationsmodell mit ungewisser Zukunft: Der Citan entsteht ebenfalls auf Basis eines Modells von einem anderen Hersteller – er ist eigentlich ein Renault Kangoo. Ob sich eine zweite Generation lohnt, rechnet Mercedes gerade aus. Fürs Image wäre es sicher besser, wenn man keinen Renault-Kastenwagen mit Stern mehr anbieten würde.

Mercedes C-Klasse, E-Klasse und S-Klasse Cabrio – zu viel Offenheit

Viersitzige Cabrios leistet sich Mercedes gleich drei. Aber was sind die Anforderungen einen offenen Viersitzer? Ein gut gedämmtes, schnell öffnendes Verdeck und Platz für vier. Das bieten alle drei Modelle. Die E-Klasse dürfte allerdings die Anforderungen am besten erfüllen, die C-Klasse kann sich auch optisch nur schwer von ihr absetzen, die S-Klasse bietet nur mehr Prestige, aber nicht wirklich mehr Platz, weil sie auf dem S-Klasse Coupé aufbaut. Die Exportmärkte (naher Osten, Asien), auf denen Kunden gerne mit Autos repräsentieren, sind vielfach keine Cabrio-Märkte. Prognose: Das C-Klasse Cabrio stirbt, die Zukunft des S-Klasse Cabrios ist zumindest ungewiss, die E-Klasse bleibt.

Mercedes E-Klasse All Terrain – nicht SUV, nicht Fleisch

Auch Varianten von Baureihen erfordern Aufwand. Die E-Klasse mit Offroad-Attributen etwa ist mehr als eine Ausstattungslinie, kommt aber Jahre nach den Allroad-, Alltrack- und Scout-Versionen aus dem Volkswagen-Konzern. Gleichzeitig erregt sie nicht annähernd die Begehrlichkeiten der SUVs, von denen Mercedes aktuell nur deshalb weniger verkauft (181.000 statt 209.000 im Vorjahreszeitraum), weil man im US-Werk Tusccalosa „nicht die erwünschte Hochlauf-Geschwindigkeit von den Lieferanten“ erreicht habe, so Källenius. Gut möglich also, dass das Gelände-T-Modell eine Eintagsfliege war.

A-Klasse auf MFA II – erfolg-, aber zu variantenreich?

Gute Laune bringt Källenius die Kompaktfamilie auf Basis der neuen Frontantriebsplattform MFA II. Ihr Absatz stieg dank neuer A- und B-Klasse von 97.000 (2. Quartal 2018) auf 124.000 (2019). Große Erwartungen darf der neue Chef auch in den gerade präsentierten GLB setzen. Aber abseits der SUVs könnte die Modell-Vielfalt (acht Karosserievarianten) übertrieben sein: Warum eine kurze Limousine für Europa und das schickere viertürige Coupé CLA? Für wen ist dessen Kombi-Version CLA-Shootingbreak gedacht, der nicht mit dem C-Klasse T-Modell glücklich wird? Vermutlich erreicht man mit so fein gestuften Unterschieden tatsächlich mehr Käufer. Aber angesichts der Kosten bleibt immer die Frage: Wie viele pro Modell und was kostet das? Schon die Anpassung eines Modells auf einen Exportmarkt kostet Autohersteller in der Regel einen hohen zweistelligen Millionenbetrag. Damit sich das lohnt, muss man etwa eine sechsstellige Stückzahl absetzen. Prognose: Die kurze A-Klasse-Limousine könnte ein einmaliger Versuch bleiben (anders die Langversion für den Riesenmarkt China), der CLA Shooting Brake dürfte es zumindest außerhalb Europas schwer haben und wäre ein potenzieller Streichkandidat.

Neuer Mercedes GLA: Wieder eine Bestseller?

Mercedes GLA Erlkönig
Mercedes GLA Erlkönig Mercedes GLA Erlkönig Mercedes GLA Erlkönig Mercedes GLA Erlkönig 17 Bilder

Fazit

Mercedes hat sein Modellprogramm in den letzten Jahren überdehnt. Angesichts von Milliardenverlusten hat der neue Daimler-Chef eine Bereinigung des Portfolios angekündigt, um Platz für 10 rein elektrisch angetriebene Fahrzeuge bis 2022 zu machen, für die der Konzern 10 Milliarden Euro investiert. Allein die Lieferverträge für Batterien bis 2030 haben ein Volumen von mehr als 20 Milliarden Euro.

Bis zum Herbst dürften viele Modelle auf den Prüfstand kommen: Stückzahlen und Ertrag müssen in Relation gebracht werden. Fällt die negativ aus, muss der neue Boss mitleidlos auf Einstellung entscheiden, um die finanzielle Beinfreiheit für die Entwicklung von E-Autos und anderen Zukunftsthemen zu behalten. Heilige Kühe scheint es keine zu geben.

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Wenn Diktatoren ein besonderes Auto haben möchten, bekommen sie es auch.

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