Schularick, einer der führenden Ökonomen Deutschlands, hatte kürzlich schon mit der Prognose aufhorchen lassen, VW werde perspektivisch von einem chinesischen Hersteller aufgekauft etwa von BYD. Jetzt erklärt er in der Wirtschaftswoche, warum er die Situation der Autoindustrie als so kritisch einschätzt.
Für die Forderungen nach längeren Arbeitszeiten zum Beispiel seitens Mercedes zeigt Schularick im Interview Verständnis: Die Arbeitskosten seien aus Sicht der Arbeitgeber tatsächlich stark gestiegen, weswegen man "über die Arbeitszeit in Deutschland diskutieren" sollte. Eine Erhöhung "würde die internationale Wettbewerbsfähigkeit steigern und dem sinkenden Arbeitskräfteangebot entgegenwirken", so Schularick.
Niedrigere Löhne gegen Überkapazitäten?
Insgesamt könnten niedrigere Lohnkosten auch der Auslastung von Werken helfen, wie sie gerade bei Volkswagen ein großes Thema ist. "Die Werksauslastung ist abhängig von den Produktionskosten. Wenn die Lohnkosten sinken und sich die Technologie verbessert" sei eine stärkere Auslastung in Zukunft durchaus denkbar, so Schularick.
Die Stundenlöhne seien aber nicht entscheidend. Viel schwerer wiege das bürokratisierte und rigide Arbeitsrecht. "Nichts steht dem Ausprobieren neuer, riskanter Geschäftsideen mehr im Weg." Der Ökonom plädiert deswegen dafür, den Kündigungsschutz durch eine einjährige Übergangsregelung zu ersetzen.
Probleme zu lange geleugnet, China nicht abgewehrt
Aus Schularicks Sicht ist die Krise der Autoindustrie aber weder mit niedrigeren Lohnkosten noch mit weniger Kündigungsschutz allein überwindbar. Denn, so Schularick: "Die deutschen Autoproduzenten haben ein massives Problem: bei der Technologie, bei den Kosten und bei der Nachfrage. Ich glaube, dass mindestens einer der drei großen Autohersteller in diesem Jahrzehnt ins Ausland verkauft oder zerschlagen wird."
Dabei hätten sich "die höchsten Repräsentanten der Automobilbranche" bis vor einem halben Jahr immer noch damit beschäftigt, das Problem zu leugnen". In den Augen Schularicks waren die Autobauer für viele Jahre "die größten Bremser einer strategisch ausgerichteten Chinapolitik, die Wettbewerbsverzerrungen, Subventionen und Wechselkursunterbewertungen etwas entgegensetzt", weil sie Angst gehabt hätten, dass ihnen die Profite in China wegbrechen. "Diese Kurzsichtigkeit rächt sich jetzt doppelt: Die Profite in China brechen trotzdem ein und die starke chinesische Konkurrenz gewinnt Anteile auf dem heimischen Markt".
Managementfehler führten in die Krise
Schularick hält die Probleme in der deutschen Automobilindustrie zum überwiegenden Teil für hausgemacht. Und er ist sicher, dass "die wirtschaftliche Misere, die wir gerade erleben, im Kern eine technologische ist. Wir sind die besten in den Technologien des vergangenen Jahrhunderts. Und ich finde, wir reden viel zu viel darüber, wie wir Industrie-Dinos bewahren können. Viel wichtiger ist die Frage, wie neue Unternehmen mit technologischer Innovation neue Arbeitsplätze schaffen können."
Was ist die Lösung? Aus der Perspektive des Ökonomen kann nur ein ganzes Maßnahmenpaket helfen: "Bessere Technologie, handelspolitische Schutzmaßnahmen gegen China und ein Kompromiss mit der Belegschaft, weil in dieser schwierigen Restrukturierungsphase alle in einem Boot sitzen. Wir können es uns schlicht nicht mehr leisten, die langsamsten und teuersten zu sein", so Schularicks Appell.





