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VW ID.3 Produktion Halde
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VW ID.3 Produktion Halde 8 Bilder

Rassismus-Vorwurf, Dividenden, Diesel-Ablasshandel

Volkswagen: Wir müssen reden!

Zwischen Corona-Krise, milliardenteuren E-Auto-Investitionen und Dieselgate-Ablasshandel leistet sich Volkswagen einen handfesten Rassismus-Skandal. Der Umgang damit zeigt: Der Konzern ist massiv überfordert.

Mit neun Millionen Euro hat Volkswagen Herbert Diess und Hans Dieter Pötsch aus dem drohenden Verfahren um eine mögliche Marktmanipulation in der Diesel-Affäre herausgekauft. Formaljuristisch wahrscheinlich alles, nur kein Skandal. Und aus Sicht des Konzerns sogar irgendwie nachvollziehbar. Weil in Wolfsburg die Hütte brennt. Die Auswirkungen des Diesel-Skandals, Milliarden-Investitionen in die Elektromobilität, Werksschließungen durch die Corona-Pandemie und ein frischer Auslieferungsstopp für alle Kompaktfahrzeuge des Konzerns, die auf dem neuen Golf 8 aufbauen: In so einer Situation brauchst du den Vorstandsvorsitzenden und den Aufsichtsratschef im Büro, nicht auf der Anklagebank.

VW Rassismus-Skandal 2020
Instagram
Der Spot für den Golf 8 schafft es, in nur zehn Sekunden gleich mehrere rassistische Verfehlungen zu zeigen. VW verspricht jetzt eine gründliche Aufklärung.

10 Sekunden, die nicht zu entschuldigen sind

Du brauchst aber auch eine Organisation, die in der Lage ist, viele komplexe Herausforderungen gleichzeitig zu meistern. Und genau das bekommen sie bei Volkswagen gerade einfach nicht hin. Wie sonst ist zu erklären, dass sich die Wolfsburger nur einen Tag nach dem Neun-Millionen-Deal für Diess und Pötsch auf Instagram einen handfesten Rassismus-Skandal eingefangen haben? Im Mittelpunkt: Ein gerade einmal zehn Sekunden langer Werbespot für den neuen Golf, in dem überdimensionale Finger einen Menschen vor einem Golf 8 wegschnipsen. Die Hand ist weiß, der Mensch dunkelhäutig. Und dann tauchen für Sekundenbruchteile im Abspann auch noch die Buchstaben "N-E-G-E-R" auf, bevor "Der neue Golf" eingeblendet wird.

Das Video wurde zwar schnell gelöscht. Die folgende Stellungnahme macht die Sache aber nicht besser, weil Volkswagen sich zunächst nicht von so viel plumpem und gedankenlosen Rassismus distanziert, sondern vor allem darüber wundert, dass ”unsere Instagram-Story derart missverstanden werden kann”. Missverstanden? Wie bitte? Erst viel später findet VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann die richtigen Worte: "Wir schämen uns dafür und können es heute auch nicht erklären. Umso mehr werden wir dafür sorgen, dass wir diesen Vorgang aufklären."

Hat VW also ein Rassismus-Problem? Nein, das glaube ich nicht. Dafür hat sich der Konzern gerade auch in jüngerer Vergangenheit sehr eindeutig als weltoffenes und tolerantes Unternehmen positioniert.

Freigekauft: VW-Konzernchef Herbert Diess (l.) und der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch.
Volkswagen
Mit neun Millionen Euro freigekauft: Konzernchef Herbert Diess (l.) und der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch

Zu viel Druck

Das Problem bei Volkswagen heißt Veränderung. Oder besser: viel zu viel davon. Der Konzern muss sich, angetrieben von Herbert Diess, aktuell in beinahe jedem Bereich neu erfinden und dabei auch noch mit externen Faktoren wie einer globalen Pandemie klarkommen. Entsprechend groß ist der Druck, unter dem alle Beteiligten stehen. Und unter Druck entstehen leider nur unter geologischen Gesichtspunkten Diamanten. Im echten Leben führt zu großer Druck zwangsläufig zu Fehlern. Hier ein rassistischer Werbespot, der durch alle Freigabeprozesse rutscht, dort ein fehlerhafter Notruf-Assistent, der zu einem Auslieferungsstopp für alle kompakten Konzern-Fahrzeuge führt.

VW ID.3 (2020) Softwareprobleme
Neuheiten

Und dann ist da natürlich noch die Kaufprämie, mit deren Hilfe VW schwungvoll aus der Corona-Krise fahren will. Gemeinsam mit Amtskollegen der Konkurrenz hat sich Herbert Diess sehr früh für ein staatliches Förderprogramm stark gemacht und dafür unter anderem auf Unterstützung durch die Bundeskanzlerin spekuliert. Die schickte die Auto-Lobby aber unverrichteter Dinge vom Hof und vertagte das Ganze. Auch, weil die großen Autobauer trotz Bedarf an staatlicher Unterstützung gleichzeitig nicht auf eine Dividenden-Ausschüttung für die Aktionäre verzichten wollen. Mit verheerenden Auswirkungen für den Auto-Absatz. Weil eben kein Kunde jetzt ein Auto kauft, wenn er damit rechnen muss, mit Hilfe einer Kaufprämie später viel Geld sparen zu können.

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Sollte VW trotz Corona-Krise an der Dividendenerhöhung festhalten?
Ja, 2019 war für VW schließlich sehr erfolgreich.
Nein, in dieser Situation kommt es auf jeden gesparten Cent an.

Fazit

Gibt’s einen Königsweg, der elegant aus diesem Schlamassel führt? Ganz sicher nicht. Weil es strategisch kaum eine Alternative zum von Herbert Diess eingeschlagenen Weg gibt. Jetzt beim Thema Elektrifizierung und Software-Entwicklung Tempo rauszunehmen, würde sich in den nächsten Jahren doppelt rächen. Weil E-Autos langsam im Bewusstsein der Kunden ankommen, weil Mitbewerber Tesla kein bisschen Schwäche zeigt und weil ohne Elektroantrieb milliardenschwere CO2-Strafzahlungen drohen.

Weil aber mit Elektroautos noch lange nicht so viel Geld zu verdienen ist wie mit klassischen Verbrennern, braucht Volkswagen auch sehr schnell den digitalen Sprung nach vorne, muss in wenigen Jahren vom klassischen Autobauer zu einem Digital-Konzern mit angeschlossener Fahrzeugentwicklung werden.

Dabei die Ingenieure, die Helden der letzten Jahrzehnte, nicht zu "verlieren”, sondern für den neuen Kurs zu gewinnen, ist eine schier übermenschliche Aufgabe. Weil die Zeit drängt. Und weil selbst einem Riesen-Konzern wie Volkswagen inzwischen an den entscheidenden Stellen die Ressourcen fehlen, um wirklich jedes Detail im Blick zu behalten.

Über ein Detail wird übrigens erstaunlich wenig gesprochen: den Kunden. Der muss den Wandel ja mitmachen, den "Das Auto” da gerade bei voller Fahrt versucht, hat aber, wenn wir mal ehrlich sind, noch nicht einmal den Diesel-Skandal verdaut. Und dieses Missverhältnis ist im Zweifel noch viel gefährlicher als die eine oder andere verpasste technische Entwicklung.

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