Seit den 1980er-Jahren war Volkswagen mehrere Jahrzehnte der Marktführer auf dem chinesischen Automarkt. Doch bereits vor mehreren Jahren begann die Dominanz zu bröckeln, bis nach dem ersten Quartal 2023 schließlich die Wachablösung folgte: VW musste den Status als Chinas Nummer-eins-Autohersteller an den einheimischen Konzern BYD abtreten.
Umso wichtiger ist es für den deutschen Autobauer und seine chinesischen Partner, dass seine neu in China eingeführten Modelle einschlagen. Deshalb hängt von einer Neuvorstellung wie dem jüngst präsentierten, zusammen mit Joint-Venture-Partner SAIC entwickelten und gebauten VW ID. Era 9X (siehe Video und Fotoshow) viel ab. Autos wie dieser üppig dimensionierte, komfortabel konzipierte und mit zahlreichen Bildschirmen ausgestattete SUV sollen Volkswagen aus der China-Krise holen.
"Veraltet", "sehr umweltschädlich" und "kaum entwicklungsfähig"
Doch kaum war der VW ID. Era 9X enthüllt, hagelte es Spott seitens der Konkurrenz. "Herzlichen Glückwunsch an Volkswagen zur erfolgreichen Serienproduktion einer Technologie, die veraltet und sehr umweltschädlich ist und in nur 6 Jahren kaum entwicklungsfähig war!" So heißt es in einem Beitrag auf der größten chinesischen Social-Media-Plattform Weibo, den mehrere Medien des Landes aufgegriffen haben.
Der Post wird einem Weibo-User zugeschrieben, den die chinesischen Medien in der englischen Übersetzung "Hard Brother" nennen und der dem Management des chinesischen Herstellers Li Auto angehören soll. Diese Marke wurde 2015 von Li Xiang gegründet und baut erst seit 2019 eigene Autos. Sie ist spezialisiert auf Elektroautos mit Range-Extender-Antrieben. Bei solchen EREV-Modellen ist ein Verbrennungsmotor in den Antriebsstrang integriert, der jedoch nicht direkt die Räder antreibt, sondern als Generator für die Batterie fungiert – und damit die Reichweite des Fahrzeugs verlängert.
VW-Manager äußern sich abfällig über EREV-Technik
Der VW ID. Era 9X verfügt ebenfalls über einen Range-Extender-Antrieb. Und genau hier scheint die Wurzel des sarkastischen Hard-Brother-Posts zu liegen. Denn in der Vergangenheit hatten sich diverse VW-Manager abfällig über diese aktuell im Trend liegende Form von Elektro-Layouts geäußert. So existieren Zitate des damaligen CEO der Volkswagen Group China, Stephan Wöllenstein, der EREV-Fahrzeuge 2020 als "sehr umweltschädlich" sowie "Unsinn und die schlechteste Lösung" bezeichnete. Rasmus Wiedmann, zwischenzeitlich Leiter Gesamtfahrzeugentwicklung der Volkswagen Group China und heute Chef der chinesischen VW-Marke Jetta, soll später ergänzt haben, dass EREVs "eine veraltete Technologie mit begrenztem Entwicklungspotenzial" seien.
Diese Aussagen griff Li-Auto-Manager "Hard Brother" nun also auf. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Li Auto medial an Volkswagen abarbeitet. Firmengründer Li Xiang freute sich bereits einmal medienwirksam, dass die Absatzzahlen seiner Marke jene von fünf Volkswagen-SUV überstiegen hätte. Bei anderer Gelegenheit forderte Li Auto die chinesischen Fachmedien dazu auf, Volkswagens Plug-in-Hybrid-Flaggschiffe Audi Q7 E-Tron und Porsche Cayenne E-Hybrid mit dem damals neuen und inzwischen nicht mehr gebauten PHEV-SUV Li One zu vergleichen.
EA211: Uralt- oder Hightech-Motor?
Manche chinesische Medien interpretierten den Post ebenso als spöttischen Kommentar in Richtung des im VW ID. Era 9X verwendeten Verbrennungsmotors. Denn der Beitrag wurde mit einem Pressefoto garniert, das Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von SAIC Volkswagen mit einem Exemplar des Triebwerks zeigt. Grund ist das Alter des EA211-Motors, der in seiner Urversion bereits 2011 in den ersten Modellen eingeführt wurde.
Doch mit dieser haben die heutigen EA211-Varianten kaum noch etwas zu tun. Beim Range-Extender des VW ID. Era 9X handelt es sich um ein Exemplar des EA211 Evo mit 1,5 Litern Hubraum, der mit mehreren Errungenschaften der modernen Verbrennungsmotorenentwicklung aufwarten kann: Er arbeitet mit dem Miller-Brennverfahren und verfügt über einen Turbolader mit variabler Geometrie, einen wassergekühlten Ladeluftkühler sowie eine Kraftstoff-Direkteinspritzung mit bis zu 350 bar. Die Nennleistung des Vierzylinders beträgt 143 PS.
VW versucht, die Wogen zu glätten
Unterdessen versucht die Volkswagen Group China, die Wogen auf dem für die Marke nach wie vor wichtigsten Markt ein wenig zu glätten. Laut "Car News China" heißt es im Weibo-Post eines hochrangigen Managers von SAIC Volkswagen: "Vielen Dank für die Bemühungen aller chinesischen Automobilfachleute. Gemeinsam werden wir zum Fortschritt der Branche beitragen."












