Die Szene in der sechsten Runde des Miami-Grand-Prix erinnerte fast an einen Hollywood-Stunt-Film. Als Pierre Gasly den Racing Bull von Liam Lawson auf der langen Geraden attackierte, kam es vor Kurve 17 zur Kollision. Der Alpine griff auf der Außenbahn an und schien den Gegner schon passiert zu haben. Doch kurz vor dem Einlenkpunkt traf Lawson den Franzosen mit dem rechten Vorderrad.
Der kleine Gummi-Kontakt reichte aus, um Gasly komplett aus der Bahn zu werfen. Das Auto mit der Startnummer 10 wurde ausgehebelt, schleuderte mit einer halben Schraube durch die Luft und blieb kopfüber auf der Kante des Reifenstapels liegen. Der Pilot hing noch in seinen Gurten, als er an die Box funkte: "Ich bin okay."
Nach dem Rennen gab Gasly zu: "Das war schon ein etwas mulmiges Gefühl, sich auf diese Weise in einem Formel-1-Auto zu überschlagen. Ich bin froh, dass es nicht zu schlimm war. Ich konnte selbst rausklettern und die Unfallstelle verlassen." Während der Aufräumarbeiten wurde das Safety-Car rausgeschickt. Gaslys Rennen war damit beendet.

Der Zweikampf zwischen Liam Lawson und Pierre Gasly endete mit zwei Ausfällen.
Gute Ausrede für Crash
Wie schon im Sprint hatte der 30-Jährige auch am Sonntag (3.5.) auf Punkte gehofft. Die Pace des Autos hätte ein Top-Ten-Ergebnis hergegeben. Entsprechend tief saß der Frust: "Leider wurde mein Rennen durch den Zwischenfall mit Liam vorzeitig beendet, der meiner Meinung nach total vermeidbar war und nicht hätte passieren sollen."
Auch Alpine-Oberhaupt Flavio Briatore war nicht begeistert von der Aktion: "Wir haben die Chance auf Punkte wegen eines vermeidbaren Unfalls verpasst. Pierre wurde das Opfer einer großen Fehleinschätzung eines anderen Fahrers. Wir sind froh, dass er dank der hohen Sicherheit der modernen Formel 1 ohne Kratzer davonkam."
Lawson entschuldigte sich direkt nach der Kollision bei seinem Unfallgegner. Dabei brachte der Neuseeländer auch einen Grund für den Zusammenstoß hervor, der sich zunächst wie eine Ausrede anhörte. Angeblich hatte der Racing-Bull-Pilot mit einem Getriebeproblem zu kämpfen.

Der Alpine überstand die Stunt-Einlage nicht unbeschadet.
FIA prüft Telemetrie-Daten
Die FIA untersuchte den Vorfall natürlich später und befragte alle Beteiligten. Weil Lawson nach dem Rammstoß ebenfalls aufgeben musste und eine mögliche Strafe nicht während des Rennens absitzen konnte, hätte eine Rückversetzung für den Grand Prix von Kanada gedroht. Gut drei Stunden nach der Zieldurchfahrt wurde das Urteil verkündet. Eine Strafe gab es aber überraschenderweise nicht.
In der Urteilsbegründung heißt es: "Das Auto mit der Startnummer 10 war am Scheitelpunkt klar vorne und hatte das Recht auf die Kurve, als es zu einer heftigen Kollision kam. Das Auto wurde per Überschlag in die TecPro-Barriere geworfen. Der Fahrer des Autos mit der Nummer 30 erklärte, dass er kurz zuvor einen Technikdefekt zu beklagen hatte. Sein Getriebe habe beim Bremsen versagt."
Zum Glück lassen sich solche Aussagen in der Formel 1 leicht überprüfen: "Nach Einsicht in die Telemetrie-Daten können wir bestätigen, dass es kurz vor dem Zwischenfall zu einem Getriebedefekt kam. Auch der Funkverkehr deutet darauf hin, dass mit dem Getriebe etwas nicht gestimmt hatte. Wir akzeptieren deshalb die Erklärung des Fahrers, dass es sich um ein mechanisches Problem handelte und er die Kollision nicht vermeiden konnte."

Laut Alan Permane war der fünfte Gang im Getriebe gebrochen.
Entschuldigung von RB-Teamchef
Ganz aus dem Schneider war Lawson aber noch nicht: "Wir haben auch darüber beratschlagt, ob es der Fahrer des Autos mit der Nummer 30 vielleicht vorhersehen konnte, dass sein Getriebe Probleme macht, aber das wurde ausgeschlossen. Unter diesen Umständen haben die Stewards entschieden, dass es sich um einen technischen Defekt und nicht um einen Fahrfehler handelte. Deshalb gibt es keine Strafe."
Racing-Bulls-Teamchef Alan Permane bat den Gegner für den unbeabsichtigten Rammstoß um Verzeihung und lieferte noch ein paar Details zu dem Problem: "Wir müssen uns bei Pierre und bei Alpine für den Zwischenfall entschuldigen. Das Getriebe von Liam hatte einen Defekt, der fünfte Gang ist gebrochen, als er Kurve 17 angebremst hatte. Das war der Grund, warum er mit Pierre kollidiert ist."












