Kollege Clemens Hirschfeld funkt am Renntag um 11 Uhr von der AMG-Tribüne: "Hier bewege ich nicht mehr weg, denn dann komme ich nicht mehr zurück. Alle Tribünen sind geschlossen, weil voll." Noch vier Stunden bis zum Start. Am Abend zuvor eine Szenerie wie bei einem Taylor Swift-Konzert: Menschenmassen in der Boxengasse, Fans stehen dicht gedrängt vor einer endlos langen Reihe an Bierbänken. Ein Wunder, dass die dort sitzenden Fahrer nicht mitsamt den Möbeln einfach überrannt werden.
Er in Box 9, ich in Box 8
Ohnehin ist bemerkenswert, wie geduldig alle warten. Ob nicht er doch kommt. Dabei haben ihn die Organisatoren schon aus allen offiziellen Anlässen hinauskomplimentiert, da weder seine Sicherheit noch die der Fans gewährleistet sei. Am Rennwochenende will der Veranstalter 352.000 Fans an der Strecke gezählt haben, ein nicht unerheblicher Teil davon campiert da bereits seit einer Woche rund um den Nürburgring, inklusive Nordschleife natürlich. Wobei letzteres Phänomen mit ihm nur bedingt zu tun hat, das passiert eigentlich jedes Jahr. Und 2026, auch aufgrund des frühen Renntermins im Dunstkreis der Eisheiligen, bei – vorsichtig gesagt – eher ungemütlichen Bedingungen.
Herrschten die auch am Renntag, würden sie ihm nichts ausmachen. Denn er hat ja gerade erst in Japan bewiesen: Gib mir irgendein Rennauto, irgendeine Strecke und irgendeine Orientierungszeit – und ich bin besser. So nahm er dem amtierenden Supercar-Meister zwei Sekunden ab. Auf dem pladdernassen Fuji Speedway. Jetzt also ist er hier. Und ich sein Nachbar. Er in Box 9, ich in Box 8, als Teammitglied von Max Kruse Racing, offizieller Motorsport-Partner von VW. Die Wolfsburger feiern 50 Jahre Golf GTI, auto motor und sport feiert, dass es die beste aller Auto-Zeitschriften bereits seit 80 Jahren gibt und auf dem Nürburgring feiern wir gemeinsam.
Max Kruse vs. Max Verstappen
Einer der drei startenden Golf GTI Clubsport 24h startet in entsprechender Folierung, misst sich in der Klasse SP3T. Die Fahrer: Max Kruse, Teambesitzer, Fußball- und Poker-Profi, dazu der Kölner Nordschleifen-Experte Matthias Wasel, der Schweizer Auto-Enthusiast Christoph Lenz und ich als was auch immer. Nun sitzen wir also da auf unserer Bierbank vor der Box, schreiben ein paar Autogramme, unser Max deutlich mehr, na klar, denn sowohl er als auch seine Gattin zählen hierzulande klar zur Prominenz. Doch eigentlich wollen alle den anderen Max. Max Verstappen. Obwohl klar kommuniziert wurde, dass er aus oben genanntem Grund nicht hier sein wird. Aber vielleicht ja doch? Nein. Unser Max stellt sich auf eine Bank, ruft: "Dann nehmt doch mich!" und wirft Autogrammkarten und Aufkleber in die Menge – und die jubelt.
Überhaupt: Es wirkt niemand bitter enttäuscht oder verärgert, die Stimmung bleibt gelöst, selbst das Wetter verkneift sich den ansonsten immer mal wiedereinsetzenden Nieselregen. Daran soll sich auch nichts ändern, weder unter den Zuschauern noch unter den Fahrern auf der Strecke. Also nicht der Regen, der kommt immer mal wieder. Das prinzipiell faire Miteinander ist gemeint. Wie das denn so sei, gegen einen Max Verstappen zu fahren, wollen die Kollegen wissen, deshalb solle ich das mal aufschreiben. Doch allein die Aussage "gegen Max Verstappen fahren" ist schon falsch. Jeder fährt für sich in seiner Klasse, insgesamt 24 gibt es. Max (Verstappen) fährt mit seinen drei Fahrerkollegen auf dem Mercedes-AMG GT3 in der SP9, Max (Kruse) mit seinen drei Fahrerkollegen (von denen einer vorzeitig gesundheitsbedingt aufgeben musste, doch das ist eine andere Geschichte) in der SP3T.
Vorbeiflug der GT3-Autos? Immer akkurat!
Ob ich ihn nun gesehen habe? Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Natürlich wurde ich bei jedem meiner insgesamt vier Durchläufe, die jeweils knapp 90 Minuten dauerten, von diversen, irre schnellen GT3-Fliegern überholt, doch ob Max dabei war, kann ich nicht sagen. Was ich sagen kann: Wenn die schnellen Profis an mir vorbeigeballert sind, dann immer akkurat, ohne waghalsige Manöver. Zumindest habe ich das so empfunden, einige andere Teilnehmer sahen das genauso.
Was Max und Max allerdings eint: An beiden Autos musste unplanmäßig geschraubt werden. Bei Max Kruse zu Beginn des Rennens, bei Max Verstappen gegen Ende. Dazwischen sind wir: Rennen gefahren. Und was für eines! Eines, das vor allem eines war, nämlich 24 Stunden lang. Keine Unterbrechung wegen des Wetters, keine wegen Stromausfall (gab’s letztes Jahr, kannste dir nicht ausdenken). Zudem fuhr der Golf nach den anfänglichen Problemen mit Luft in der Bremsanlage dann einfach. Einfach und schnell.
Ziemlich beste Freunde auf der Strecke
Die Klasse SP3T schreibt einen Hubraum von maximal zwei Litern vor und so arbeitet unter der leichten Haube aus Hardware-Sicht das Triebwerk aus dem Golf GTI Edition 50, dank modifizierter Elektronik jedoch 365 statt 325 PS stark. Zudem flog das Siebengang-DSG zugunsten eines sequenziellen Sechsgang-Renngetriebes raus. Das alles trifft auf ein Leergewicht von rund 1,2 Tonnen. Da in unserem Auto kein Vollprofi am Steuer saß, wählte das Max Kruse Racing Team unter der Leitung von Benny Leuchter eine etwas konservativere Fahrwerkseinstellung, also mit tendenziell leicht untersteuerndem Eigenlenkverhalten.
Was nicht heißen soll, dass das Auto nicht weiß, wo bei einem Lastwechsel das Heck hingehört – nämlich zum Kurvenaußenrand. Hat es mir in der Nacht im Streckenabschnitt Kallenhard bewiesen. Womöglich habe ich aufgrund zu optimistischer Kurveneingangsgeschwindigkeit doch mal mit dem rechten Fuß gezuckt. Grundsätzlich ballerten wir beide aber als ziemlich beste Freunde um die Strecke, selbst bei leichtem Niesel trotz montierter Slicks, selbst in der Dunkelheit, die von der intensiven Zusatzbeleuchtung durchschnitten wurde.
Nicht gesucht, nicht gefunden
Und Max? Den haben wir nicht gesehen, ehrlicherweise aber auch nicht gesucht. Ich zumindest nicht. Seine Fans schon. Die stehen immer mal wieder in so großer Zahl vor der Box, dass die Security-Mitarbeiter auch für uns den Weg zum Material-Zelt und überhaupt den Zugang zur Box offenhalten mussten. Selbst Kollege Hirschfeld hat den Weg dorthin gefunden, als er dann doch seinen Tribünenplatz aufgegeben hatte.







