Formel-1-Fans, die am Wochenende wegen Max Verstappen zum ersten Mal beim 24h-Rennen am Nürburgring reinschauen, müssen sich etwas umgewöhnen. Im Gegensatz zur Königsklasse dürfen die Teams nicht einfach technische Upgrades an ihre Autos schrauben, um die Leistungsfähigkeit zu verbessern.
Stattdessen entscheiden im GT-Sport auch die Offiziellen, an welchen Stellschrauben gedreht wird. Das Ziel lautet dabei immer, die teilweise sehr unterschiedlichen Autos in den einzelnen Klassen auf ein vergleichbares Level zu bringen. Das Zauberwort heißt hier "Balance of Performance", oder abgekürzt einfach "BoP". Vor allem in der Top-Klasse SP9 mit den schnellen GT3-Autos sorgt sie immer wieder für Diskussionen.
Auf die Frage, wie gut er auf den Saisonhöhepunkt in der Eifel vorbereitet sei, antwortete Verstappen am Rande des Miami-Grand-Prix: "Wir haben uns so gut es ging vorbereitet. Aber am Ende des Tages kommt es natürlich auch immer auf die BoP an, wo wir stehen." Hier ist das Team des Formel-1-Stars ganz auf Mercedes angewiesen. Alle AMG GT3 im Feld bekommen die gleiche Einstufung.

In der Vorbereitung stimmte die Pace. Das muss für das 24h-Rennen aber noch nichts heißen.
BoP kann sich noch ändern
Ein paar kleinere Änderungen an der BoP haben die Verantwortlichen schon im Vorfeld verkündet. Im Vergleich zum Qualifier-Wochenende darf der BMW M4 GT3 zum Beispiel 10 Kilogramm ausladen, dafür wird der Ladedruck etwas stärker begrenzt. Beim Lamborghini Huracán wird sogar an drei Stellschrauben gedreht: Gewicht (-10 kg), Tankinhalt (+1 Liter) und Restriktor (-0,5 mm). Beim McLaren 720S GT3 geht der Ladedruck etwas nach oben.
Wie sich das am Ende auswirkt, lässt sich aktuell noch nicht sagen. Die finale BoP ist auch längst noch nicht in Stein gemeißelt. Bis zum Start des Rennens können die Ring-Schiedsrichter die Autos noch künstlich einbremsen oder mehr Performance freigeben – je nach den Eindrücken in den Trainings- und Quali-Sessions. Prognosen, wie der Verstappen-Mercedes am Ende im Vergleich zur Konkurrenz dasteht, lassen sich noch nicht treffen.

Mercedes setzt auf etwas mehr Abtrieb als im letzten Jahr.
Gibt es wieder eine Überraschung?
Dazu kommt es beim 24h-Rennen am Nürburgring immer mal wieder zu überraschenden Ausreißern. Das sogenannte "Sandbagging", also das bewusste Verschleiern der wahren Performance bei den Vorbereitungsrennen, gehört immer dazu, um nicht vorschnell ins Visier der BoP-Kommission zu geraten. Als letzter prominenter Fall ist der Frikadelli-Ferrari noch gut in Erinnerung, den 2023 keiner stoppen konnte.
Die Teams haben nur begrenzte Möglichkeiten, beim Setup individuelle Lösungen zu finden. Innerhalb des zugelassenen Performance-Fensters spendiert Mercedes seinem 6,3-Liter-V8-Monster dieses Jahr etwas mehr Abtrieb. Mit dieser Entscheidung scheint man gut zu fahren. Bei den Vorbereitungsrennen stimmte die Pace. Allerdings ist die Aussagekraft der letzten Auftritte in der NLS und bei den 24h-Quali-Rennen begrenzt. Stichwort Sandbagging.

Fehler sind schnell passiert. Auch das Wetter ist in der Eifel unberechenbar.
Kleine Fehler kosten den Sieg
Am Ende könnten auch ganz andere Faktoren den Ausschlag über Sieg und Niederlage geben. Winward Racing, das Einsatzteam des Verstappen-Mercedes, hat im Vergleich zur Konkurrenz einen Erfahrungsnachteil auf der Nordschleife. Dieser wurde zuletzt in Form von kleinen Fehlern auch nach außen sichtbar. So wurde das Verstappen-Auto bei NLS2 disqualifiziert, weil die Anzahl der verwendeten Reifensätze nicht den Regeln entsprach. Das Schwesterauto bekam beim 24h-Qualifier eine Zeitstrafe aufgebrummt, nachdem die Mindeststandzeit bei einem Stopp unterschritten wurde.
Wer am Ende ganz oben auf dem Podium stehen will, kann sich solche Fehler nicht leisten. Ein 24h-Rennen zu gewinnen ist schwer. Verloren wird es dagegen ganz leicht. Ein kleiner Schaden, wie zuletzt bei Verstappen am Frontsplitter, und der Traum zerplatzt. Im dichten Verkehr muss über die komplette Distanz alles passen. Wer zu viel riskiert, droht auszufallen. Wer zu wenig riskiert, verliert Zeit. Hier gilt es eine gute Balance zu finden.
Die Konkurrenz ist groß. Und die meisten Verstappen-Gegner wissen, was auf sie zukommt. Auch das Wetter scheint dieses Jahr mal wieder ein wichtiger Faktor zu werden. Klar ist jetzt schon, dass es mit tiefen einstelligen Temperaturen vor allem in der Nach sehr frostig zugehen wird. Dazu könnten Schauer für eine Prise Extra-Würze sorgen. Spätestens dann spielt die BoP nur noch eine Nebenrolle. Zuletzt ging ein Mercedes übrigens 2016 siegreich aus der Eifelschlacht hervor. Nach zehn Jahren wäre es an der Zeit, dass es endlich mal wieder klappt mit dem Gesamtsieg.





