Aston Martin Vantage, Exterieur Zeljko von Ilak
Aston Martin Vantage, Exterieur
Aston Martin Vantage, Exterieur
Aston Martin Vantage, Exterieur
Aston Martin Vantage, Exterieur 18 Bilder

Aston Martin Vantage im Dauertest

Aston Martin Vantage im Dauertest Abschlusszeugnis für den Briten-Sportler

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Wie wappnet sich der automobile Hochadel für die profanen Niederungen des Alltags? Das kann Aston Martin aus Prinzip gar nicht? Nun, nur der Vantage hat serienmäßig einen Regenschirm an Bord. Also Vorsicht!

Das Urteil vor dem Urteil ist der eigentliche Feind des Urteils. Richtig, man nennt das auch Vorurteil. Englische Autos scheinen das Vorurteil erfunden zu haben: Schön, aber … Hinter dem Aber spinnen Mundpropaganda, Milchmädchenrechnungen und Möchtegern-Anekdoten ein giftiges Netz aus Fehlurteilen.

Da der neue Bond-Film gerade anläuft und Daniel Craig als britischer Geheimagent natürlich wieder astonieren darf, wollten wir auch mal ran. Gut, die Zahl 10.000 vor den Kilometern verdeutlicht, dass wir über einen Dauertest-Sprint sprechen: ein kleiner Marathon, um sich von allgegenwärtigen Verleumdungen zu trennen – oder sie zu bestätigen.

Aston Martin Vantage, Exterieur
Marcus Schurig
Der Orangeton heißt bei Aston Martin Cosmos Orange. Bitte nicht verwechseln mit Papaya-Orange von McLaren.

Aston Martin Vantage also, in Sattorange mit schwarzen Felgen. Schick, aber missverständlich. "Ich habe die Autos von McLaren immer gemocht", sagt ein halb gescheiter Tankstellenbesitzer, ohne den Fauxpas mit einem Lächeln abzufedern, "aber vielleicht liegt es nur an der Farbkombination." Ja, die "Werksfarbe" von McLaren ist Papaya-Orange, historisch oft in Kombination mit Schwarz. Aber erstens heißt der Orangeton bei Aston Martin Cosmos Orange, zweitens weiß man in Gaydon gar nicht, wo Woking liegt. Und drittens perlen Spötteleien dieser Art an der über 100-jährigen Firmengeschichte von Aston Martin ab wie Wasser an der Wachsjacke.

Perfektion statt Charakter

Bei "Aschdon", wie der Schwabe sagt, trägt man die Nase hoch, und es gibt gute Gründe: Seit 20 Jahren marschiert die Marke nur nach oben, zunächst übers Design, dann über die Technik. Mittlerweile ist man sogar in der Formel 1 angekommen! Und mittlerweile kommt der Powertrain, der früher, als man die Motoren noch selber zusammenschusterte, gerne als die Seele eines Aston Martin verkauft wurde, vom deutschen Daimler. Übrigens auch in der Formel 1. Das mag zwar Charakter kosten, bringt aber Perfektion.

Den Motor will man sich nicht wegdenken, weil man genau weiß, dass man sich dann womöglich die ganze Marke wegdenken müsste, was ja schon schade wäre bei all der Schönheit. Die Silhouette des Van­tage funkelt spektakulär, die Taille ist sexy. Das, was schwierig ist – Zeichnung und Proportion –, haben sie gut hinbekommen in England, dann aber vorne verkniffene MX-5-Scheinwerfer drangepappt. Und hinten ist ihnen der Zeichenstift beim Barockschwung ausgekommen. Es hätte ein richtig geiler, perfekter, extraordinärer britischer Sportwagen werden können. Er ist es fast geworden.

Aston Martin Vantage, Motor
Zeljko von Ilak
Vier Liter, zwei Turbos, 510 PS, 685 Nm – der Powertrain stammt vom Daimler, den wir aus Gründen der Englishness nicht Mercedes oder AMG nennen.

Nicht mal mit aggressiver Farbgestaltung erzeugt der Vantage im Alltag kontroverse Gefühle. Im Gegenteil. "Mein Name ist Bond, James Bond." Der Polizeiobermeister, der an einer Stuttgarter Ausfahrtsstraße seinen Dienst verrichtet, schaut nach der Ansage erst verdutzt, führt dann gaaanz langsam die Hand zur Waffe, um in breites Grinsen zu verfallen: "Dann können Sie weiterfahren." Die viele Kohle für den global gültigen 007-Mythos ist gut angelegt.

Mit astonischem Stoizismus

Image und Silhouette befinden sich im Einklang. Aber das ist nicht der springende Punkt. Die Niederungen des Alltags? Bewältigt der Vantage stoisch, fast schon astonisch. Nehmen wir den Powertrain vom Daimler, den wir aus Gründen der Englishness nicht Mercedes oder AMG nennen. Vier Liter, zwei Turbos, 510 PS, 685 Nm. Klingt nach ganz viel Getöse? Mitnichten. Bei Aston Martin schirmt man das Kabinenpersonal vor aufdringlichen Lebensäußerungen gekonnt ab, Dezenz ist das Gebot der Marke. Der Vantage ist ein GT für die große Reise, kein Ego-Subwoofer.

Natürlich ist die Leistung völlig ausreichend, meist würde ja schon das Wollen reichen. Das Können kann er auch, 200 km/h stehen nach 13 Sekunden auf der Uhr, trotz 1.723 Kilo. Die Untermalung mittels Gepröttel und Kanonenschlag wie beim Daimler verkneift er sich. Das Achtgangautomatik-Getriebe von ZF ist der perfekte Gebieter im Geist: Je nach Fahrmodus scheint die souveräne Schalteinheit die Gangwünsche förmlich zu antizipieren und serviert sie ohne zitterndes Tablett. Der letzte und achte Gang dimmt die Präsenz des Motors auf langen Etappen herunter, dann schrubbt der Aston Martin Kilometer mit der Genügsamkeit eines griechischen Esels: 12 bis 14 Liter bei 3.000/min und Tacho 180.

Aston Martin Vantage, Interieur
Marcus Schurig
Wie ein klassischer GT spannt der Vantage die Passagiere in einen feinen Kokon aus Leder und Lust.

Natürlich darf Dr. Jekyll per Tastendruck auch mal Mr. Hyde spielen, die Gene wurden beim Daimler schon hinterlegt. Dann wandelt sich der V8 vom Diener zum Raffzahn, der auch mal donnergrollen darf, wenn die Drehzahl orgelt. Eine weitere Forcierung in Richtung grenzwertig behält sich Aston Martin beim Vantage mit Modellspreizungen in Zukunft vor. Das Standardmodell ist die Nulllinie für den Kundenstamm, der nicht allzu auffallend auffällig werden will.

Wer erst mal drin hockt im Van­tage, bleibt von extrovertierter Exposition verschont. Die Kabine schmiegt sich eng um die Besitzer, die Sitzposition ist tief. Sehr tief. Die über die Lebensjahre angehäufte Anzahl an Vorerkrankungen (Adipositas, Prolapsus nuclei pulposi, Arthrosis deformans) entscheidet über die Eleganz der Sitzeinnahme. Es kann passieren, dass die Eleganz des Wagens in Widerspruch zur Eleganz der Bewegung des Besitzers steht, weshalb eine öffent­liche Zurschaustellung abgewogen werden sollte. Wer Selbstzweifel hat, sollte besser weiter weg parken. Bloß: Wer sieht dann den schönen Wagen?

Drinnen ist dafür alles so, wie es sein soll: Das ergonomische Dreieck aus Sitz, Lenkrad und Pedalen kann sauber angepasst werden, sodass sich jede Statur wohlgeschätzt fühlt, wobei sich jene mit kurzem Oberkörper und langen unteren Extremitäten darüber beschweren könnten, dass sie vor lauter Tiefsitzen die Straße nicht mehr sehen. Geschenkt.

Aston Martin Vantage, Interieur
Zeljko von Ilak
Der Mythos James Bond fährt mit: Die Welt ist nicht genug, wenn darin kein Vantage vorkommt, so scheint es.

Der Kundengeschmack führte die Feder beim Interieur: Gediegene Materialien beduften den Innenraum, alles Grelle ist verschwunden, gedeckte Schwarztöne narkotisieren den Fahrer mit Noblesse. Das zen­trale Armaturendisplay ist die Steigerung der Nüchternheit, kein Tropfen Herzblut wird hier vergossen.

34. Das ist die Anzahl der manuellen Bedienelemente auf der Mittelkonsole des Vantage. Wir übersetzen: Digitalisierung ist super, aber wenn niemand nichts mehr findet, ist es auch blöd. Also stellt man bei Aston Martin lieber sicher, dass jeder alles findet: eine Funktion gleich ein Knopf. Die gut situierte und augenscheinlich eher ausgewachsene Klientel wird das goutieren. Wir auch.

Ein Teil der Kunden könnte sich fragen, woher sie bloß die Schalter und Menüführungen kennen. Aber die Frage hätten sie vor 20 Jahren auch stellen können, und damals wäre die Antwort enttäuschender ausgefallen als heute. Der Daimler (AMG/Mercedes, Sie wissen schon) liefert nicht nur den Hammer unter der Haube, sondern auch weitere tragende Gerüstelemente: Bedienhebel für Blinker, Tempomat, Scheibenwischer, den Controller auf der Mittelkonsole. Und das ganze Comand-Infotainment-System. Verwerflich? I wooh! Wer den Vorgänger des Vantage jemals länger fuhr, der unterscheidet ganz pragmatisch zwischen Disadvantage (früher) und Advantage (heute).

Aston Martin Vantage, Exterieur
Zeljko von Ilak
Komfort ist beim Vantage kein Zielkonflikt, sondern Priorität. Damit lässt sich im Alltag prima fahren.

Die englische Spleenigkeit ist damit vollständig aus dem Vantage entwichen, was unter den Kriterien des Alltags als Kompliment gewertet werden darf. Das Navi navigiert, die Klimaanlage klimatisiert, die Musik musiziert – und für nichts davon müssen Nerven zusammenbrechen! Der Vantage exekutiert die Notwendigkeiten, das kann man bei 217.000 Euro Testwagenpreis auch so erwarten.

Das Fahren selbst? Gedämpfte Rasanz lautet das Stichwort, Überschwänglichkeit wäre das Reizwort. Wenn alles trocken ist und die elek­tronischen Helferlein Spalier stehen, glänzt der Vantage mit ordentlicher Traktion und hoher Konzilianz. Wenn es Katzen regnet und die Wachhunde schlafen, merkt man erst, wie gut die Gewalt domestiziert wurde. Auf "Sport" überzeugt der Fahrkomfort trotz großer Räder und flacher Reifen. Komfort ist hier kein Zielkonflikt, sondern Priorität. Damit lässt sich im Alltag prima fahren.

Schnell sein, langsam machen

Zwar spielt Grenzbereich-Geplapper beim Dauertest keine Rolle, aber man sollte erwähnen, dass der Vantage seinen Unwillen gegen das Limit abgebaut hat. Wer mit dem Vantage richtig schnell fahren will, sollte aber eher langsam machen: gerade anbremsen, leicht unterm Griplimit einlenken, leicht unterm Griplimit beschleunigen. Das kann der Aston, das taugt ihm, genau dafür gibt es den Track-Modus mit straffer Dämpferabstimmung, schnellen Schaltvorgängen und strammer Lenkung. Wer jetzt noch meint, unbedingt die Peitsche auspacken zu müssen, wird dann aber kaum schneller.

Aston Martin Vantage, Exterieur
Zeljko von Ilak
Mit netten Annehmlichkeiten wie einem serienmäßigen Regenschirm ist der automobile Hochadel anständig für die profanen Niederungen des Alltags gewappnet – und löst sie erhobenen Hauptes.

Bei Motor, Lenkung, Bremse sowie beim Bediensystem hat Aston Martin die Neuzeit erobert. Das Lastenheft orientiert sich an globalen Standards – nicht an englischen. Nur selten treten Kobolde auf den Plan: Bei Tacho 303 schnalzten mal die Scheiben­wischer aus der Ruheposition hinter der Haube heraus und gingen mit den A-Säulen auf Schmusekurs. Lustiger Lapsus. Wenn es wirklich regnet, wird der Vantage-Fahrer zum Kobold: Er hätte einen noblen Regenschirm im Kofferraum, allein, das hat er vergessen – und wird trotzdem nass.

Was belegt, dass Vorurteile durch Erfahrung eliminiert werden – sonst schleppen sie sich als Fehlurteile durch die ganze Geschichte.

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Ja, ich hätte jedes Mal Freude, wenn ich in ihn einsteige.
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Technische Daten

Aston Martin Vantage 4.0 V8
Grundpreis 139.800 €
Außenmaße 4465 x 1942 x 1273 mm
Kofferraumvolumen 270 l
Hubraum / Motor 3982 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 375 kW / 510 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 314 km/h
0-100 km/h 3,9 s
Verbrauch 10,3 l/100 km
Testverbrauch 12,3 l/100 km
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Aston Martin Vantage
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