Im Norden ticken die Uhren anders. Offensichtlich auch bei AMG, das sein neues Autohaus – pardon – Brandcenter in Hamburg einweiht und uns von dort aus eine Testroute durch Orte wie Albsfelde, Mühlenrade und Grande (AMG) programmiert – leider lustig. Weniger witzig ist, dass die Strecke durch die kurvenarme, oft auf Tempo 70 limitierte, zersiedelte norddeutsche Tiefebene führt. Schade, denn AMG hat uns mit dem GLC 53 ein SUV-Coupé hingestellt, das eigentlich nach den Kurven der Schwäbischen Alb verlangt.
Also geht’s erst mal vorwärts. Weil der aufgeblasene Vierzylinder im Topmodell GLC 63 S offensichtlich zielsicher am Nerv der Stammkundschaft vorbei hybridisierte, schiebt Affalterbach nun den GLC 53 4Matic+ nach. Klar, acht Zylinder bringt AMG zwar nicht mehr unter die Haube, doch dieser Dreiliter-Reihensechser ist ein verdammt ordentliches Trostpflaster. Okay, natürlich ist der Motor kein exklusives AMG-Produkt, sondern werkelt in seinem Grundaufbau auch gediegener im S 500.
AMG erzieht den R6
Doch die Charakteristik des 3,0-Liter-Motors im GLC 53 ist dann doch eine völlig andere. Denn die AMGler überarbeiten Zylinderkopf, Einlassnockenwelle und Ansauganlage. Der Turbo drückt mit 1,5 bar, mithilfe eines elektrischen Zusatzverdichters, der nun mit bis zu 7,5 kW (bisher 5,0 kW) ins System bläst. Dazu sitzt ein 17 kW starker Startergenerator (ISG) in der Getriebeglocke. Das Ergebnis: 449 PS und ein Plateau von 600 Newtonmetern (kurzzeitig sogar 640 Nm im Overboost).
Wer aus dem Stand mit Launch Control startet, soll in 4,2 Sekunden auf Landstraßentempo beschleunigen. Gefühlt schiebt das Triebwerk aber erst ab 3.000 Touren richtig vehement und dreht anschließend herrlich homogen bis 6.500/min in den Begrenzer. Doch beim plötzlichen Zwischenspurten lässt sich ein Turbo-Löchlein erkennen, trotz der E-Lader-Unterstützung. Was dem Reihensechszylinder-Motor an Spontanität im Zehntelsekundenbereich fehlt, macht er akustisch wieder wett. Für Partystimmung sorgt die vierrohrige Schreckschussanlage am Heck. Tatsächlich klingt das Ganze im Race-Modus samt geöffneter Klappen beim Gaswegnehmen und Runterschalten nach astreinem Shisha-Bar-Überfall.
Apropos Sturmhaube: Zwar verdeckt eine Plastikschale den Sechszylinder, doch um ihn anzugucken, musst du nicht einmal aussteigen. AMG animiert ihn im Performance-Menü mitsamt künstlich transparenter Motorhaube auf dem omnipräsenten Touchscreen.
Touch-Frust am Lenkrad
Ohnehin lässt sich in der – sagen wir mal – bewährten MBUX-Basis alles bis ins kleinste Detail feinjustieren. Bedientechnisch nervt dabei weiterhin nur der Doppelsteg am Lenkrad samt touchsensitiven Oberflächen, die im Eifer des Gefechts gern ungewollte Befehle ausführen.
Die beste Abstimmung für die norddeutsche Spritztour? Nicht Sport oder Sport Plus. Nein, der Fahrer konfiguriert sich über das Rädchen am Lenkrad seinen eigenen Modus zusammen: Fahrwerksparameter des adaptiven AMG-Ride-Control-Fahrwerks auf "Comfort", den Rest (Motor, Getriebe, Allrad) auf "Attacke". Mit Hamburg im Rücken und "Pedal to the Metal" schiebt der Sechsender auf unlimitierten Autobahnabschnitten den über zwei Tonnen schweren Brocken mit Nachdruck vorwärts. Und da wir das Driver‘s Package angekreuzt haben, rennt die Fuhre auch 270 km/h, wobei es dafür schon etwas Anlauf braucht.
Kurven ohne Kurven
Aber AMG verspricht ja auch Kurvendynamik. Und als sich dann nach der eingangs erwähnten Akronym-Tour doch noch ein paar Kurven finden, geht‘s los. Okay, den Drift-Mode lassen wir aus, der lässt sich durch das manuelle Scharfschalten des Getriebes, langes ESP-Drücken und beidseitiges Ziehen der Schaltpaddles wecken. Dann entkoppelt die Vorderachse und das elektronische Hinterachs-Sperrdifferenzial teilt aus.
Auch ohne Quertreiberei spürt der Fahrer aber das Potenzial: Die Haftung ist dank Allradantrieb bombastisch. Mit gelockertem ESP, hecklastiger Kraftverteilung und elektronisch gesteuertem Hinterachsdiff lässt sich der SUV in abgelegenen Kehren herrlich an der Grasnarbe entlangtreiben. Die fein feedbackende Lenkung steht dabei im Zentrum des Geschehens, tatkräftig unterstützt von der serienmäßigen Hinterachslenkung (bis zu 2,5 Grad). Auch das Gripniveau der Michelin Pilot Sport 4 mit SUV-Kennung (Testwagen-Format: 21 Zoll mit 295er-Reifen hinten, 265er vorn) reicht für die flotte Überlandpartie völlig.
Dass sonst nichts verrutscht, dafür sorgen die formidablen Integralsitze, deren Wangen sich eng an die Fahrerkontur pressen. Witziges Detail: Die Aussparungen in der Rückenlehne sehen nicht nur sportlich aus und sorgen für bessere Rückenkühlung, sie bieten dem Nachwuchs auf der Rückbank auch die wunderbare Möglichkeit, den Eltern während der Fahrt einfach mal mit dem Finger in den Rücken zu pieksen.
Goldene Akzente gegen Aufpreis
Optisch differenziert sich der 53er übrigens nur dezent vom Vierzylinder-63er – ein wenig Zierrat hier, ein Schriftzug da. Wer unbedingt auffallen will, greift zum ein Jahr lang erhältlichen Golden-Accents-Paket für rund 11.900 Euro. Carbon-Zierrat mit eingewebten Goldfäden, mattschwarze Schmiederäder mit goldenen Felgenhörnern – das sorgt nicht nur auf Hamburgs sündiger Meile für Kaufinteresse.
Tatsächlich ist der Preis am Ende sogar das schlagendste Argument: Mit 87.786 Euro für das SUV-Coupé ist der 53er rund 35.000 Euro günstiger als der 63er. Dabei liefert der Sechszylinder nun das von der AMG-Klientel gewünschte Renommee – und das auch noch zu einem deutlich günstigeren Tarif.







