Porsche 911 GT3 im Test

Auf vielfachen Wunsch beglückt Porsche die Fangemeinde mit einer Neuauflage des Porsche 911 GT3. Die Sportversion verspricht 911-Vergnügen in Reinkultur.

Schön, dass trotz aller Cayenne-Euphorie die guten Sitten des Hauses nicht zu kurz kommen: Mit der Neueinführung des GT3 verabreicht Porsche den Seelen der 911-Kamarilla Balsam. Die Rezeptur ist klassisch: Weniger Gewicht, weniger Komfort, weniger Kompromisse – Pulsbeschleuniger wie der GT3 gehören zur 911-Tradition wie Peperoni zur Pizza. Diesmal bürgt nicht zuletzt der Vorgänger für verschärfte 911-Erlebnisse. Schon 1999 beglückte Porsche die Fangemeinde mit einem GT3. Doch das Vergnügen währte nur kurz: Im Jahr 2000 stellte Porsche den Verkauf des Spaßobjekts wieder ein – zum Leidwesen vieler 911-Apostel. Aber nun darf Wiederauf-erstehung gefeiert werden. Wie zuvor handelt es sich um eine sportlich gestählte Variante des Carrera, in deren Heck freilich ein Aggregat exklusiver Provenienz schlummert. Sein Rumpf mit separaten Zylindergehäusen stammt aus dem früheren Le Mans-Siegerwagen GT1, wobei die sechs in Boxer-Formation angeordneten Zylinder zwar den 911-üblichen Hubraum von 3,6 Liter vorweisen, aber bei kürzerem Hub und größerer Bohrung. Im GT3 verzichtet dieser für den Sporteinsatz konzipierte Boxer auf die Turboaufladung, behält aber die so genannte Trockensumpfschmierung mit eigenem Öltank. Eine Rundumbehandlung – leichtere Schmiedekolben, Titanpleuel und Ventile, variable Steuerzeiten, neue Motorelektronik (Bosch ME 2.8), E-Gas – sorgt überdies für Fortschritte, die GT3-Enthusi-asten mit Tränen der Freude begrüßen dürften. Ab sofort darf nämlich 400 Umdrehungen höher gedreht werden (maximal 8200/min), aber auch bei den PS rutschte das Limit nach oben: Statt vormals 360 PS produziert der 3,6-Liter-Motor nun 381 PS, während sein Drehmoment von 370 auf 385 Nm anschwillt. Lobenwert auch: Ungeachtet der respektablen Leistungsausbeute erfüllt der GT3 die EU4-Abgasnorm.

Dass er darüber hinaus auch die besonderen Wünsche seiner Kundschaft erfüllt, lässt schon der bloße Augenschein vermuten. 30 Millimeter dichter über dem Boden kauernd als ein Carrera, hinten mit Flügel, vorn tief geschürzt – ein flüchtiger Blick genügt, und man möchte spontan zur Rennkluft greifen. Fahren wie die Profis lautet das Thema. Da jagt ein Schmankerl das andere: Spezielle Leichtbauräder, besondere Reifen mit weicher Gummimischung, ein strafferes, für Rennzwecke verstellbares und verstärktes Fahrwerk, größere Bremsen mit Sechskolbensattel, Bremsluftspoiler in den Radkästen. Und auf Wunsch gibt es ohne Aufpreis ein wettbewerbstaugliches Clubsport-Paket inklusive Überrollkäfig, hingegen schlagen die im Testwagen eingebauten Keramikbremsscheiben mit 7830 Euro zu Buche (Gewichtsvorteil: 18 Kilogramm). Drinnen empfängt den GT3-Fahrer die obligatorische Hartschale mit starrer Lehne. Überflüssiges wie die Mittelkonsole wurde gestrichen, nicht aber die elektrischen Fensterheber und die Klimaautomatik. Stattdessen fehlen die Rücksitze, und wer den verbleibenden Raum als Gepäckablage zu nutzen gedenkt, muss erst umständlich den Sitz nach vorn schieben. Priorität genießen die Bedürfnisse des Schnellfahrens. Pedale, Lenkrad und Schalthebel sind optimal platziert, der Sitz umklammert den Rücken wie ein Schraubstock. Und im Leerlauf kribbeln, 911-untypisch, Vibrationen – der GT3 verordnet den Sinnesorganen schon im Stand Alarmstufe eins. Doch wer einen ungesitteten Wüstling erwartet hatte, wird angenehm überrascht. Das Getriebe mit den verkürzten Schaltwegen ist ein Muster an geschmeidiger Präzision, Lenkkräfte und Lenkexaktheit verraten höchste Abstimmungsfinesse, sogar die Federung lässt im Gegensatz zum knallharten Vorgänger eine gewisse Sensitivität erkennen. Noch mehr als bei anderen 911-Varianten sind es die feinsinnigeren Qualitäten, die dem GT3 unter den Sportwagen eine Sonderstellung einräumen. Dazu passt die Leistungsentfaltung. Trotz aller Sportlichkeit lässt sich der Sechszylinder klaglos zu Bummeletappen bei 1500/min herab, um im nächsten Moment entfesselt in höchste Drehzahlsphären vorzustoßen. 2500 Touren braucht es, um die Geister zu wecken, bei knapp 5000/min geht es richtig zur Sache, ein weiterer Kick folgt bei 6200/min. Zugleich verleihen die geringen bewegten Massen dem GT3-Triebwerk jene Spontaneität, die einen reinrassigen Sportwagenmotor von Möchtegern-Exemplaren unterscheidet. Echt sportlich auch das enger gestufte Sechsganggetriebe, vom Soundtrack ganz zu schweigen: Im Vergleich zum metallisch harten Heldentenor des GT3 klingt ein Carrera wie aus dem Musikantenstadl. Nicht minder eindrucksvoll ist das, was dabei herauskommt.

Die Beschleunigungswerte garantieren dem neuen GT3 einen klaren Vorsprung vor seinem 33 Kilogramm leichteren Vorgänger. Mit 1428 Kilogramm wog der Testwagen kaum weniger als ein gewöhnlicher Carrera (1451 kg). Gleichwohl vergehen bis Tempo 200 nun nur noch 14,4 Sekunden (vormals 16,1 Sekunden), fast 911 Turbo-Niveau (13,7 Sekunden). Bei Höchstgeschwindigkeit hat der GT3 mit 306 km/h sogar knapp die Nase vorn (Turbo und alter GT3: 302 km/h), wobei die neue Spoilerausstattung den Geradeauslauf nachvollziehbar stabilisiert. Dennoch mutierte der GT-Porsche keineswegs zu einem Anfänger-Gefährt. Statt ASR und ESP obliegt die Sicherheit nach wie vor dem gekonnten Umgang mit Gashebel und Lenkrad, flankiert von einem Sperrdifferenzial, das hervorragende Traktion gewährleistet und zugleich beim Bremsen, auch bei Lastwechseln in Kurven, per erhöhte Sperrwirkung die Stabilität verbessert. Wer es kann, den versetzt der GT3 in die Lage, rekordverdächtig und mit großem Genuss um die Kurven zu fegen. Die superpräzise Lenkung vermittelt optimalen Fahrbahnkontakt und zieht das Auto jetzt noch energischer zum Kurveninnenrand. Verzögerndes Untersteuern beim Einlenken ist kein Thema mehr, der Porsche nimmt Unebenheiten aber nach alter Sitte zum Anlass, bisweilen ohne Zutun des Fahrers die Richtung zu ändern. Das fördert die Konzentration, was sich besonders dann auszahlt, wenn die magnetische Bodenhaftung einmal abreißen sollte. Der Kurvengrenzbereich des GT3 liegt ungewöhnlich hoch, ist aber ziemlich schmal, so dass es ratsam erscheint, sich nur auf abgesperrten Strecken darin aufzuhalten. Ausgesprochen beruhigend aber die hervorragende Dosierbarkeit der Keramikbremsen, deren Reserven auch für rennmäßigen Betrieb problemlos ausreichen. Dass dies auch für die finanziellen Reserven der Kundschaft zutrifft, steht zu vermuten. 102 112 Euro kostet dieses Konzentrat klassischer Porsche-Tugenden, rund 27 500 Euro mehr als ein gewöhnlicher Carrera. Aber der ist ja auch nicht pur.

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Technische Daten
Porsche 911 GT3
Grundpreis 102.112 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4435 x 1770 x 1275 mm
KofferraumvolumenVDA 110 l
Hubraum / Motor 3600 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 280 kW / 381 PS bei 7400 U/min
Höchstgeschwindigkeit 306 km/h
0-100 km/h 4,6 s
Verbrauch 13,0 l/100 km
Testverbrauch 15,5 l/100 km
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