Der VW-Betriebsrat ließ die Belegschaft laut Süddeutscher Zeitung Fragen zur aktuellen Lage einreichen und per Likes bewerten – wie in sozialen Netzwerken. Aus dieser Hitliste holt sich VW-Vorstandsvorsitzender Oliver Blume Stoff für die anstehenden außerordentlichen Betriebsversammlungen, unter anderem im Stammwerk Wolfsburg in Halle 11. Die Top-Platzierungen sind zwar als Fragen formuliert – wirken aber eher wie eine Abrechnung.
Platz 1: Wut auf die Kommunikation
Die meistgelikte Wortmeldung kommt laut SZ aus Kassel und ist im Ton der gesamten Liste gehalten: "Die Mitarbeiter und deren Familien … sind verunsichert und verängstigt wegen der desaströsen Kommunikation nach außen durch den Vorstand. Wann endet diese Art und Weise der Kommunikation?" Die Beschäftigten bewerten also nicht nur die Inhalte, sie bewerten auch die Haltung ihres Vorstands – und sehen in dessen Haltung ein Problem.
Platz 2: Die Jobfrage mit drei Fragezeichen
Auf Rang zwei landet laut Bericht eine Wortmeldung aus Emden: "Die wichtigste Frage überhaupt: Müssen wir Angst um unseren Arbeitsplatz haben???" Die drei Fragezeichen unterstreichen die Nervosität – und stehen für das Gefühl, dass der Vorstand die Lage nicht so erklärt, dass sie im Werk ankommt. Wenig überraschend, verstärkt die Debatte über mögliche Werksschließungen die Sorgen der Beschäftigten massiv.
Funkstille nach durchgestochenen Sparplänen
Laut Süddeutscher Zeitung tauchten vor zwei Monaten radikale Sparpläne in der Öffentlichkeit auf: erneut bis zu 50.000 Stellen, dazu vier mögliche Werksschließungen. Informationen, die offenbar aus dem innersten VW-Führungszirkel an die Medien gelangt waren. Den Beschäftigten fehlte danach über längere Zeit eine direkte, eindeutige Einordnung durch den Vorstand. Sie fühlten sich mit der krassen Bedrohung ihrer Arbeitsplätze allein gelassen.
Cavallo gegen Blume
Betriebsratschefin Daniela Cavallo erhöhte laut SZ den Druck mit außerordentlichen Betriebsversammlungen und einem Ultimatum. Sie griff Blume öffentlich an: Der Umgang des Vorstands mit der Belegschaft übertreffe "an Respektlosigkeit" vieles, und der Vorstand lasse die Menschen "im Unklaren" und schicke sie so in den Urlaub. Damit rückt der Konflikt den Umgang miteinander in den Fokus.
Unbekannte "intelligentere Lösungen"
Die SZ betont, dass Blume am Wochenende nach einer Aufsichtsratssitzung in einer Boulevardzeitung "intelligentere Lösungen" als Werksschließungen in Aussicht gestellt hat. Die Belegschaft reagiert mit einer der meistgelikten Fragen (Platz drei): "Welche Perspektiven und ‚intelligenten Lösungen‘ hat der Vorstand für die Standorte?" Der Vorstands-Vorsitzende hat also Erwartungen geweckt – und bisher nicht erfüllt. Die VW-Mitarbeiter wünschen sich dringend Informationen zu den Werkschließungs-Alternativen.

Die aktuelle Kommunikation von VW-Konzernchef Oliver Blume verunsichert anscheinend viele VW-Beschäftigte.
"Keine wettbewerbsgerechte Belegung"
Im Intranet habe Blume später geschrieben, man könne für Emden, Hannover, Zwickau und die Audi-Fabrik Neckarsulm in den 2030er-Jahren noch "keine wettbewerbsgerechte Belegung bestätigen". Für die Beschäftigten klingt derart nebulöse Formulierungen das nicht nach Plan, sondern nach Schwebezustand. Das frisst Vertrauen von Leuten, die nach wie vor fest zu ihrem Unternehmen stehen, aber auch eine Perspektive brauchen.
Hat der Vorstand einen Zukunftsplan?
Die Hitliste zielt nicht nur auf die Kommunikation, sondern direkt auf die Strategie. Eine der Top-Fragen stellt Blume vor eine Messlatte: "Wie konkret möchte Herr Blume Volkswagen bis 2030 zum attraktivsten Automobilhersteller machen … und vor allem das Vertrauen … wieder zurückgewinnen?" Eine weitere, ebenfalls weit oben, verlangt eine Kurz-Erklärung von Produktstrategie und Unternehmensstrategie "in wenigen Minuten". Die Belegschaft signalisiert damit: Sie akzeptiert Einschnitte eher, wenn sie den Sinn versteht.

VW-Betriebsrats-Chefin Daniela Cavallo wirft Oliver Blume "Respektlosigkeit" gegenüber der Belegschaft vor.
Aufsichtsrat-Niederlage
Blumes vorläufiger Sparplan scheiterte im Juli im Aufsichtsrat deutlich, schreibt die SZ: Arbeitnehmervertreter und das Land Niedersachsen stimmten dagegen, Blume verlor mit 7 zu 12 Stimmen. Auch sechs Wochen später laufen laut Bericht weiterhin keine Verhandlungen zwischen Vorstand und Arbeitnehmern. Diese Kombination aus öffentlichem Druck, interner Blockade und fehlendem Dialog drückt auf die Stimmung der Beschäftigten.
Sparpaket 2024 läuft – fast
Laut SZ baut VW aus dem Sanierungspaket 2024 bereits nach und nach 50.000 Stellen sozialverträglich ab, etwa über Altersteilzeit; im Gegenzug gilt eine Beschäftigungsgarantie bis Ende 2030. Gleichzeitig bleibt ein neues Gehaltssystem als Kostensenker offen, das die Personalkosten um sechs Prozent reduzieren soll. Wenn die Arbeitnehmerseite hier bremst, verliert der Vorstand einen fest eingeplanten Hebel – und die Vertrauensfrage drückt noch massiver.












