Laienausbildung, Simulator-Fahrstunden, digitaler Unterricht – die Fahrausbildung steht vor tiefgreifenden Änderungen. Wer heute den Führerschein machen möchte, muss mehr Verkehrszeichen kennen, komplexere Verkehrssituationen überblicken und mit mehr Verkehrsteilnehmern klarkommen. Patrick Lang wagt den Selbstversuch mit Deutschlands größtem Fahrschul-Influencer Fahrlehrer Lukas Can. Klappt die praktische Prüfung nach 20 Jahren Praxis-Erfahrung auf Anhieb? Spoiler: Nein! Außerdem spricht Patrick mit Lukas über die anstehenden Änderungen in der Gesetzgebung, über Elektroautos für die Fahrschule, die Bedeutung von Assistenzsystemen, Tempolimits und die Kosten für den Führerschein. Ein Erlebnisbericht.
Die Preisfrage
Ein sonniger Tag in Heidelberg. Ich sitze im Fahrschul-Audi von Lukas Can, und ehrlich gesagt bin ich ein bisschen nervös. Lukas ist mit über 770.000 Followern auf TikTok Deutschlands bekanntester Fahrlehrer-Influencer. Der 28-Jährige begleitet seit Anfang 2022 seinen Alltag in der Fahrschule auf Social Media und YouTube und vermittelt humorvoll Wissen über Verkehrssicherheit.
Heute bin ich sein Prüfling. Und ich ahne schon: Das wird härter als gedacht.

Lukas Can ist Deutschlands größter Influencer im Bereich Fahrschule und Fahrausbildung.
Bevor wir losfahren, die obligatorischen Technikfragen. Winterreifen erkennt man am Profil und am Alpine-Symbol, Reifendruck steht auf dem Aufkleber in der Fahrertür – alles kein Problem. Dann kommt die Frage: "Was hast du damals für deinen Führerschein bezahlt?"
"Etwa 1.200 Euro", antworte ich. Lukas schüttelt den Kopf: "Heutzutage zahlt man bis zu 4.000 Euro, hier in Heidelberg zwischen 3.200 und 3.500 Euro." Und ich bin fassungslos. Meine ersten fünf Autos haben weniger gekostet!
Der erste Fehler
Es läuft eigentlich alles sehr gut. Ich achte penibel auf Schulterblick und Blinker – deutlich mehr als im Alltag, das gebe ich zu. "Ehrlich, man merkt es. Du bist ein richtig toller Autofahrer", lobt Lukas. Doch dann lenkt er mich in eine Wohngegend. An einer Kreuzung soll ich entscheiden, wo ich langfahre. "Geradeaus darf ich nicht", überlege ich laut und biege links ab. Plötzlich greift Lukas ein, betätigt die Bremse. Der schrille Signal-Ton, den ich definitiv nicht hören wollte.
"Hier wär es vorbei", sagt er und zeigt auf das Schild: Fahrradstraße, Anlieger frei. "Das bedeutet: Fahrräder haben Vorfahrt UND Autos dürfen nur rein, wenn ein Zusatzschild 'Autos frei' dabei ist. Du hättest umkehren müssen." Mist. 1:0 für Lukas.
Der zweite Fehler
Kurz darauf der nächste Dämpfer. Ich komme an eine Kreuzung, schaue mich ruhig um, checke jede Richtung und biege rechts ab. Lukas sagt nichts. Muss er auch nicht – denn nach 50 Metern sehe ich am Ende der Straße das Verkehrszeichen, das einen verkehrsberuhigten Bereich beendet. Der Umkehrschluss ist klar: Ich BIN in einem verkehrsberuhigten Bereich, fahre aber etwa 20 km/h.
Die winzige Hoffnung, Lukas sei eventuell durch das Gespräch abgelenkt gewesen, zerplatzt mit dem Satz: "Schau dir mal das Schild an. Hier ist Schrittgeschwindigkeit vorgeschrieben – mit Standgas rollen, etwa sieben km/h", erklärt er. Weiß ich. Aber ich habe das Schild an der Kreuzung übersehen und war somit natürlich deutlich zu schnell. "Schrittgeschwindigkeit fühlt sich komplett falsch an", kommentiere ich unser dann umgesetztes Tempo. Lukas lacht: "Stimmt schon. Aber in der Prüfung zählt es."
Besonders perfide: Das Schild an der Kreuzung steckt halb in einem Baum und in ungünstigem Winkel für alle, die beim Abbiegen vor allem die umliegenden Straßen und etwaigen Verkehr im Blick haben. "Das ist eine gemeine Stelle", räumt selbst Lukas ein. "Aber die Prüfer kennen solche Stellen natürlich auch." Zweimal durchgefallen nach zwanzig Minuten. Und beides wegen Verkehrszeichen, die ich nicht gesehen oder falsch interpretiert habe. Aber hey – sonst alles super!
Wird der Führerschein bald billiger?
Während wir weiterfahren, sprechen wir über die anstehenden Änderungen in der Fahrausbildung. Ab nächstem Jahr soll es möglich sein, dass Fahrschüler nach drei bis vier Fahrstunden mit ihren Eltern im privaten Auto üben dürfen – ganz ohne Doppelpedale und im normalen Straßenverkehr. Das ist die sogenannte Laien-Ausbildung.
"Ganz ehrlich, ich habe da ein Störgefühl", sage ich. "Wer stellt sicher, dass die Eltern qualifiziert sind? Meine Mutter war damals nicht wirklich die beste Autofahrerin." Lukas pflichtet bei: "Die Eltern wissen das ja nicht alles so perfekt. Und du siehst ja: Selbst ein erfahrener Fahrer wie Du macht mal Fehler. Und was passiert dann, wenn die Regel umgesetzt wird? Unfallquoten steigen, Versicherungsbeiträge steigen. Die Kosten vom Führerschein verlagern sich einfach."
Simulator statt Straße?
Auch die geplante Einführung von Simulator-Fahrstunden sehe ich kritisch. Ich habe vorher Lukas' Simulator ausprobiert – ein Gerät für 20.000 Euro. "Vom Fahrgefühl her hat es gar nichts mit der Realität zu tun", ist mein Fazit.
Lukas erklärt: "Als Einstieg ist der Simulator super – man lernt die Gänge, das Anfahren. Aber dass man die Realität ersetzen soll? Das sehe ich nicht." Ein weiteres Problem: "Ich habe oft Schüler von anderen Fahrschulen, die nur mit Elektroautos mit Rekuperation gefahren sind. Die können gar nicht richtig bremsen."
Warum ist der Führerschein so teuer geworden?
Die Preisexplosion hat viele Gründe, wie Lukas erklärt: "Alles ist gestiegen. Der Döner war früher 5 Euro, jetzt das Doppelte. Die Spritpreise liegen bei 2 Euro." Dazu kommen: "Es gibt kaum Fahrlehrer in Deutschland. Wenn ich meinem Team kein gutes Gehalt biete, gehen die Mitarbeiter zur Konkurrenz. Dann Miete, Fahrschulmanager-Software, teure Autos mit allen vorgeschriebenen Assistenzsystemen." Was ich nicht wusste: Jedes im Fahrschul-Auto verbaute Assistenzsystem kann hinsichtlich seiner Funktionalität auch vom Prüfer abgefragt werden. Ein adaptiver Tempomat ist eines der Systeme, das beispielsweise immer an Bord ist.
Man könne bei der Fahrausbildung durchaus sparen, wenn man konsequent dabei bleibe und etwa die Theorie beim ersten Mal bestehe, erklärt Lukas. "Fast jeder Zweite fällt in Deutschland durch. Da sind schon mal ein paar hundert Euro weg." Gewissenhaftes Lernen macht hier den Unterschied. Doch auch an der praktischen Prüfung scheitern viele Fahrschüler.
Typische Fehler – die Klassiker bleiben
"Einer der häufigsten Gründe sind Stoppschilder", verrät Lukas. "Die Schüler halten nicht wirklich komplett an, rollen noch ein bisschen. Wenn du auch nur mit zwei km/h drüber rollst, ist die Prüfung vorbei." Auch Geschwindigkeitsüberschreitungen an Bushaltestellen sind ein Klassiker: "Wenn ein Bus mit Warnblinker steht, muss man mit Schrittgeschwindigkeit vorbei. Wenn er nur rechts blinkt, reicht verminderte Geschwindigkeit." Fallstricke, an die ich mich noch aus der eigenen Fahrschulzeit erinnern kann.
Zum Schluss geht es an das obligatorische Einparken. Natürlich rückwärts-seitwärts. Scherzhalber frage ich noch, ob die Kiste keinen Parkpiloten hat, der das automatisch macht. Doch Lukas' Fahrschul-Q3 hat bewusst keinen solchen Einpark-Assistenten: "Ich will natürlich, dass die Schüler das selber machen. Aber selbst wenn es den Assistenten hier an Bord gäbe – sobald das System einen Fehler beim Parken macht, geht das trotzdem auf die Kappe des Schülers."
Gut, dass mich das Einparken vor keine Herausforderung stellt. Zumal sogar noch eine Rückfahrkamera an Bord ist, die ich vor 20 Jahren in meinem Fahrschulauto freilich noch nicht hatte. Trotzdem gilt: Die moderne Technik erleichtert vieles, aber die Grundlagen muss man trotzdem beherrschen.
Jetzt noch ein paar Theorie-Fragen
Nach der Praxisfahrt testet Lukas mein theoretisches Wissen mit Original-Prüfungsfragen. Das Kapitel "Vorfahrtsregeln" ist kein Problem. Hier helfen die aktiven Jahre am Steuer natürlich auch. Aber dann musste sie ja kommen – die Formel für den Bremsweg.
"Irgendwas mit Geschwindigkeit durch zehn… mal halb im Quadrat?", rätsle ich. Lukas klärt auf: "Geschwindigkeit durch zehn mal Geschwindigkeit durch zehn. Bei einer Gefahrenbremsung das Ganze nochmal durch zwei." Bei 30 km/h sind das 9 Meter, bei 60 km/h bereits 36 Meter Bremsweg. "Bis ich das ausgerechnet habe, habe ich längst einen Unfall gebaut", gebe ich zu. Lukas lacht: "Das ist alles Theorie. Im echten Leben nutzt es niemand."
Erfahrung ist nicht alles
Nach insgesamt 40 Minuten Prüfungsfahrt steht fest: Ich wäre zweimal durchgefallen. "Einmal wegen der Fahrradstraße und einmal wegen zu schnellen Fahrens im verkehrsberuhigten Bereich", resümiere ich. "Also zweimal wegen Verkehrszeichen."
"Aber ich kann dich beruhigen", tröstet Lukas. "Du bist nicht der Erste, der darauf reinfällt. Die Fahrradstraßen-Stelle – da bekomme ich jeden. Und der verkehrsberuhigte Bereich ist auch eine gemeine Stelle." Positiv vermerkt er: "Was du gut machst, sind Stoppschilder – da hältst du wirklich komplett an. Und du guckst gut, machst die Schulterblicke konsequent. Vorfahrt hast du drauf."
Eines hat mir die Fahrstunde aber noch einmal deutlich vor Augen geführt: Man darf sich nicht auf seinem Führerschein ausruhen. Mit jeder Novelle kommen neue Verkehrszeichen, neue Regeln hinzu. "Lebenslanges Lernen", wie man es im beruflichen Kontext so gerne beschreibt, gilt auch für den Straßenverkehr. Daher meine Empfehlung: Abonnieren Sie unsere Newsletter und Publikationen. Bleiben Sie auf dem Laufenden und erfahren Sie Neuerungen aus erster Hand. Denn eines ist klar: Das Bundesverkehrsministerium schreibt Ihnen keinen persönlichen Brief.
Die Lernkurve
Was habe ich mitgenommen? Vor allem Demut. Nach 21 Jahren dachte ich, ich hätte alles auf dem Kasten. Aber die moderne Verkehrsführung mit ihren Fahrradstraßen, verkehrsberuhigten Bereichen und komplexen Beschilderungen hat ihre Tücken. "So wie wir die Ausbildung jetzt kennen, wird sie in ein bis zwei Jahren nicht mehr sein", prognostiziert Lukas. Mit Simulator-Stunden, Laien-Ausbildung und digitalem Theorieunterricht stehen große Veränderungen bevor.
Ob das gut ist? Ich bin skeptisch. "Sicherheit sollte man nicht opfern", sagt Lukas. "Ein Auto ist auch ein bisschen wie eine Waffe. Ein Schulterblick kann Leben retten und das gilt auch für eine umfassende Kenntnis der Verkehrsregeln." Dem kann ich nur zustimmen. Und deshalb werde ich zu Hause definitiv noch mal ein bisschen üben – vor allem, was Verkehrsschilder angeht. Denn eines ist klar: Auch nach zwei Jahrzehnten am Steuer kann man noch was lernen.










