Lightyear One (2020) J. Greiner

Lightyear One Solarauto (2020)

Solarzellen statt Ladesäule

Das niederländische Start-up Lightyear entwickelt ein 5-sitziges Solarauto – auch für lange Strecken. Die Produktion soll 2020 anlaufen. Jetzt hat das Unternehmen einen Prototypen vorgestellt und wir durften einmal zusammen mit dem CEO probesitzen.

Elektroautos von Start-ups sind nichts ungewöhnliches mehr, der Ansatz des niederländischen Unternehmens Lightyear hingegen schon. „Lightyears langfristiges Ziel ist es, solare Elektroautos für den Massenmarkt zu entwickeln und damit eine nachhaltige Lösung für die weltweiten, wachsenden Mobilitätsbedürfnisse anzubieten“, erklärt Lex Hoefsloot, CEO und Mitgründer von Lightyear. Solar-Elektroautos umgehen die Schwierigkeit, eine Ladeinfrastruktur zu entwickeln, indem sie nur die Sonne und gewöhnliche Steckdosen als Energiequelle nutzen. Je nach Standort soll das Solarauto so wochen- oder sogar monatelang ohne Aufladung fahren können. Die Gesamtreichweite soll bis zu 725 km im WLTP-Zyklus betrage, an einem sonnigen Tag seien sogar bis zu 800 Kilometer drin.

Kleinerer Akku dank Solarzellen

Lightyear One (2020)
J. Greiner
Solarmodule laden den Akku auch während der Fahrt und erhöhen so die Reichweite.

Möglich wird das durch die vielen Solarmodule, die die Entwickler auf der Haube, dem Dach und dem Kofferraum des Autos verteilt haben. Sie laden den Akku ständig nach, auch unterwegs. Insgesamt passen etwa 5 Quadratmeter Solarzellen aufs Auto, die dicht gepackt nebeneinander platziert wurden und eine Spitzenleistung von 1.250 Watt liefern sollen. „Dank dieser Leistungsfähigkeit und der Tatsache, dass wir das Auto an allen Ecken und Enden auf Effizienz getrimmt haben, genügt uns ein Akku der nur 2/3 der Größe eines Jagaur iPace oder Tesla hat“, meint der 28-jährige CEO. Anders als die Konkurrenz setzt Lightyear auch auf eine andere Motorisierung. Der Allradantrieb besteht aus vier einzeln angesteuerten Radnabenmotoren, die den Lightyear One in weniger als 10 Sekunden auf 100 km/h bringen sollen. Mit Teslas Superbeschleunigungen von unter 3 Sekunden hat das nur wenig gemein. Aber damit nicht genug: innerhalb von einer Nacht (12h), verspricht der Niederländer, könne der One zuhause an der normalen Schuko-Steckdose mit 230 Volt für eine Reichweite von 400 Kilometern geladen.

Auch dem Zielgewicht von rund 1300 Kilo sei man mit dem Prototyp schon sehr nahe. Hierfür haben die Entwickler vor allem auf Carbon- und Aluminium-Bauteile für Karosserie und Chassis gesetzt. Um das Auto noch effizienter zu machen, haben ihm die Entwickler ein komplettes Redesign von Fahrwerk, der Antriebsstrang sowie die Aerodynamik verpassen müssen. So entstand in den vergangenen Jahren eine komplette native Solar-Elektro-Plattform, die eine bis zu 3x höhere Energieeffizienz besitzen soll als aktuelle Elektroautos auf dem Markt.

Lightyear One Solarauto (2020)
3:00 Min.

Da sich Hoefsloot und sein Team bewusst sind, dass die Sonne nicht immer scheint, kann der One auch an der Steckdose oder per Schnelllader mit bis zu 60 kW Strom tanken. Dafür ist hinten rechts am Auto eine CCS-Buchse untergebracht, über die auch mit einem Typ-2-Stecker mit 22 kW geladen werden kann. Der Energiespeicher des Lightyear One soll in Zukunft aber auch als Stromquelle für externe Verbraucher oder gar das eigene Haus dienen.

Ohne Partner geht es nicht

Als Entwicklungspartner konnte Lightyear jetzt den Automobilentwicklungsdienstleister EDAG gewinnen. Das Design erarbeitete GranStudio aus Turin. „Für uns Designer war das nicht immer leicht“, erklärt Lowie Vermeersch, CEO von GranStudio. „Denn aerodynamische Formen sind nicht von Haus aus die schönsten. Aber die Windschlüpfigkeit ist bei diesem Projekt entscheidend. Außerdem mussten wir möglichst viel Fläche für die Solarzellen schaffen. Für Sicken und Kanten war da kein Platz, denn sie sorgen für Verwirbelungen, die wir unbedingt vermeiden wollten.“

Herausgekommen ist dabei eine rund 5 Meter lange und 1,4 Meter hohe Coupé-Linie, die Lightyear selbst aber als Hatchback bezeichnet. Der Vorderwagen erinnert in der Seitenansicht eher an einen Porsche 911, der Rest an eine Kreuzung aus Audi A7 Sportback und Honda Insight der ersten Generation, der damals ebenfalls für eine bessere Aerodynamik abgedeckte Radkästen an der Hinterachse hatte. Aus diesem Grund hat man beim Prototypen des One auch auf klassische Türgriffe verzichtet und stattessen einen kleinen Knopf verbaut. Dass der bis zum Serienstart durchhält, sei aber unwahrscheinlich.

Sitzprobe

Lightyear One (2020)
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CEO Hoefsloot (rechts) erklärt Redakteur Leicht das Interieur: Als einer der ersten Journalisten durften wir im One Platz nehmen

Als erste Journalisten überhaupt durften wir im One auch Platz nehmen. Einzige Bedingung: „Bitte seid vorsichtig beim Einsteigen.“ Gesagt, getan und wir sitzen in den bequemen Recaro-Schalen, ohne die breiten und hohen Schweller mit ihrem polierten Aluminium zu zerkratzen. Uns entgegen ragt ein sportlich kleines Lenkrad mit Alcantara-Überzug, kleinen Holzapplikationen und zwei kleinen Touchflächen, die mit dem Daumen bedient werden können. Cockpit und Armaturenbrett tragen zwei Displays, die leider noch nicht funktionieren, später aber Dienste wie Apple CarPlay und AndroidAuto unterstützen sollen.

Insgesamt wirkt der Innenraum sehr schlicht und aufgeräumt. Die Türen sind mit einem 3D-Gewebe verkleidet, das sich auch über den breiten Mitteltunnel spannnt. Er dominiert den Innenraum und ist ebenfalls mit Holzapplikationen versehen. Hinter denen verbergen sich jede Menge Stauraum (bis 12 Liter), Ladeschalen fürs kabellose Laden des Smartphones und drei USB-Anschlüsse. Die Luftigkeit anderer reiner Elektroautos wie Tesla Model 3 oder BMW i3 bietet der Lightyear One aber nicht. Ein weiter Grund dafür: Mit 1,40 Metern Höhe und einer Bodenfreiheit von rund 20 Zentimetern bleibt innen nicht allzu viel Platz nach oben. Gerade einmal eine halbe Handbreite bleibt über dem Kopf des 1,80 Meter großen Autors. Und hinten? Trotz der Länge von über 5 Metern bietet der Fond zwar nicht den Platz eines Skoda Superb, aber ausreichend Beinfreiheit. Allerdings schlägt auch hier wieder die aerodynamische Dachlinie zu und kostet Kopfraum – großgewachsenen Passagiere reicht er unter Umständen nicht.

Wer sich jetzt fragt, wo der ganze Platz hin ist, wird beim Öffnen des Kofferraums fündig. Der fasst nämlich 780 Liter, mit umgeklappten Sitzen (60:40) sogar 1701 Liter und ist so lang, dass er ein ganzes Surfboard schluckt, wie während der Präsentation gezeigt wurde.

Startup beginnt 15 Millionen Euro

Bleibt die Frage, wie ein 28-jähriger CEO es schafft, ein Unternehmen mit 100 Mitarbeitern auf die Beine zu stellen, das über 15 Millionen Euro eingesammelt hat und ein Auto bauen will, dass so noch niemand gebaut hat. Auf die Frage weiß Lex Hoefsloot im ersten Moment auch keine Antwort, versucht es dann aber doch. „Wir haben bereits drei Mal (2013, 2015, 2017) die World Solar Challange gewonnen. Wir wissen also, wie man mit der Sonne als Energieträger umgehen muss und kennen damit wie kaum ein anderer das Potential, das hinter Solarmobilität steckt. Aus diesem Grund war es vielleicht auch ein bisschen unsere Pflicht, es zumindest zu versuchen, das, was mit einem Studentenprojekt begonnen hat, größer zu denken“.

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Ab 2020 ab 119.000 Euro – plus Steuern

Größer denken die Niederländer auch bei der Produktion. Während das deutsche Solarzellenauto-Startup Sono-Motors seine Produktion an NEVS (ehem. Saab) auslagert, wollen sie auf dem Automotive-Campus im niederländischen Helmond eine eigene Produktionsstätte errichten. Die Inbetriebnahme der Anlage ist für den 1. August diesen Jahres geplant. Sowohl die Lightyear One-Prototypen als auch die erste Serie, die 2020 starten soll, werden in dieser Produktionsstätte gefertigt.

Zum Marktstart im Jahr 2020 gibt es eine Signature-Version in einer Auflage von zehn Fahrzeugen, die nur in den Niederlanden angeboten wird und wovon aktuell nur noch drei verfügbar sind. Mitte 2020 folgt dann eine Pioneer-Version in einer 90er Auflage für ganz Europa und ab Anfang 2021 die Serienvariante. Der Grundpreis für den Lightyear One liegt bei 119.000 Euro plus Steuern. Das Unternehmen berichtet von bereits 100 Vorbestellern, womit also beide limitierten Sonderserien zum Marktstart, Signature und Pioneer, ausverkauft sind.

Lightyear One (2020)
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Fazit

Lightyear zeigt mit dem One einen interessanten Ansatz zum Thema Elektromobilität: Mit effizientem Design, Lademöglichkeit per 230-Volt-Steckdose und Solarmodulen macht sich der innovative Fünftürer vom Aufbau einer Schnell-Lade-Infrastruktur unabhängig.

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