06/2022, Mercedes EQXX Elektro-Versuchsfahrzeug Mercedes-Benz AG
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Mercedes EQXX Rekord - 1.202 km mit einer Ladung

Mercedes EQXX fährt 1.202 km mit einer Akkuladung Eigener Reichweitenrekord pulverisiert

Im April 2022 schaffte es der Mercedes EQXX ohne nachzuladen von Stuttgart an die Côte d’Azur. Nun hat er einen noch längeren England-Trip absolviert.

In England spielen sich für Mercedes gerade einige entscheidende Dinge an. In den kommenden Tagen feiert der AMG One, das Hypercar mit Formel-1-Technik, beim Festival of Speed in Goodwood endlich seine Publikumspremiere im Seriengewand. Ein Wochenende danach schlägt für das F1-Team die Stunde der Wahrheit: Beim Rennen in Silverstone muss der aktuelle Silberpfeil zeigen, ob mit ihm in Zukunft doch noch zu rechnen ist oder ob er als Rohrkrepierer in die Geschichte der Rennserie eingeht.

Ein anderer Mercedes-Silberling hat an selber Stelle bereits bewiesen, dass er Letzteres nicht ist. Als er nach 14 Stunden und 30 Minuten reiner Fahrzeit im britischen F1-Mekka angekommen ist, hat der Vision EQXX nämlich mal eben seinen eigenen Reichweitenrekord pulverisiert. 1.202 Kilometer war die Route von Stuttgart-Untertürkheim nach Silverstone lang – und der windschlüpfige Elektriker hat sie absolviert, ohne dass die Batterie nachgeladen werden musste. Damit kam er stramme 194 Kilometer weiter als im Frühjahr, als es bei der ersten Rekordfahrt an die Côte d’Azur ging (mehr dazu im Video über diesem Absatz und im zweiten Teil des Artikels). Zudem war er mit einem Verbrauch von 8,3 kWh pro 100 Kilometer noch energieeffizienter unterwegs.

Keine komplett reibungslose Fahrt

Dass der EQXX auch diesen Bestwert im realen Straßenverkehr aufstellte – Ehrensache für Mercedes. Dass nicht geschummelt wurde, beweist das ungebrochene Siegel am Ladeanschluss. Und dass nicht alles reibungslos ablief, lässt sich ebenfalls behaupten: Schon kurz nach dem Start musste die Crew wegen einer Autobahnsperrung eine Umleitung durch Pforzheim nutzen. Bei der Zugfahrt durch den Eurotunnel gab es eine kurze Verschnaufpause, und auf der Insel angekommen schaute das Team kurz bei der Motorsporttruppe in Brackley vorbei. In Silverstone war dann Nyck de Vries gefragt: Auf elf Runden auf dem Grand-Prix-Kurz quetschte der Mercedes-Formel-E-Pilot die letzten Kilowattstunden aus dem EQXX-Akku, bevor er in der Boxengasse ohne Saft ausrollte. Dabei erreichte der Niederländer auch den Topspeed von 140 km/h.

Festival of Speed Goodwood
Themen

Auch für den Mercedes Vision EQXX ging es dann übrigens weiter Richtung Goodwood, wo er sich nun dem fachkundigen Publikum präsentiert. Und schonmal Energie tankt für die nächste Rekordfahrt, die das Mercedes-Team schon im Kopf zu haben scheint. Nicht umsonst stellen die Stuttgarter in der Pressemitteilung zur neuen Rekordfahrt die Frage: "Wohin soll es als Nächstes gehen?"

Rückblick auf die erste Rekordfahrt für den EQXX

Als Mercedes Ende 2019 erstmals signalisierte, mit einem Elektroauto die 1.000-Kilometer-Marke ohne nachzuladen in Angriff zu nehmen, bestand das Projekt noch aus wenig mehr als vielen Fragezeichen. Die rasante Entwicklung in der Branche brachte uns zwar zwischenzeitlich immer mehr Superlative, nicht zuletzt aus Stuttgarter Herkunft, Stichwort Reichweitenkönig Mercedes EQS. Den ordnete unser Chefreporter Alex Bloch in seinem ausführlichen Test schlicht als bestes Elektroauto der Welt ein – aus Gründen.

Rückblick: Die erste Rekordfahrt nach Cassis

Mercedes EQXX Rekordfahrt Nizza 04/22
Mercedes
Mercedes EQXX Rekordfahrt Nizza 04/22 Mercedes EQXX Rekordfahrt Nizza 04/22 Mercedes EQXX Rekordfahrt Nizza 04/22 Mercedes EQXX Rekordfahrt Nizza 04/22 37 Bilder

Doch mit der Vorstellung des fahrfertigen Entwicklungsträgers EQXX Ende 2021 war schon genauer erkennbar, wo die Reise hingeht. Ein sensationeller cW-Wert von gerade einmal 0,17 (EQS: 0,2, auch das schon Weltrekord für Serienfahrzeuge) sollte die Hauptlast in Sachen Effizienz schultern, entsprechend fiel das Design mit dem langen Hecküberhang aus. In diesem Beitrag haben wir all die Technik-Highlights des EQXX bereits damals ausführlich vorgestellt, mit denen jetzt Anfang April ein Team von Mercedes-Entwicklern das Versprechen in die Tat umsetzte und uns anschließend zu einer Testfahrt eingeladen hat.

Alles der Effizienz untergeordnet

Vor der Rekordfahrt ist erst einmal eine tiefe Verbeugung nötig. Mit 1.350 Millimeter Höhe kauert der EQXX auf Sportwagen-Niveau über dem Asphalt, der Einstieg mit der niedrigen Dachkante erfordert einen zusätzlichen Knicks, um sich keine Kopfnuss einzufangen. Der Rekordträger, mit dem gerade ein sechsköpfiges Fahrer-Team vom Stuttgarter Entwicklungslabor an die Côte d’Azur gereist war, ordnet alles der Effizienz unter.

Der Auftrag für die Mission E-Weltrekord: 1.000 Kilometer im regulären Straßenverkehr, ohne vom Start bis zum Ziel nachzuladen. Wobei, sonst kann das ja jeder, kein Monster-Akku die Fahrt beflügeln sollte, sondern ein handelsüblich dimensioniertes Strompaket.

Mercedes-Benz VISION EQXX
Technik erklärt

Der EQXX, in dem wir nun in Nizza erstmals Platz nehmen und auf dem Beifahrersitz zu einer ausgedehnten Probefahrt losstromern dürfen, erfüllte das 1.000 km-Versprechen mit einem gewaltigen Entwicklungseinsatz, bei dem sich alles am Auto der Reichweite unterordnen musste. Der Akku mit Silizium-Anoden, den Mercedes gemeinsam mit CATL entwickelte und dessen genaue Zellchemie bislang Betriebsgeheimnis bleibt, hat mit 100 kWh Kapazität rund acht kWh weniger Speicherplatz als der im EQS, aber 50 Prozent weniger Volumen und 30 Prozent weniger Gewicht. Lediglich 495 Kilo steuert er zum Gesamtgewicht von 1.755 kg bei. Dazu kommt der mit allen Finessen bis hin zum ausfahrbarem Heckdiffusor und Luftwiderstandoptimierter Reifenbeschriftung auf 0,17 gedrückte cW-Wert.

Unter 9 kW Verbrauch

Exakt 1.008 Kilometer betrug die Fahrstrecke von Sindelfingen über die Schweiz und Italien nach Cassis in Südfrankreich. Das alles unter wenig erfreulichen Randbedingungen. Gestartet wurde bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und Schneeregen, Staus und zäher Verkehr entlang der Strecke. Aber keinesfalls nervtötendes Stromspar-Geschleiche, sondern praxisgerechtes Tempo mit bis zu 140 km/h auf der deutschen Autobahn und entsprechender Einhaltung der Limits auf dem weiteren Weg (Gotthard-Tunnel, Mailand, Ziel in Cassis an der Côte d’Azur).

Zwei Zwischenstopps hatten die Planer ausgetüftelt. Einmal für den Fahrerwechsel, je zwei Ingenieure besetzten den Wagen auf den Etappen, andererseits für einen Tausch der Begleitfahrzeuge. Aus Sicherheitsgründen schirmten zwei EQS den sündteuren Prototypen (mit regulärer, vom TÜV geprüfter Straßenzulassung) nach vorne und hinten ab. Die Gesamtfahrzeit von zwölf Stunden und zwei Minuten zeigt, dass bei den Boxenstopps nicht getrödelt wurde, denn die reine Fahrzeit auf Strecke wurde mit 11:32 Stunden gemessen. Macht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von achtbaren 87,4 km/h inklusive aller Staus, ein weiterer Hinweis darauf, dass auf den 1.008 Kilometern nicht hinter Lkw hergeschlichen wurde.

Im Ziel noch 140 Kilometer Restreichweite

Und statt nachzuladen, wäre noch ein Stückchen mehr möglich gewesen: 140 Kilometer Restreichweite signalisierte der EQXX. Das amtliche Endergebnis dürfen die Entwickler mit gutem Recht bejubeln, ein Durchschnittsverbrauch von lediglich 8,7 Kilowatt auf 100 Kilometer. Das entspricht in etwa dem Brennwert von einem Liter Benzin. Bei handelsüblichen Elektroautos würde auch der doppelte Verbrauchswert als sparsam durchgehen. Überwacht wurde das Ganze vom TÜV Süd, der nicht nur für die Abnahme zur Straßenzulassung und die Versiegelung der Ladesteckdose verantwortlich war, sondern die Rekordfahrt auch mit einem Prüfer im Begleitfahrzeug unter Beobachtung nahm.

Mercedes EQXX Rekordfahrt Nizza 04/22
Mercedes
Mit Prüf und Siegel: Vom TÜV vor der Rekordfahrt versiegelte Ladesteckdose.

Warum der EQXX mit diesem geringen Verbrauch trotz ganz normaler Fahrt mit hohem Durchschnittstempo und teils anspruchsvoller Topologie ans Ziel kam, ist nicht nur mit der Aerodynamik zu erklären, weiß Entwicklungsingenieur Lukas Wippermann. Er war einer der aus drei Fahrerteams bestehenden Mannschaft, die sich die Strecke mit zwei Zwischenstopps teilte. Wippermann sitzt bei der ersten Presse-Testfahrt auf einer ausgedehnten Runde um Nizza am Steuer und lässt die silberne Flunder laufen. Bemerkenswert ist dabei beispielsweise der extrem geringe Rollwiderstand, sobald er vom Fahrpedal geht. Der EQXX wird kaum langsamer, obwohl die Strecke gerade topfeben ist. Die Rollwiderstands-Optimierung der speziell entwickelten Bridgestone-Reifen trägt dazu bei, auch entsprechende Leichtlaufmaßnahmen bis zu den Knickwinkeln der Antriebswellen.

Richtig sportlich unterwegs

Der sportlich-straff abgestimmte Rekordwagen ist dabei durchaus dynamisch unterwegs, verweigert sich weder strammen Kurven noch festen Zwischensprints, die mit der 180-kW-Maschine druckvoll gelingen. Nach Prototyp fühlt sich das alles nicht an, eher nach Serienreife. Was in Teilen durchaus Realität werden dürfte, so ist das Batteriemodul in einer Dimension für künftige Kompakt-Mercedes mit 2,85 Meter Radstand konzipiert, auch die von Hand aufgebaute Antriebsmaschine des Prototypen wird sich in ähnlicher Form in künftigen Modellen finden. Einstweilen nimmt Mercedes aber einen weiteren Rekord ins Visier: Man könnte es ja auch mal mit 1.000 Meilen versuchen. Ohne nachladen.

Weitere technische Details zu der Rekordfahrt erläutern wir Ihnen in der Bildergalerie. Und falls Sie künftig selbst (wenn auch momentan eher mit deutlich geringerer Reichweite) losstromern wollen: In diesem Beitrag zeigen wir Ihnen die aktuellsten E-Auto-Leasingschnäppchen.

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Ja, man muss sich erstmal bücken, um in den EQXX einzusteigen. Aber eine Verbeugung ist durchaus angemessen, denn die schwäbische Spar-Flunder erfordert sonst kaum Verzicht: Er schafft praxistaugliche 140 km/h und kann auch Kurven, wie die Mitfahrt zeigt. Und 100 Kilometer im realen Straßenverkehr mit dem Energiegegenwert von einem Liter Sprit sind allemal einen Diener wert. Der EQXX verdoppelt die bislang gängige Reichweite quasi durch halb so viel Energieverbrauch. Jetzt muss Mercedes "nur" noch möglichst viel von der Effizienz-Technik von der Straße in die Serie transferieren, dann können die Akkus der Zukunft sogar wieder kleiner werden.

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