Der chinesische Hersteller BYD baut neben Denza fürs Premium-Segment die Luxusmarke Yangwang auf. Die soll wie schon BYD und Denza nach Europa kommen. Mit dem Riesen-Offorader U8 und dem elektrischen Supersportwagen U9. In China stand der Zweisitzer für ein paar Kilometer auf einem Rundkurs bereit.
Leider passt das Wetter am BYD-Test-Center in der subtropischen Stadt Zhengzhou denkbar schlecht zum Erstkontakt mit dem U9. Kräftiger Regen hat den 1,76 Kilometer langen Rundkurs so gut gewässert wie die Bayern den Rasen der Allianz-Arena vor einem Champions-League-Spiel. Die ambitionierte Busfahrt vom Hotel zur Rennstrecke passt zum Spitzensport – viel Emotion, wenig Abstand, keine Kompromisse. Damit kontrastiert das sicherheitsbewusste Briefing an der Rennstrecke: Auf der 550 Meter langen Start-Ziel-Geraden soll der bis zu 391 km/h schnelle Flitzer mit der riesigen Frittentheke auf dem Heck 140 km/h nicht überschreiten. Die Bremspunkte mit den blauen Hütchen seien angesichts der überschaubaren Reibwerte bitte mehr als ernst gemeinte Empfehlungen.
Gleich mal Abflug von der Strecke
Prompt rasselt die Flunder auf den ersten Proberunden gleich mehrmals in die Bande – des Simulators. Dessen Gas- bzw. Strompedal gibt aber auch gar kein Feedback und die Beschleunigung überträgt sich optisch nur bedingt. Bremsen scheint nur Reifen-Quietschgeräusche im Soundgenerator auszulösen (gibt’s hier kein ABS?), aber wenig zu verzögern.
Der reale U9 wartet mit seinen auffällig LED-umrandeten Scheinwerfern wie mit weit aufgerissenen Augen und abgespreizten Scherentüren auf die Piloten. Optisch erinnert er entfernt an McLaren-Modelle, der Heckflügel (optional) kann es locker mit dem des McLaren Senna aufnehmen. Schon der Einstieg erfordert vom Fahrer mit Helm eine gewisse Faltfähigkeit. Auch innen ist trotz mäßiger Körpergröße von 1,84 Metern nach oben nicht viel Platz – dabei ist die elektrische Sitzverstellung schon auf unterster Stufe. Offenbar braucht der 80 kWh große LFP-Akku im Fahrzeugboden etwas mehr von den 1,31 Metern Gesamthöhe, als einer sportlich tiefen Sitzposition zuträglich ist. Da wünscht man sich die Fußgaragen des Porsche Taycan als Sitzgarage herbei.
Carbonscheiben als Spaßbremse
Der Instruktor auf dem Beifahrersitz sagt auf Englisch mit starkem chinesischem Akzent die Richtung an – und sonst nicht viel. Also einfach mal losfahren. Es gibt Schalt-Paddles, aber nur einen Vorwärtsgang. In dem biegen wir auf die Start-Ziel-Gerade und geben Vollstrom. Die Beschleunigung ist beeindruckend, aber nicht so infernalisch, wie es der 0-bis-100-km/h-Wert von 2,36 Sekunden vermuten lassen würde. Das mag an der Regelelektronik liegen – keines der vier angetriebenen Räder zeigt Schlupf, was bei maximal 1.680 Nm Drehmoment nicht verwundern würde. Vielleicht trägt auch die zurückhaltende Geräuschkulisse zum Eindruck moderater Geschwindigkeit bei.
Kurz vor den blauen Hütchen wird der Beifahrer wach: "BRREICK" tönt es von rechts. Bei gut 150 km/h scheint der kleine Zeh auf dem linken Pedal für die Wirkung eines Wurfankers zu genügen. Vor der Kehre am Ende der Geraden tut danach sogar ein wenig Beschleunigung Not – das rechte Pedal reagiert zum Glück weniger empfindlich. Trotzdem gerät das Anpeilen des Scheitelpunkts reichlich unharmonisch.
Aktives Fahrwerk hilft nicht nur beim Springen
In den folgenden Biegungen gelingt die Suche nach der Ideallinie deutlich besser, die zielgenaue Lenkung hilft dabei. Trotz viel Nässe und hohen Gewichts umrundet der U9 auch gefühlt zu schnell angegangene Kehren ohne Untersteuern, Karosserieneigung ist nicht wahrzunehmen. Das mag am aktiven Fahrwerk des Yangwang liegen, das sogar Tanzen und angeblich das Überspringen von Schlaglöchern erlaubt. Tanzen führt BYD bei einer kleinen Performance samt Musik vor, und ein zweiter Instruktor lässt den U9 wenigstens im Stand hüpfen. Woraus beim Fahren wohl ein Springen werden würde.
Mit dem zweiten Mann ist dann auch noch eine weitere Runde möglich. Er legt am Touchscreen zwischen den Sitzen einige Einstellungen fest – ganz nachvollziehen lassen sich die nicht, denn die Menüführung ist chinesisch und der Beifahrer hat flinke Finger. Die Bremse reagiert jedenfalls eher noch taffer als zuvor, verwandelt minimale Pedalwege digital von 0 zu 1 für maximale Verzögerung. Das macht den U9 unangenehmer zu fahren, als es sein müsste. Außerdem erzeugen die Carbon-Bremsen selbst ohne Betätigung eher mehr Geräusche als der Antrieb.
Du kriegst die Tür nicht auf
Aussteigen aus dem U9 hat neben der beengten Öffnung noch eine weitere Herausforderung parat: den Türöffner finden. Es ist ein elektrischer Schalter in der Größe eines für den Fensterheber, und er liegt außerhalb des Blickfeldes speziell von Helmträgern – im Übergang zwischen Dachhimmel und oberer Türbegrenzung. Er trägt ein ziemlich kleines Piktogramm. Das lässt einen zweifeln, ob es der richtige Taster ist. Denn einmal tippen bewirkt im Gegensatz zur Bremse nichts, er will zweimal betätigt werden, um die Tür freizugeben. Sicherheit geht vor. Das sollte sich der Busfahrer zu Herzen nehmen.
