Formel 1: Kolumne Michael Schmidt – Das Chaos hat die FIA selbst verursacht

Kolumne F1-Experte Michael Schmidt
Sehenden Auges in das Chaos

ArtikeldatumVeröffentlicht am 02.06.2026
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George Russell - Mercedes - Formel 1 - GP Kanada 2026
Foto: xpb

Das letzte Rennen in Montreal (24.5.) hat uns zwei Dinge gezeigt: Die Psychologie auf der Strecke ist entscheidend im Titelkampf und dass die Königsklasse die politischen Fehlentscheidungen der Vergangenheit nur mit Not-Operationen lösen will. Was bei Mercedes passiert, ist brandgefährlich. Was beim Motoren-Reglement gepfuscht wird, ist ein hausgemachtes Desaster.

Bei Mercedes beginnt ein neuer "Krieg der Sterne". Den hatten wir bereits zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg. Aber mich erinnert die Situation an Nelson Piquet gegen Nigel Mansell bei Williams 1986. George Russell ging, wie damals Piquet, als Favorit in die Saison. Auch ich hatte den Engländer ganz oben auf dem Zettel. Jetzt wirkt er wie ein angeschlagener Boxer. Seine Beteuerungen, der Aufstieg von Kimi Antonelli mache ihm nichts aus, sind nichts weiter als "lautes Rufen im Wald".

Antonelli ist kein Lehrling mehr, er ist ein Jäger. In Montreal suchte er auf Russells Paradestrecke bewusst die Konfrontation, statt brav die Punkte für Platz zwei im Sprint und Rennen mitzunehmen. Er wollte ihn psychologisch brechen. Antonelli fährt mit Instinkt und hat das bessere Rezept gefunden. Er rekuperiert extrem clever in der frühen Beschleunigungsphase. Das schont die Reifen und macht sein Auto auf der Bremse stabiler. Russell wirkt dagegen am absoluten Limit, sein Auto ist unruhig. Hier schlägt der Instinktfahrer Antonelli den Denker Russell. Weil beide wissen, dass sie im besten Auto sitzen und die historische Chance haben, Weltmeister zu werden, sage ich: Das wird noch knallen.

Das Motoren-Desaster: Ein Reglement für die Tonne

Reden wir Tacheles: Das technische Reglement ist katastrophal schlecht geschrieben. Man hat diesen Zug sehenden Auges auf die Wand zufahren lassen. Der 50:50-Split zwischen Verbrenner und Elektro-Power war ein reiner Marketing-Wunsch der CEOs, der aufkam, weil man unbedingt den Elektro-Motor anpreisen wollte. Technisch ist dieser Wunsch aber brandgefährlich.

Mittlerweile haben wir ein Wirrwarr. Die Formel 1 hat schon verloren, wenn sie Fans Megajoule statt PS erklären muss. Die FIA hätte sich niemals von den Herstellern gängeln lassen dürfen. Jetzt stolpert sie von einer Notlösung in die nächste. Auch mit dem angekündigten Split Richtung Verbrenner von 60:40 ab nächster Saison wird es weiterhin Diskussionen geben. Immerhin haben die Verantwortlichen erkannt, dass man es für (voraussichtlich) 2030 besser machen muss.

Die Zukunft braucht eine radikale Vereinfachung: einen reinen Turbo mit Spritlimit oder einen Sauger mit Hybrid-Power auf Knopfdruck. Der Fahrer muss diese Kraft als Waffe einsetzen, nicht die Elektronik.

Charles Leclerc - Ferrari -  GP Kanada 2026
xpb

Ferrari lauert in Monaco

McLaren hat sich in Montreal mit der Reifenwahl ein strategisches Eigentor geschossen. Nicht der erste dicke Patzer beim Weltmeister-Team. Diese Fehler hätten 2025 beinahe den Fahrertitel gekostet. Der Taktik-Flop in Katar hat fast den Fahrer-Titel riskiert, als die Strategen sowohl Oscar Piastri als auch Lando Norris auf der Strecke gelassen hatten und Max Verstappen seinen Stopp während der Safety-Car-Phase absolvierte. Red Bull lachte sich ins Fäustchen und gewann. Woking muss strategisch dringend nachbessern, sonst macht man sich weiterhin zur Lachnummer.

In Monaco könnte Ferrari deshalb der lachende Dritte sein. Auf keiner anderen Strecke spielt die Motorleistung eine so geringe Rolle. Der Ferrari liegt exzellent in den Kurven. Fällt das Motor-Handicap weg, ist für mich die Scuderia Favorit. Mit Charles Leclerc sitzt zudem ein echter Stadtkursspezialist im Auto. Der Monegasse will den zweiten Heimsieg im Fürstentum. Aufpassen muss er aber auf seinen Teamkollegen: Lewis Hamilton ist in seinem zweiten Ferrari-Jahr deutlich schneller als in der Vorsaison.

Fazit