Rivian R1T Rivian / Jeff Johnson
09/2021, Rivian R1T Erstes Serienauto rollt vom Band
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09/2021, Rivian R1T Erstes Serienauto rollt vom Band
Rivian R1T EV Pickup 18 Bilder

Elektro-Pickup Rivian R1T: Das erste Serienauto rollt vom Band

Serien-Produktion des Rivian R1T gestartet Hier rollt der erste US-Elektro-Pickup vom Band

Trotz langer Verzögerung gewinnt der Rivian R1T das Rennen gegen Cybertruck, F-150 Lightning und Co. Hat sich der Firmenchef selbst das erste Serienauto gekrallt?

Eigentlich sollten die ersten in Serie gebauten US-Pickups mit reinem Elektroantrieb schon seit geraumer Zeit über Nordamerikas Straßen fahren. Ob etablierte Hersteller wie Tesla oder Startups vom Schlage Bollinger, Lordstown oder Atlis: Sie alle formulierten forsche Ankündigungen, nach denen ihre Elektro-Pritschenwagen längst zuhauf von den Montagebändern rollen müssten. Allerdings verharren die genannten Projekte entweder weiterhin im Prototypen-Stadium, drehen sich in der Entwicklung im Kreis oder sind aufgrund von – meist finanziellen – Problemen weitgehend zum Erliegen gekommen. Und die ersten Elektro-Pickups der "Großen Drei" US-Hersteller lassen entweder noch Monate (GMC Hummer EV: Ende 2021; Ford F-150 Lightning: Frühjahr 2022) oder gar Jahre (der Ram 1500 BEV ist für 2024 geplant) auf sich warten.

Selbstbewusste Ankündigungen gab es von Rivian Automotive ebenfalls. Auch dieses Startup konnte sie nicht halten, denn es hatte wegen des Coronavirus und dem damit verbundenen Halbleitermangel mit Verzögerungen zu kämpfen. Trotzdem kommt das von RJ Scaringe gegründete und geleitete Unternehmen den teilweise namhaften Konkurrenten zuvor und ist nun der erste Hersteller, der in den USA einen rein elektrisch angetriebenen und in Serie produzierten Fullsize-Pick-up auf den Markt bringt.

Ist Scaringe selbst der erste Kunde?

Etwa ein Jahr später als ursprünglich geplant rollte nun das erste in der Stadt Normal, US-Bundestaat Illinois, gebaute Serienauto vom Band. "Die gemeinsamen Anstrengungen unseres Teams haben diesen Moment möglich gemacht", schreibt Scaringe beim Kurznachrichtendienst Twitter. Die im Zuge dessen veröffentlichten Bilder legen nahe, dass das Erstlingswerk direkt in seinen Besitz übergegangen ist. Mit gepacktem Koffer und im Kreise seiner Familie scheint der Firmenchef auf die kurz bevorstehende Übergabe des blauen R1T zu warten.

09/2021, Rivian R1T Erstes Serienauto rollt vom Band
Rivian Automotive / @RJScaringe / Twitter
Der erste R1T scheint direkt in den Familienbesitz des Firmengründers und -chefs RJ Scaringe überzugehen.

Auch von argen finanziellen Problemen, wie sie einige Konkurrenten kennengelernt haben, scheint Rivian verschont geblieben zu sein. Immer wieder sammelte das Unternehmen in Finanzierungsrunden genug Geld ein, um seine Projekte vorantreiben zu können. Jüngst wurden auf einen Schlag 2,5 Milliarden US-Dollar (gut 2,1 Milliarden Euro) in Rivian investiert. Mit dabei: US-Starinvestor George Soros. Bereits im Februar 2019 hatte sich Amazon mit 700 Millionen US-Dollar an Rivian beteiligt. Der Online-Händler hat das Investment mit einer Bestellung von Elektro-Lieferwagen verknüpft, die ursprünglichen Plänen zufolge ab Jahresende 2021 ausgeliefert werden sollten. Aber auch diese Pläne verzögern sich: Von den Transportern ist bisher nichts zu sehen; die Fertigungslinien sind vorerst für den Pickup und den weitgehend baugleichen SUV R1S (kommt im Herbst) reserviert.

Rivian R1T im typischen US-Pickup-Format

Der aus Aluminium, hochfesten Stählen und Karbon gefertigte Rivian R1T tritt mit seiner Doppelkabine und vier Türen im typischen US-Pickup-Truck-Format an. Er ist 5,54 Meter lang, mit eingeklappten Außenspiegeln 2,01 Meter breit sowie 1,83 Meter hoch und bietet einen Radstand von 3,43 Meter. Knappe Überhänge vorne und hinten sowie eine von 20 bis knapp 37 Zentimeter variable Bodenfreiheit dank verstellbarer Luftfederung sollen für ausreichend Geländetauglichkeit sorgen. Den vorderen Böschungswinkel gibt Rivian mit 34, den hinteren mit 29,3 Grad an. Der Rampenwinkel beträgt 25,7 Grad, die Wattiefe soll knapp einen Meter betragen. Dank des tiefen Gesamtschwerpunkts liegt die Steigfähigkeit bei beachtlichen 45 Grad.

Rivian R1T Extended Cab
Rivian
Prototyp mit verkürzten hinteren Türen.

Der R1T scheint aber auch mit einer etwas kleinerer Extended Cab zu kommen. Das zumindest verheißen von Rivian veröffentlichte Bilder von Erprobungsmodellen. Darauf ist klar eine Version mit verkürzten hinteren Türen zu erkennen, die weiterhin vorne angeschlagen sind. Ob mit den kürzeren Türen auch der Radstand des Trucks verkürzt wird bleibt unklar. Auch wie sich die Sitzplatzverhältnisse in der Kabine ändern bleibt im Dunkeln.

Bis zu 644 Kilometer Reichweite

Rivian nutzt eine Skateboard-Architektur, um – neben den Antriebskomponenten – das komplette Batteriepaket unterzubringen. Das ist je nach Konfiguration 105, 135 oder 180 Kilowattstunden groß. Die Reichweiten sind wie folgt gestaffelt: Die ersten angebotenen R1T-Exemplare mit der mittleren Akkugröße sollen Werksangaben zufolge 483 Kilometer schaffen. Die US-Umweltbehörde EPA bescheinigt dem Pick-up nach ihrer offiziellen Messung sogar einen Aktionsradius von 505 Kilometern. Die Versionen mit 402 und 644 Kilometern Reichweite folgen später. Batterie- und sonstige Upgrades sollen over-the-air möglich sein. Neue Energie sollen die Batterien per Schnellladung mit bis zu 160 Kilowatt bunkern können. In 50 Minuten sind 80 Prozent der Kapazität geladen, in 30 Minuten soll genug Strom für rund 320 Kilometer fließen.

Den Antrieb übernehmen vier Elektromotoren, je einer an jedem Rad. Die Leistung der Einzelmotoren wird mit 147 kW angegeben, die Systemgesamtleistung mit 588 kW (800 PS). Das Gesamtdrehmoment liegt zwischen 560 und 1.120 Newtonmetern. Das erlaubt eine Besonderheit: Wie ein vom Hersteller veröffentlichtes Video zeigt, kann der R1T – wie ein Panzer – auf der Stelle wenden. Bestückt mit der Top-Konfiguration soll der knapp 2,7 Tonnen schwere Rivian in etwa drei Sekunden von null auf 60 mph (96,6 km/h) spurten. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 200 km/h.

Viel Stauraum im Rivian R1T

Als Nutzlast werden 800 Kilogramm angegeben, die Anhängelast soll knapp fünf Tonnen betragen – wird sie komplett ausgereizt, schrumpft die Reichweite allerdings auf die Hälfte. Die Ladefläche mit elektrischer Heckklappe misst 1,37 mal 1,30 Meter. Zusätzlich bietet der Rivian einen abgedeckten, 312 Liter großen Laderaum unter der vorderen Haube sowie ein Tunnelfach hinter der Doppelkabine, das 337 Liter fasst. Dessen Türen können auch als Trittbretter genutzt werden. Optional lässt sich der R1T zudem mit allerlei Gimmicks ausrüsten. Einer Camping-Küche zum Beispiel, oder Ladeanschlüssen für Handys, Taschenlampen und E-Bikes, die mit praktischen Streben sicher auf der Ladefläche verstaut werden können.

Rivian R1T Camping Küche
Rivian
Rivian will einiges an Zubehör anbieten, mit dem sich der R1T zum perfekten Camping-Mobil aufrüsten lässt.

Der fünfsitzige Innenraum bietet serienmäßig ein großes Glasdach sowie mehrere große Touchscreens. Einer dient als Kombiinstrument, der andere als Infotainment-Zentrale. Über einen dritten Touchscreen können sich die Fondpassagiere Einstellungen konfigurieren. Auf dem Weg ins Gelände soll der Rivian R1T irgendwann nach Level 3 autonom fahren können. Anfangs arbeiten die serienmäßigen Assistenzsysteme, die auf Highways einige selbständiges Fahren inklusive Spurwechsel erlauben, mit zwölf Ultraschall- und fünf Radarsensoren sowie elf Kameras, die eine komplette 360-Grad-Sicht abbilden, und Lidar-Technik.

Launch Edition ab 75.000 Dollar

Nun stehen auch die Preise fest. Wie inzwischen in der Autobranche üblich, kommen die ersten R1T-Exemplare in einer Launch Edition auf den Markt. Für 75.000 Euro (umgerechnet 61.500 Euro) gibt es den Elektro-Pickup mit dem Offroad-Upgrade samt verbessertem Unterfahrschutz, zwei robusten Abschlepphaken in der vorderen Stoßstange und Druckluft-Kompressor. Außerdem und unter anderem an Bord: eine elektrische und abschließbare Ladeflächen-Abdeckung, ein 360-Grad-Surround-Soundsystem, Akzente aus Eschenholz sowie beheizte und belüftete Sitze, deren Bezüge aus veganem Leder bestehen. Zudem können die Kunden wählen, ob sie 20-Zoll-Felgen mit Offroad-Bereifung oder 22-Zoll-Räder mit Sport-Pneus haben möchten.

Rivian R1T EV Pickup
Newspress
Rivian stellte seinen Elektro-Pickup R1T bereits bei mehreren Automessen vor.

Während die Launch Edition bereits vergriffen ist, können sich die Vorbesteller – nach Hinterlegung von 1.000 Dollar – weiterhin für die beiden anderen verfügbaren Modellvarianten entscheiden. Die erst ab 2022 erhältliche Adventure-Variante kostet 73.000 Dollar (knapp 60.000 Euro) und verfügt über eine weniger gut bestückte Serienausstattung. Zum selben Zeitpunkt kommt das Einstiegsmodell mit dem Namenszusatz "Explore" auf den Markt. Zum Basispreis von 67.500 Dollar (gut 57.000 Euro) zeigt sich dessen Grundausstattung jedoch deutlich abgespeckt. Rivian nutzt ein ehemaliges Mitsubishi-Werk, um seine Fahrzeuge und die dazugehörigen Batterien zu bauen. Anfangs sollen 20.000 Autos pro Jahr gebaut werden. Danach ist geplant, die Produktion auf 50.000 Einheiten jährlich zu steigern.

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Nein, wahrscheinlich zu schwer, zu teuer, zu geringe Reichweite.

Fazit

Nach allen Rückschlägen läuft es derzeit gut für Rivian: Die Serien-Produktion ist nun gestartet, und auch die US-Umweltbehörde EPA hat eine gute Nachricht: Die offizielle Reichweite des Elektro-Pickups ist sogar besser als vom Hersteller versprochen. Die Vorzeichen stehen also gut, dass Rivian mit dem R1T einen zwar verspäteten, aber dann doch guten Start hinlegen kann.

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