Probefahrt Audi 100 LS damals und heute

Der Audi, der von Mercedes kam

Audi 100 LS Foto: Frank Herzog 16 Bilder

Der Audi 100 LS im Spiegel der Zeit: 1969 testete Gert Hack den Audi, der eine starke Verbindung zu Mercedes-Benz hat. Alf Cremers setzt sich mehr als 40 Jahre später hinter das filigrane Lenkrad.

 

Gert Hack war von dem Nischen-Auto mit den vier Ringen, das die Lücke des kleinen Mercedes füllt, sehr angetan. nur der laute Motor störte ihn: "Der Audi 100 ist ein völlig neu entwickeltes Auto der gehobenen Mittelklasse, bei dem allerdings die bewährte Baukonzeption der kleinen Audi-Typen übernommen wurde. Karosseriequalität, Temperament und Fahrkomfort sind beim Audi 100 LS außergewöhnlich gut.

Audi 100 zum Preis von 9.000 bis 10.000 Mark

Der Audi 100 stößt vom Preis und von der Größe her in eine Lücke, die Mercedes-Benz kampflos aufgegeben hatte und die das Volkswagenwerk nicht zu füllen vermochte. Allerdings ist diese Lücke nicht groß. Sie reicht von etwa 1.600 bis 2.000 Kubik und liegt in einer Preisklasse zwischen 9.000 und 10.000 Mark. Raum, Komfort, gute Fahrleistungen und eine anspruchsvolle Technik sollte der Käufer für dieses Geld verlangen können.

Die Auto Union hat sich größte Mühe gegeben, mit dem Audi 100 diesen Käuferwünschen gerecht zu werden. Bei dem Entwurf der Karosserie hielt sich die Auto Union von gewagten Styling-Experimenten weitgehend fern. In seiner Formgebung erinnert der Audi 100 unverkennbar an das zurückhaltende und dezente Mercedes-Styling. Die Gürtellinie die Fensterflächen sind entsprechend groß. Vorn und hinten halten sich die Überhänge beim Audi 100 in erträglichen Grenzen, wodurch die äußere Form durchweg wohlproportioniert wirkt.

Auch Innenraum und Kofferraum des Audi 100 sind außergewöhnlich gut bemessen. Vier Personen haben sehr viel Bewegungsfreiheit, und selbst fünf Insassen sind noch kommod untergebracht. Die Türen sind man vorn und hinten bequem einsteigen kann. Die Innenausstattung bietet eine freundliche Wohnlichkeit. Die Sitze sind mit angenehmen Cordsamtstoffen bezogen. Instrumentenbrett und Lenkrad wurden mit Bété- Holzfurnier ausgelegt.

Aufwändige Machart

Sehr viel Mühe hat man sich auch mit dem besonders ausgeklügelten und wirksamen Heizungs- und Lüftungssystem gegeben, das bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h einen maximalen Luftdurchsatz von 10 Kubikmeter pro Minute schafft. Ein stufenlos regelbares Gebläse unterstützt bei Bedarf den Fahrtwind. Die Instrumentierung des Audi 100 ist übersichtlich und einfach, auf Wunsch kann ein kleiner Drehzahlmesser eingebaut werden. Links und rechts von der Instrumentengruppe befinden sich die wichtigsten Schalter für Licht und Scheibenwischer. Immerhin hat man sich in Ingolstadt zu einer modernen Wisch-Waschautomatik entschlossen. Eine Intervallschaltung kostet freilich extra.

Insgesamt machen die Ausstattung des Audi 100 und die Karosseriequalität einen sehr guten Eindruck. Ein „kleiner Mercedes“ könnte kaum besser sein. Beibehalten wurde der bewährte Vierzylinder-Viertaktmotor, ehemals als „Mitteldruckmotor“ kreiert, der im Audi 100 in drei verschiedenen Leistungsstufen lieferbar ist.

Mitteldruckmotor in drei Leistungsstufen

Im einfachen Modell (Audi 100), leistet der Motor 80 PS und kommt mit Normalbenzin aus. Mit höherer Verdichtung (10,2) kommt der Motor auf 90 PS (Audi 100 S) und im LS schließlich gibt das gleiche Triebwerk mit einem Registervergaser 100 PS bei 5.500/min ab und entwickelt ein beachtliches Drehmomentmaximum von 15,3 mkg bei 3.200/min. Alle drei Variationen besitzen den Hubraum von 1.760 cm3.

Der Motor, ursprünglich eine Konstruktion von Daimler-Benz, ist mit 84,4 mm Hub keineswegs kurzhubig. Auch der Audi 100 ist ein Frontantriebsauto geblieben und belastet mit seinem weit vor der Vorderachse eingebauten Motor die Antriebsräder ganz erheblich.

Die Batterie wurde beim Audi 100 nach hinten unter die Rücksitzbank verlegt, damit bleibt das Gewichtsverhältnis mit 59:41 im Rahmen, und die Untersteuerungstendenz konnte durch geeignete Fahrwerksmaßnahmen gut abgebaut werden. Die Vorderachse hat sich gegenüber den kleinen Audi-Typen 60, 75 und Super 90 gewandelt. Zwar übernehmen die Radführung nach wie vor je zwei Querlenker, doch erfolgt die Federung nun über Federbeine statt Drehstäbe.

Leichtgängige Schaltung, servofreie Lenkung

Stark verbessert wurde auch die relativ indirekte Zahnstangenlenkung, die eine variable Übersetzung und – bei den Modellen Audi 100 S und LS – einen Lenkungsdämpfer erhielt. Die hohe Lenkübersetzung 21,5:1 in der Mittellage macht die Lenkung leichtgängig und stoßunempfindlich. Wir halten sie für einen guten Kompromiss, der trotz hoher Vorderachslast eine Servolenkung entbehrlich macht. 

Auch die Schaltung des Audi 100 arbeitet exakt und einigermaßen leichtgängig. Bei der Hinterradaufhängung blieb man der geschleppten Rohrachse treu, die einen extra Stabilisator bekam.

Hoher Fahrkomfort mit kleinen Einschränkungen

Die Vorteile dieser drehstabgefederten Radaufhängung sind ihre leichten ungefederten Massen. Am meisten beeindruckt der hohe Federungskomfort, der den neuen Audi 100 gleichwertig in die Reihe französischer Komfortautos stellt. Zwar kennt der Audi nicht das samtartige Hinwegrollen über kleine und kleinste Unebenheiten. Große und mittlere Unebenheiten werden tadellos verarbeitet.

Als überraschend Komfort schmälernd erwiesen sich die sonst so gut aussehenden Kunstledersitze des Testwagens. Die serienmäßigen Cordpolster sind in jeder Hinsicht angenehmer. In der Stadt ist der Audi 100 nicht gerade der handlichste. Hier machen sich die üppigen Außenmaße, der große Wendekreis (11,5 m) und die stark belasteten Vorderräder beim Rangieren nachteilig bemerkbar.

Überzeugende Fahreigenschaften

Ungewöhnlich gut sind die Fahreigenschaften. Von einer ausgeprägten Untersteuerneigung kann nicht mehr die Rede sein, der Audi 100 zieht ziemlich neutral seine Bahn. Zu den Vorteilen des Frontantriebs und des vorn liegenden Schwerpunkts zählen auch die gute Richtungsstabilität und die Unempfindlichkeit gegen Seitenwind. Bei alledem muss betont werden, dass die Fahreigenschaften keineswegs unsportlich sind, sondern eine gelungene Synthese von Sportlichkeit und Komfort darstellen.

Aus dem komfortablen Rahmen fällt der Motor etwas heraus. Noch nie war Laufruhe eine Tugend dieses Triebwerks, doch im Audi 100 fällt ein solcher Mangel besonders auf. Der lange Hub, die hohe Literleistung (ca. 57 PS pro Liter) und die hohe Verdichtung sind die Hauptursachen für den etwas ungepflegten Motorlauf, der besonders in den oberen Drehzahlen deutlich wird.

Spitzenstellung unter den Mittelklassewagen

Doch hat der Motor des Audi 100 auch seine guten Seiten. Hier wäre an erster Stelle das günstige Leistungsverhalten zu nennen, das in jedem Drehzahlbereich gute Durchzugskraft und hohe Elastizität bietet. Es ist ein ausgesprochen leistungsfroher Motor, der diesem relativ großen und nicht gerade leichten Auto zu erstaunlichen Fahrleistungen verhilft. Man muss dem Audi 100 LS überdurchschnittliches Temperament bescheinigen, das mit der dank günstigem Luftwiderstand beachtlichen Höchstgeschwindigkeit von 174 km/h hohe Reisedurchschnitte zulässt.

Dabei wird noch eine weitere positive Seite des Audi-Motors deutlich. Wenn man nicht ständig Volllast fährt, ist sein Spritbedarf kaum über 13 Liter/ 100 km zu bringen. Der Audi 100 ist keine Sensation auf dem Automarkt, dazu ist seine Konzeption zu konventionell und sein Image zu unauffällig. Dennoch hat der Audi 100 das Zeug zum Erfolgsauto. Denn in der Summe seiner Qualitäten nimmt er unter den derzeitigen Mittelklassewagen eine Spitzenstellung ein.

Audi mit Parallelen zu Mercedes

Es steckt viel Mercedes im ersten Audi 100, der intern F 104 genannt wird. Stilistisch sind Parallelen zum Strichacht kaum zu übersehen. Der Vierzylinder- Viertaktmotor mit dem Codenamen Mexiko wurde einst bei Daimler-Benz entwickelt, und Audi-Vater Ludwig Kraus war früher Rennwagen-Konstrukteur in Stuttgart-Untertürkheim.

Er hat sie gründlich satt, die ewigen Vergleiche mit Mercedes. Er möchte auch nicht länger als kleiner Mercedes gehätschelt werden. Dafür ist er zu erwachsen, außerdem verfügt er über Frontantrieb, eine Torsionskurbelachse hinten und eine neuartige computerberechnete Leichtbau- Karosserie, das hatte damals noch kein Daimler.

Audi 100 mit gediegenerer Innenausstattung als Mercedes Strichacht

Dem 200er-Strichacht, seinem unfreiwilligen Zwilling, hat er die gediegenere Innenausstattung und den temperamentvolleren Motor voraus. In sieben Jahren verkauft er sich 827 474 Mal wird ein Erfolgsmodell – ganz so, wie es Gert Hack in seinem ersten Test 1969 schon prophezeit. Er ist ein echter Audi, der erste ohne stilistisches und technisches DKW-Erbgut, aber die Mercedes- Gene kann der Audi 100 dennoch nicht verleugnen.

Von 1958 bis 1965 gehörte die Auto Union zu Daimler-Benz. Konstrukteur Ludwig Kraus brachte einen nicht ganz ausgereiften Viertakt-Mitteldruckmotor als Mitgift in die neue Ehe mit VW ein. Aus diesem OHV-Triebwerk und der modernen Ponton-Karosserie des DKW F 102 entstand die kleine Audi-Modellreihe 60, 75 und Super 90. Der Audi 100 folgte als logischer Schritt nach oben, in Richtung BMW und Mercedes.

Ölstand beachten

Rauchblau ist der zweitürige Audi 100 LS Automatic von 1972, den ich an einem schönen Sommertag in Ingolstadt fahren darf, um mich auf die Spuren des alten Tests zu begeben. Es ist ein Wiedersehen mit einem Jugendfreund, alles wirkt so vertraut, man hat sich viel zu erzählen. Der nagelnde Motorlauf nach dem Kaltstart, die hohem Türschwellen beim Einstieg, das melodische Quietschen des Kofferraumdeckels beim Öffnen, die schwer in den Händen liegende Motorhaube. Es galt sie oft zur Ölstandskontrolle hochzuwuchten.

Motoröl, am liebsten 20 W 40, mag der grundsolide Vierzylinder mit dem üppig dimensionierten Kurbeltrieb gern. Selbst die Betriebsanleitung gönnt ihm offiziell 0,15 Liter auf 100 km. Der sparsame Mitteldruckmotor mit den Muldenkolben und dem schneckenartigen Ansaugkanal mag trotz seiner ausgeprägten Drehfreude keine langen Vollgas-Etappen.

Mir brach damals auf der Autobahn, genau wie dem Dauertest-100 LS von auto motor und sport, eine Stößelstange, humpelnd und bläuend fuhr ich auf drei Zylindern nach Hause. Dieses Trauma hält bis heute an. Seitdem gilt für mich privat das eiserne Drehzahllimit von 4.000/min.

Der Rauchblaue ist ein seltener Zweitürer mit angedeuteter Coupé- Linie. Wie Gert Hack finde ich, dass dem Audi 100 vier Türen besser stehen.

Charakteristischer Sound

Bei meinem 100 LS empfand ich die Viergang-Knüppelschaltung oft als zu elastisch, sehnte mich insgeheim nach der Automatik, erst mit Borg Warner Synchronisierung wurde sie zuletzt spürbar besser. Die Dreigang-Wandlerautomatik des rauchblauen Audi 100 stammt aus dem VW-Regal, sie wird über einen filigranen Wählhebel dirigiert, den man entweder drücken oder ziehen muss.

Sofort registriere ich den kleinen Drehzahlmesser über dem Lenkrad. Endlich weiß ich jetzt, dass der dumpf grollende Motor zwischen 2.500 und 3.000 Touren am besten klingt, bevor er allmählich in ein heiseres Heulen übergeht. Ich finde, er hat einen schönen, charakteristischen Sound, eben typisch Audi.

Unangenehm laut wird der Langhuber des Audi 100 erst oben heraus, doch seine Drehfreude lässt dabei nicht nach, die kurz zulässige Höchstdrehzahl von 6.200/min ist für einen Stoßstangenmotor beachtlich. Für mich bleibt dies für immer eintheoretischer Wert. Schließlich hat der Wagen es bei mir einen Tag lang gut, bevor er wieder ins Depot der Audi-Tradition wandert.

Schluckfreudige Drehstabfederung und agile Automatik

Schiebedach auf, Seitenscheiben runter, nur die rutschigen Kunstledersitze stören. Warmgefahren geht der Audi 100 aus sich raus, das lästige Nageln ist längst verschwunden. Sanft nimmt das komfortable Fahrwerk mit der schluckfreudigen Drehstabfederung hinten auch wellige Straßen unter seine Räder.

Von mir kommen keine rüden Kickdown-Befehle, D bleibt drin. Schärferes Beschleunigen, um kurz zu zeigen, was in ihm steckt, erledigt ein rascher Shift auf Stufe S. Große Drehzahlsprünge beantwortet das VW-Getriebe des Audi 100 mit deutlichem Rucken, Opel baute damals geschmeidigere Automaten.

Servolenkung braucht der Audi 100 nicht

Die Lenkung des Audi 100 kommt gut ohne Servohilfe aus, ich habe Freude an der etwas indirekten Kurbelei, so wird der große Wagen auch spürbar. In schnell gefahrene Kurven untersteuert er kräftig, mehr als es wohl damals Gerd Hack empfand. Sein Nachfolger, der Audi 100 Typ 43, kann fast alles besser, wird dank Ferdinand Piëchs Ehrgeiz zum Klassenprimus. Doch der Urtyp hat viel mehr Charisma und bietet auch ein besseres Qualitätsgefühl. Er bleibt ein  liebenswertes Auto mit kleinen Schwächen

Technische Daten
Audi 100 LS
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4625 x 1729 x 1421 mm
Hubraum / Motor 1760 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 74 kW / 100 PS bei 5500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 170 km/h
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