Nachdem das Wochenende von Miami etwas Hoffnung auf eine spannende Formel-1-Saison gemacht hatte, sorgte Mercedes in Montreal wieder für klare Verhältnisse. Zumindest am Rennsonntag wurde schnell deutlich, dass nur einer der beiden Silberpfeil-Piloten für den Siegerpokal infrage kommen würde.
Auch ohne den Fehler mit den Intermediates am Start, hätte McLaren an diesem Tag nicht um die obersten Plätze auf dem Podium kämpfen können. Oscar Piastri und Lando Norris bekamen ihre Vorderreifen nicht auf Temperatur. Die Folge waren regelmäßige Verbremser auf dem kühlen und relativ glatten Asphalt.
Bei Ferrari hatte Charles Leclerc das gleiche Problem. Nur Lewis Hamilton war in der Lage, die Pace einigermaßen mitzugehen. Auf drei Zehntel pro Runde schätzten die Mercedes-Ingenieure den Rückstand der roten Göttin. Red Bull war noch ein Tick langsamer, auch wenn Max Verstappen den Kampf um Rang zwei mit seiner fahrerischen Klasse lange offen hielt.
Reifentemperaturen im grünen Bereich
Die beiden Mercedes hatten keine Probleme, die Reifen ins Arbeitsfenster zu bekommen. Schon auf dem Weg in Startaufstellung und den beiden Extra-Formationsrunden wurden die Daten der Sensoren von den Ingenieuren mit Spannung beäugt. "Da haben wir schnell festgestellt, dass die Temperaturen nach oben gingen. Das war die richtige Richtung. Damit wussten wir, dass es keine Probleme geben sollte."
Die Kaltfront in Montreal war schon lange vorher von den Meteorologen angekündigt worden. Die meisten Top-Teams entschieden sich deshalb, die weichen Reifen für den Start aufzuschnallen. Die Pirelli-Prognosen sprachen eigentlich eher von einem Einstopp-Rennen mit Medium und Hards. Der Verschleiß der Gummis war aber kein großes Thema.
Dass Mercedes mit dem Setup schon am Samstag für das Rennen vorgebaut hatte, deutete George Russell nach der Qualifikation an: "Wir haben ein paar Änderungen am Auto vorgenommen. Da müssen wir mal schauen, ob das in die richtige Richtung ging. Diese Änderungen haben wir wegen der Vorhersage für morgen durchgeführt. Das könnte uns heute etwas geschadet haben."

Durch die Kälte kamen in Montreal plötzlich die Soft-Reifen ins Spiel.
Felgen-Aufheizung verstärkt
Genauer wollte der Brite nach seiner erfolgreichen Fahrt auf die Pole-Position nicht auf das Thema eingehen. Mit etwas Nachbohren konnten wir dennoch in Erfahrung bringen, wie Mercedes auf den drohenden Kälteeinbruch reagiert hatte: Die Ingenieure verstärkten den Effekt der Felgen-Aufheizung.
Dabei wird die Abwärme der Bremsen so geschickt auf die Felgen übertragen, dass die Reifenkarkasse von innen aufgeheizt wird. Normalerweise versuchen die Teams die Reifen durch das individuelle Felgendesign eher abzukühlen. In diesem Fall wurde die Verkleidung der Bremsen so verändert, dass mehr heiße Luft in die Felgen geleitet wird.
Offenbar hat Mercedes hier ein cleveres System entwickelt, mit dem die Aufheizung schrittweise gesteuert werden kann. Das ist erst seit dieser Saison möglich. In den letzten Jahren schrieb die Formel 1 noch Standardfelgen vor. Jetzt dürfen die Teams ihre eigenen Designs an den Start bringen.

Nach dem Ausfall von Russell hatte Antonelli leichtes Spiel.
Weniger Hitze durch die Bremsen
Die neuen Felgen haben laut Pirelli zur Folge, dass die Piloten ihre Reifentemperaturen nun deutlich besser im Griff haben. Normalerweise besteht aber eher die Gefahr, dass sich die Reifen zu stark aufheizen. Das Ziel der neuen Felgen ist also eher, die Temperaturen runterzubringen, damit sich auch der Luftdruck während der Fahrt nicht so stark erhöht.
Unterstützt wird der Kühl-Effekt von den Bremsen auf der Hinterachse, die durch die neuen Hybrid-Antriebe deutlich weniger gefordert sind. Durch die Verzögerung des Motors bei der Rekuperation werden die nun deutlich kleineren Karbon-Scheiben kaum noch ans Limit gebracht. Entsprechend weniger Hitze ist vorhanden, die sich auf die Felgen übertragen kann.
Dass wie in Kanada plötzlich möglichst warme Reifen gefragt sind, kommt eher selten vor: "Es hat bei uns gereicht, die Reifen ins Arbeitsfenster zu bekommen, auch wenn wir eher im unteren Bereich des Arbeitsfensters lagen", erklärten die Mercedes-Ingenieure. "Bei Lewis Hamilton lagen die Temperaturen noch einen Tick höher. Das konnte man gut daran erkennen, dass er mit den Medium-Reifen konkurrenzfähiger war als mit den Softs."












