Die Formel 1 befindet sich gerade in einer kniffligen Situation. Von allen Seiten hagelt es Kritik an den neuen Regeln. Die Fahrer beklagen sich über zu wenig Vollgas-Action im Qualifying und Probleme mit der Sicherheit im Rennen. Vielen Fans ist der große Einfluss des Energie-Managements und die daraus resultierenden Überholmanöver zu künstlich.
Nur Formel-1-Boss Stefano Domenicali glaubt, dass die Formel 1 aktuell gar keine Probleme hat und die meisten Fans mit der Show zufrieden sind. Die Reaktionen in den sozialen Netzwerken vermitteln jedoch einen anderen Eindruck. Im Gegensatz zu Domenicali muss die FIA das Produkt nicht verkaufen. Deshalb sehen die Regelhüter die Angelegenheit etwas realistischer.
Mit dem Maßnahmenpaket für Miami wurde bereits eine kleine Kurskorrektur vorgenommen. Aber selbst die Verantwortlichen, die an den Diskussionen der vergangenen Wochen beteiligt waren, sprechen hier nur von einem Kompromiss. Die Gespräche seien konstruktiv verlaufen, am Ende habe man sich aber wie üblich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt.
Forderung nach mehr Verbrenner-Power
Dass jetzt mit einem Schlag beim nächsten Rennen plötzlich alle happy sind, daran glaubt eigentlich keiner. Für einen echten Befreiungsschlag sehen die meisten Experten nur eine Lösung: Den Power-Split muss wieder mehr in Richtung Verbrenner und weg vom Elektro-Antrieb verschoben werden.
Diesen Ansatz unterstützt auch FIA-Technikchef Nikolas Tombazis: "Es stimmt, dass man bei einem Verhältnis unter einer bestimmten Grenze Probleme mit dem Energie-Management bekommt. Das wussten wir vom ersten Tag an. Wir haben daran gearbeitet, viele dieser Kompromisse abzumildern."
Der oberste Ingenieur in Reihen des Weltverbands gibt zu, dass man die Situation aber nicht ganz so extrem erwartet hatte: "Die Autos sind etwas schneller und die Teams haben etwas mehr Abtrieb gefunden, als wir gedacht hatten. Deshalb wird während der Bremsphasen etwas weniger Energie rekuperiert, als wir gerne hätten", bedauert der Techniker.

Die Erhöhung der Benzindurchflussmenge hätte Änderungen der Hardware zur Folge. Einige Ingenieure sprechen von 2028 als frühestem Datum für die Umsetzung.
Hardware-Änderung nötig
Mittlerweile sind sich die meisten Experten einig, dass der ursprünglich angepeilte Power-Split von 50/50 keine Zukunft hat. Dank der guten Entwicklungsarbeit in den Motorenfabriken liegt das Verhältnis schon jetzt eher bei 55/45 zu Gunsten des Verbrenners. Um für eine spürbare Entspannung zu sorgen, müsste der V6-Turbo aber mindestens 60 Prozent zur Gesamtleistung beitragen.
Um das in die Realität umzusetzen, wäre die Erhöhung der Benzindurchflussmenge die naheliegendste Stellschraube. Sie ist aktuell streng limitiert. Damit wollte die FIA sicherstellen, dass die Teams nicht zu viel schweren Sprit mit sich herumschleppen. Die Königsklasse sollte eine Formel bleiben, in der ein effizienter Umgang mit der Energie belohnt wird.
Jetzt nachträglich doch noch einmal an der Benzin-Stellschraube zu drehen, hätte jedoch Änderungen an der Hardware zur Folge. Mehr Power bedeutet eine höhere Belastung der Komponenten und mehr Kühlbedarf. Darauf sind die aktuellen Motoren nicht ausgelegt. Außerdem müssten die Teams größere Tanks in ihre Autos bauen. "Das geht nicht so einfach mit dem Argument der Sicherheit. Und das wäre auch nicht für Miami realistisch gewesen", erklärt Tombazis.

Mercedes hat aktuell das stärkste Paket. Die Bereitschaft, jetzt die Regeln zu ändern, hält sich verständlicherweise in Grenzen.
Teams verfolgen eigene Agenda
Die Frage lautet, wann die Maßnahme frühestens durchgeführt werden könnte. Und wie die Hersteller dazu stehen. Jan Monchaux, der als Technik-Direktor der FIA für alle Formel-Serien verantwortlich ist, verrät auf Anfrage von auto motor und sport, dass hinter den Kulissen bereits über das Thema diskutiert wurde.
"In den Gesprächen lag es auf dem Tisch, den Elektro-Anteil zu reduzieren und mehr Benzindurchfluss zu erlauben. Dafür wäre aber eine sogenannte Super-Mehrheit notwendig gewesen. Das heißt, die meisten Hersteller müssten mitgehen. Das haben sie aber nicht. Und wir können das nicht über die Köpfe entscheiden. Das ist auch der Grund, warum es kein Teil des Pakets ist", erklärt der Schweizer.
Um die Erhöhung des Benzindurchflusses für 2027 zu erreichen, müssten vier der fünf Motorenhersteller zustimmen. Doch die Power-Unit-Lieferanten verfolgen nur ihre eigenen Interessen: "Einer denkt, ich habe damit einen Vorteil. Der andere denkt, ich gewinne gerade Rennen, also will ich gar nix ändern. Und der Dritte sagt, ich brauche 16 Monate, um einen neuen Motor zu entwickeln und 2027 ist nicht realistisch", so Monchaux.
Ohne eine schnelle Entscheidung in diesem Punkt wird sich für die kommende Saison nichts ändern. Die grundlegende Architektur der neuen Autos muss noch vor der Sommerpause festgelegt werden. Bei den Antriebseinheiten sorgen die komplexe Technik, das Kostenlimit und ausgiebige Prüfstandsläufe für lange Vorlaufzeiten. Man kann als Fan nur hoffen, dass der Leidensdruck irgendwann so groß wird, dass sich die Verantwortlichen wenigstens für 2028 zu dem Schritt durchringen können. Zum Wohle der Formel 1.












