Formel 1: "Der spielt Psychospielchen" – Michael Schmidt zum Mercedes-Duell

Interview mit F1-Experte Michael Schmidt
„Der spielt jetzt seine Psychospielchen“

ArtikeldatumZuletzt aktualisiert am 31.05.2026
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Bei Mercedes stehen wir vorm nächsten "Krieg der Sterne". Das erinnert an Hamilton gegen Rosberg. Du warst ja damals ganz nah dran: Wie siehst du diese Situation?

Michael Schmidt: Absolut vergleichbar. Und zwar würde ich die Situation so ein bisschen mit der Situation Piquet–Mansell vergleichen, obwohl Russell und Antonelli vom Alter her gar nicht zu den beiden passen. Die beiden waren ja damals schon arriviert, das waren erfahrene Fahrer. Aber der Piquet kam zu Williams, er war der große Favorit – so wie es Russell vor der Saison war. Der Williams war das beste Auto 1986. Piquet gewinnt das erste Rennen, so wie Russell das erste Rennen in Melbourne gewonnen hat. Merkt dann aber plötzlich, dass dieser Mansell viel besser ist, als er gedacht hat. Und er hat erst mal vier, fünf Rennen gebraucht, um das zu verarbeiten. Er hat es erst gar nicht ernst genommen und dann merkt er: Auf den Mansell musst du aufpassen.

Genau das Gleiche passiert jetzt mit Russell. Wo er dann gesagt hat: "Es hat mir alles nichts ausgemacht und ich habe genug Selbstvertrauen" – das ist wie lautes Rufen im Wald. Also natürlich hat dem das was ausgemacht, dass Antonelli da dreimal hintereinander gewinnt. Und jetzt kommt er nach Montreal, seine Strecke, also die Russell-Strecke, und der Antonelli fährt wieder mindestens mal auf Augenhöhe. Im Sprint hat er sich noch durchgesetzt mit harten Bandagen. Ich glaube nicht, dass er das im Rennen bis zum Ende durchgehalten hätte, diese Verteidigungsschlacht.

Dir ist etwas Interessantes aufgefallen: Antonelli hatte aus deiner Sicht was Cleveres in petto, worauf Russell nicht so reagieren könnte. Womit er ihn immer wieder ärgern konnte. Was genau war das?

Schmidt: Generell muss man sagen: Für mich war eigentlich Russell auch Favorit, weil er schon einer ist, der sich ins Thema reindenkt, der viel nachdenkt, der sich mit dieser Materie der gestiegenen E-Power wirklich befasst hat und wahrscheinlich da stundenlang studiert hat, wo er Energie speichern muss, wo er sie abgeben kann. Der Antonelli ist mir eher so ein Instinktfahrer, aber der Instinktfahrer gewinnt im Moment. Das treibt diesen Russell um.

Und wenn man sich dann mal genau anschaut, was sie da machen – man sieht ja eigentlich immer nur an dem Blinken der Rückleuchten in den Heckflügelplatten, was da passiert. Antonelli rekuperiert viel, viel mehr als Russell. Der macht das fast gar nicht beim Beschleunigen – und zwar in der Anfangsphase des Beschleunigens. Das ist dann quasi so eine Art Traktionskontrolle: Die regelt Leistung weg, weil, wenn du die volle E-Power einsetzt, hast du natürlich viel zu viel Leistung und ruinierst ja auch die Hinterreifen. Gerade wenn der Hinterreifen ein Thema ist, ist es das bei Russell. Dann läuft er eher in Probleme als Antonelli, was auch eher unüblich ist. Er ist der erfahrenere Pilot beim Reifenmanagement. Das macht Antonelli da besser.

Dadurch hat er beim Rekuperieren auf der Bremse wahrscheinlich ein bisschen weniger Leistung. Das heißt, das Auto wird im Heck weniger unruhig beim Bremsen. Sein Auto liegt viel stabiler auf der Bremse als das von Russell. Da hat man immer das Gefühl, der ist absolut am Limit. Der rekuperiert mit so viel Leistung, dass natürlich der Motor oder der Antrieb hinten mitbremst, dann kommt die Bremse noch dazu. Das ist teilweise gar nicht übertragbar, weil der Abtrieb nicht da ist. Also meiner Ansicht nach hat der Antonelli für sich ein wesentlich besseres System oder Rezept gefunden, wie er auf möglichst natürlichem Weg dieses Auto fährt.

Ist Antonelli jetzt an dem Punkt, wo er sagt: "Ich bin nicht mehr der Lernende, sondern ich kann Russell ärgern?" Und Russell muss aufpassen, weil er mehr zu verlieren hat?

Schmidt: Absolut. Ich habe auch das Gefühl: Weil du gesagt hast, er kann Russell ärgern – ich glaube, er will den Russell ärgern. Er will das ganz bewusst. Er hätte in Kanada sagen können: "Okay, ich hab jetzt da drei Siege, fahre ich dir mal hinterher, wäre ich halt Zweiter, mache meine Punkte. Wir müssen ja ein bisschen auf die McLaren noch aufpassen." Aber nein, der wollte dieses Rennen gewinnen, mehr als jedes andere, weil er genau wusste: Wenn man hier auf der Russell-Strecke den Russell schlägt, dann bricht er ihn vielleicht komplett. Und das hat man so richtig gemerkt.

Deswegen war der auch so aggressiv bei gewissen Manövern auf der Rennstrecke, wo sie Seite an Seite gefahren sind. Einmal hat ihn da der Russell im Sprint da ein bisschen in die Wiese oder in die Auslaufzone abgedrängt. Dann gab es im Hauptrennen ein, zwei Szenen am Ende dieser langen Geraden. Da mussten sie auch mal durch die Auslaufzone durch. Und Antonelli war ja richtig aggressiv. Toto Wolff musste sich einschalten und hat gesagt: "Konzentriere dich hier bitte auf die Strecke, über all das andere reden wir hinterher." Also das hat man schon gesehen: Der spielt jetzt auch schon seine Psychospielchen. Das spielt er natürlich gut, weil der Russell immer nervöser wird. Auch die Reaktion, als er ausgefallen ist. Das war natürlich ärgerlich, aber das war zum dümmsten Moment. Er hätte überall ausfallen können, bloß jetzt nicht in Montreal, wo er auch noch das Rennen gerade anführt.

Ich habe quasi diese Emotionalität bei Antonelli schon durch den Bildschirm gespürt. Fährt er jetzt die Ellenbogen aus und erleben wir da jetzt doch das Wunderkind, das uns versprochen wurde?

Schmidt: Ja. Und natürlich hat Antonelli jetzt gemerkt, genauso wie Russell es von Anfang an wusste: "Das ist meine historische Chance, Weltmeister zu werden." Jetzt sitzt man mal im besten Auto. Das hast du nicht immer in deiner Karriere. Wenn du es hast, musst du die Chance ergreifen. Und bei Russell war klar, dass er der große Favorit in der Saison ist. Antonelli ist spätestens seit seinem zweiten oder dritten Sieg klar. "Das kann meine Saison werden. Ich kann hier Weltmeister werden und ich muss jetzt mit allen Mitteln schauen, dass ich das da durchbringe."

Und natürlich schlägt er jetzt nach rechts und links aus, tritt mit breiter Brust auf, lässt sich nichts mehr gefallen, weil er bei Mercedes sagen kann: "Leute, was wollt ihr? Ich bin mindestens so schnell wie Russell, wenn nicht sogar schneller."

Toto Wolff - George Russell - Andrea Kimi Antonelli - Mercedes - Formel 1 - GP Miami 2026
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Glaubst du, das wird bei Mercedes viel schneller, viel hitziger als bei McLaren im letzten Jahr? Und wie wird Toto Wolff Herr der Lage?

Schmidt: Ja, ich glaube, dass die Regeln bei McLaren viel strenger sind, diese Papaya-Regeln. Da passen die schon auf. Aber irgendwann passiert trotzdem mal was. Nach dem Sprint gab es ja einen Einlauf von der Teamleitung und im Rennen ging es gerade so weiter. Also man hat gedacht, da hat nie was stattgefunden. Toto Wolff hat dann nach dem Rennen auch gesagt: "Das wird eine Sache sein, die uns noch ein bisschen beschäftigen wird, und man wird vielleicht noch mal reden müssen."

Es gilt natürlich das oberste Gebot, sich nicht in die Kiste zu fahren. Aber auf der anderen Seite: Das sind Rennfahrer und die wollen Rennen fahren. Und jetzt kann er ihnen natürlich auch nicht groß verbieten, wo es schon diese Titelchance für beide gibt, gegeneinander zu fahren.

Und es knallt eigentlich immer, oder?

Schmidt: Irgendwann knallt es. Und das Nächste ist, er [Wolff] ist natürlich schnell der Buhmann, wenn er plötzlich Stallregie ausgibt und sagt: "Wer den Start gewinnt, fährt das Rennen nach Hause." Dann steigen die Fans auf die Barrikaden, weil sie spannende Rennen sehen wollen. Und es ist ja jetzt spannend, das muss man wirklich sagen. Ich habe mal nachgezählt bei Russell gegen Antonelli. Im Hauptrennen gab es siebenmal kontroverse Szenen, also hat der eine versucht, den anderen zu überholen, entweder abgedrängt oder abgeblockt, wie auch immer. Siebenmal in 30 Runden und das unter Teamkollegen: Das war absolut geil.

Fazit